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Umstrittener Kanzlerkandidat: Gerüchte um Steinbrücks Ende "völliger Quatsch"

In Umfragen erlebt er einen beispiellosen Absturz. Dennoch will Peer Steinbrück weiterhin sagen, was er denkt. Rückendeckung erhält er von SPD-Chef Gabriel und sogar vom politischen Gegner.

In Umfragen ist er abgestürzt - einen Grund, seinen Kurs zu korrigieren, sieht Peer Steinbrück dennoch nicht. Allerdings räumte er auch Fehler ein. Er und die SPD müssten mehr für ihre Standpunkte werben. "Ich will allerdings auch bei meinem Stil bleiben: Sagen, was ich denke. Viele Bürger sagen mir, sie wollten keine Politiker, die immer nur glatt geschliffene Antworten geben", betonte der SPD-Kanzlerkandidat in der "Braunschweiger Zeitung".

Überraschend erhielt Steinbrück Rückendeckung vom politischen Gegner: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der bekannt für offene Worte ist, die den eigenen Leuten nicht passen, nannte Steinbrücks viel kritisierte Äußerung über die Höhe der Kanzlerbezüge in der Zeitung "Die Welt" zwar "unklug", aber auch "ehrlich" und "zutreffend". Steinbrück hatte beklagt, dass in Deutschland der Kanzler weniger verdiene als ein nordrhein-westfälischer Sparkassendirektor. Für die Aussage war der Herausforder von Angela Merkel heftig kritisiert worden, weil sie den Eindruck erweckte, dass er mehr Geld wolle, wenn er Regierungschef werde. Schon durch das Bekanntwerden seiner Honorare für Vorträge außerhalb des Bundestages war Steinbrück in den Ruf geraten, Geld sei ihm wichtiger als Politik. Seither ist der SPD-Mann in Umfragen abgestürzt.

Steinbrück übte sich in Selbstkritik. Er hätte die Reaktionen auf seine Äußerungen zum Kanzlergehalt vorhersehen müssen, sagte er. "Aber die Alarmglocken haben nicht geläutet, weil ich und andere das ja auch vorher schon gesagt haben." Eines sei ihm dabei wichtig: "Ich habe aber mit keiner Silbe eine Erhöhung des Kanzlergehalts oder der Vergütung generell von Politikern gefordert. Das wurde mir untergeschoben." Der Sozialdemokrat räumte zudem ein, dass die SPD ihre Standpunkte den Bürgern deutlicher vermitteln müsse. "Wir werden stärker über unsere Inhalte, über unsere Themen reden müssen."

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel gestand ein, die Debatten um Steinbrück hätten "nichts zur Steigerung des Wohlbefindens der Bevölkerung mit der SPD beigetragen". Die Sozialdemokraten stünden dennoch zu ihrem Kanzlerkandidaten. Gerüchte, es gebe Überlegungen in der Partei, Steinbrück abzulösen, seien "völliger Quatsch" und eine Erfindung der Medien, sagte Gabriel. "Da ist viel Wind vor der Haustür. Wir halten an Peer Steinbrück fest."

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Die schlechten Umfragewerte Steinbrücks sorgen einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge in der SPD für Unruhe. Namhafte Sozialdemokraten glaubten inzwischen, nur ein rot-grüner Erfolg bei der Landtagswahl am 20. Januar in Niedersachsen könne die Partei vor einem Debakel bei der Bundestagswahl im Herbst bewahren, berichtet das Blatt. "Egal wie die Niedersachsenwahl ausgeht: Es wird keine Diskussion um den Kanzlerkandidaten geben", versicherte dagegen Gabriel bei der traditionellen Jahresauftakt-Klausur der Hessen-SPD in Friedewald.

Knapp eine Woche vor der Wahl liegen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Umfragen fast gleichauf. SPD-Spitzenpolitiker aus Bund und Ländern wollen deshalb noch zahlreiche Wahlkampftermine wahrnehmen. "Wir müssen alle ins Feld, um Schwarz-Gelb abzulösen", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" aus der Parteiführung. Die Wahl in Niedersachsen sei "ein knappes Rennen", meinte Gabriel. Die SPD habe aber "eine Riesenchance", die CDU/FDP-Regierung in Hannover abzulösen.

Steinbrück kündigte in der "Braunschweiger Zeitung" an, er werde in der kommenden Woche in Niedersachsen bei sogenannten Wohnzimmergesprächen Bürger und deren Gäste zu Hause besuchen. Die SPD hatte in Anzeigen und im Internet aufgerufen, sich für die Gespräche zu bewerben, an denen bis zu 20 Bürger teilnehmen können. "Das Interesse ist groß." Die Begegnungen fänden ohne Journalisten statt, die Teilnehmer könnten aber hinterher selbst berichten.

tso