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TV-Kritik

"Maybrit Illner": RWE-Chef: "Die Annahme, dass der Hambacher Forst gerettet werden kann, ist eine Illusion"

Wie im Hambacher Forst stehen sich auch bei Maybrit Illner RWE und Aktivisten unversöhnlich gegenüber. Der Wald ist nicht zu retten, sagt der Chef des Energiekonzerns ohne ein Bedauern.

Von Jan Zier

Mit Blick auf den Hambacher Forst diskutierten die Gäste bei "Maybrit Illner"

Mit Blick auf den Hambacher Forst diskutierten die Gäste bei "Maybrit Illner" zum Thema "Teurer Strom, billige Ausreden – scheitert die Energiewende?"

Der Hambacher Forst, er ist längst weit über Deutschland hinaus zum Symbol der Klimapolitik geworden. Und zwar schon bevor seine Räumung durch den Tod eines Journalisten ausgesetzt wurde, fürs Erste. "Teurer Strom, billige Ausreden – scheitert die Energiewende?" also ist die Frage, über die Waldbesitzer RWE und die KohlegegnerInnen, über die Schwarze und Grüne, über die Verbraucherschützer und Politiker bei debattieren.  

Wer hat diskutiert?

Rolf Martin Schmitz, seit 2016 Vorstandsvorsitzender der

Antje Grothus, Anti-Kohle Aktivistin und Gründungsmitglied der Bürgerinitiative "Buirer für Buir"

, CDU, Bundeswirtschaftsminister

, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

Christine Herntier, parteilose Bürgermeisterin von Spremberg in der Lausitz und Sprecherin der Brandenburger Kommunen in der Kohlekommission 

Klaus Müller, seit 2014 Vorstand der Verbraucherzentralen Bundesverband und bis 2005 grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein

Wie lief die Diskussion?

Natürlich muss auch hier zunächst über die Frage geredet werden, wann denn – Achtung: Überleitung – CSU-Innenminister Horst Seehofer "vom Netz genommen" wird. Vielleicht am 14. Oktober, also nach der Bayern-Wahl, ist die Antwort, aber Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier möchte ohnehin lieber über anderes reden, also: ausnahmsweise mal wieder. Die Frage nach der Rettung des Hambacher Forstes indes ist schnell geklärt: "Die Annahme, dass der Hambacher Forst gerettet werden kann, ist eine Illusion", sagt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz mit großer Bestimmtheit. Ende der Debatte: "Er muss gerodet werden!" Und RWE darf das. 200 Hektar ist das Waldgebiet noch groß, früher warfen es mal über 4.000. Der dortige Braunkohle-Tagebau ist mittlerweile rund 85 Quadratkilometer groß, bis 2040 will die RWE nochmal 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle fördern. Es gehe in der Debatte wirklich nur "um ein Symbol", sagt der RWE-Manager kühl, nicht ohne im gleichen Moment darauf zu verweisen, dass man ja elf Millionen neue Bäume gepflanzt habe.

"Keine Rekultivierung der Welt kann den Hambacher Forst ersetzen", hält die Umweltaktivistin Antje Grothus dagegen und geißelt die derzeitige "Machtdemonstration" des Energiekonzerns. Doch auch der grüne Fraktionschef Anton Hofreiter springt ihr da nicht bei – er will lieber über das große Ganze diskutieren, nicht nur über den Hambacher Forst. Die Große Koalition habe den Kohleausstieg "abgeräumt", so sein Vorwurf, bei einer Jamaika-Koalition wäre das anders gewesen, sagt der Grüne. Peter Altmaier freilich behauptet das Gegenteil. Verbraucherschützer Müller fordert derweil ein "Moratorium", bis die Sache mit dem Kohleausstieg zu Ende verhandelt ist. Und dann gibt es da noch die Lausitz, in der noch immer sehr viel Braunkohle im Tagebau gefördert wird. Doch wo 1990 noch 90.000 Leute arbeiten, sind es heute nur noch 8.000. Die Kommunalpolitikerin fordert deshalb den Strukturwandel, Altmaier verspricht ihn – und viel Geld, über das er noch mit der SPD reden muss. "Es wird zu wenig über neue Arbeitsplätze geredet", sagt er.

                               

Der besondere Moment

Als von den Kosten der Energiewende die Rede ist – Altmaier bezifferte sie vor fünf Jahren auf etwa ein Billion Euro bis zum Ende der Dreißiger Jahre – sagt der RWE-Chef, ohne mit der Wimper zu zucken: "Der normale Mensch zahlt das alles", sei es als Konsument, sei es als Steuerzahler. Verbraucherschützer Müller findet das einfach nur "zynisch".

Die Erkenntnisse

  • Derzeit trägt die Braunkohle noch etwa ein Viertel zu Deutschlands Nettostromerzeugung bei. Ein Verzicht auf die Rodung des Hambacher Forstes würde die RWE laut ihrem Chef vier bis fünf Milliarden Euro kosten.   
  • Der Ausstieg aus der Kohle hat für Privatleute oder Handwerker "mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit keine großen Auswirkungen" auf die Verbraucherpreise, sagt der Verbraucherschützer.
  • Die Kilowattstunde Strom ist bei erneuerbarer Energie heute deutlich günstiger zu haben als bei Atomstrom, sagt der Grünen-Fraktionschef. Zugleich sind die Verbraucherpreise in Deutschland mit 30 Cent pro Kilowattstunde aber deutlich höher als in den Niederlanden (15,6) oder in Frankreich (16,9). Dafür aber sei der "Industriestrompreis" hierzulande aber deutlich niedriger als anderswo in Europa, so Hofreiter.
  • Laut  Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier fehlen von den geplanten 7.700 Kilometer Leitungen für den Strom aus erneuerbaren Energien noch 6.600. "Die Politik hat sich darum  jahrelang nicht gekümmert", gibt er zu.
  • Das im Raum stehende Kohleausstiegsdatum 2038 will Altmaier weder bestätigen noch dementieren, verspricht aber, dass der Zeitpunkt noch in diesem Jahr festgelegt wird. Man liege nur acht Jahre auseinander, sagt der RWE-Chef zum Grünen-Fraktionsvorsitzenden.           

Fazit

Ob die Energiewende scheitert, ist unklar, mindestens aber dauert sie zu lange – so viel steht fest. Ach ja: und dass der Hambacher Forst nicht mehr zu retten ist. 

Notärzte versorgen einen Mann, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen war. Er überlebte nicht.