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Jürgen Resch im Porträt: Mister Umwelthilfe - der Mann, der die Diesel aus Deutschlands Innenstädten verjagt

Für die einen ist er ein Umwelt-Engel, der für saubere Luft kämpft. Für die anderen ein Öko-Teufel und Feind der Autofahrer. Jürgen Resch tritt immer dann vor die Presse, wenn mal wieder ein Fahrverbot verhängt wurde. Die Anfeindungen gegen ihn nehmen zu.

Jürgen Resch, einer der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, im September vor Beginn einer Verhandlung über Diesel-Fahrverbote. Im Hintergrund ein Greenpeace-Plakat mit der Aufschrift "Saubere Luft ist nicht verhandelbar".

Jürgen Resch, einer der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, im September vor Beginn einer Verhandlung über Diesel-Fahrverbote. Im Hintergrund ein Greenpeace-Plakat mit der Aufschrift "Saubere Luft ist nicht verhandelbar".

DPA

Eigentlich sollte es vergangene Woche zum 13. Mal geschehen – ein Gericht sollte das nächste Diesel-Fahrverbot verhängen, diesmal für Darmstadt. Doch die Verhandlung zog sich gute sieben Stunden hin, und am Ende sprach der Richter kein Urteil, sondern ordnete an, dass sich die Streithähne auf einen Plan für saubere Luft einigen. Bis zum 19. Dezember haben sie Zeit für diesen Vergleich – sonst fällt der Richter sein Urteil.

Geklagt hatte die Deutsche Umwelthilfe gemeinsam mit dem Verkehrsclub Deutschland. Was in den Augen der Öffentlichkeit nur wie ein weiteres Kapitel in der Endlos-Saga des Diesel-Skandals aussah, war für Jürgen Resch, dem Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, eine kleine Sensation. Denn so viel Kooperation hatte er beim Thema Diesel noch nie erlebt: Erstmals sei eine Landesregierung freiwillig bereit, Dieselfahrverbote umzusetzen, sagte er dem stern. Das Gericht habe klar gemacht, "dass Dieselfahrverbote für Darmstadt kommen werden", betont er. Sein Verein habe sich mit dem Land Hessen nun darauf verständigt, hierfür einvernehmliche Lösungen für diese Verbote auszuarbeiten. Außerdem will man sich gemeinsam Gedanken machen, wie der Verkehr intelligent gelenkt werden kann.

Deutsche Umwelthilfe vor Gericht sehr erfolgreich

Wie üblich saß Resch die vielen Stunden mit im Gericht, er kennt jedes Detail. Wenn er über den Fall spricht, erklärt er, warum diese oder jene Streckensperrung keinen Sinn mache, betont, wie wichtig es sei, dass die Grenzwerte für das Dieselabgasgift NO2 eingehalten werden - in Darmstadt wie in anderen Metropolen. In Deutschland gelten 15 Kommunen als besonders belastet. Eine ganze Reihe von Fahrverboten haben Resch und sein Verein schon durchgesetzt, darunter in Frankfurt und Berlin, und zuletzt sogar für Teile der Ruhrgebiets-Autobahn A 40.

Resch ist das Gesicht der Deutschen Umwelthilfe, einer gemeinnützigen Organisation, die es seit mehr als 40 Jahren gibt, und die ebenso für saubere Luft kämpft wie gegen Plastikmüll oder Coffee-to-go-Becher. In den Fokus rückt die "DUH", wie sie abgekürzt wird, derzeit aber vor allem wegen des Diesel-Skandals, an dessen Aufdeckung sie auch mit eigenen Messungen mitwirkte.

Meist läuft es anders als vergangene Woche im Fall Darmstadt, und dann kommt es meist so: Die Umwelthilfe klagt, weil Grenzwerte nicht eingehalten werden, ein Gericht spricht ein Fahrverbot aus – und Resch tritt vor die Presse und sagt Sätze wie: "Dies war ein guter Tag für die saubere Luft in …" Er spricht in druckreifen, klaren Sätzen. Fernsehzuschauern ist der Mann, Jahrgang 1960, mit den markanten silbergrauen Haaren und der Hornbrille inzwischen gut bekannt aus den Abendnachrichten. Vermutlich ist Resch inzwischen Deutschlands bekanntester Umweltschützer.

Fans sehen in ihm einen Umwelt-Helden, der schlicht für die Einhaltung von Gesetzen kämpft und dagegen, dass der Einfluss der Industrie auf politische Entscheidungen zu groß wird. Für seine Gegner ist er eine Hassfigur, der Deutschlands Autoindustrie kleinkriegen will.

Eine Nation der Diesel-Fahrer

Doch die Kritiker werden in letzter Zeit lauter, denn Reschs Organisation kratzt an einem deutschen Heiligtum, dem Diesel. Unzählige Arbeitsplätze hängen an der Technologie. Viele Autofahrer kauften Diesel-Autos in gutem Glauben, etwas Gutes für die Umwelt zu tun – denn die heute verpönten "Stinker" galten einst als vergleichsweise sauber. Autobesitzer müssen zusehen, wie ihre Fahrzeuge massiv an Wert verlieren. Viele Menschen wissen nicht recht, wie sie demnächst zur Arbeit kommen sollen, wenn ihr Diesel nicht mehr in die Innenstadt fahren darf.

Besonders laut kommt die Kritik aus der AfD. Deren Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alice Weidel, twittert gern mal Statements wie "Deutsche Umwelthilfe (#DUH), eine Organisation von der Größe eines Kleingartenvereins, nimmt Automobilindustrie erfolgreich aufs Korn". Eine Angriffsfläche bietet die Umwelthilfe dabei allerdings tatsächlich: Denn unter den Sponsoren der Umweltschützer befindet sich ausgerechnet der japanische Autobauer Toyota, der sich gerade aus der Entwicklung und Produktion von Dieselfahrzeugen verabschiedet, um sich voll auf Hybridfahrzeuge und Elektroautos zu konzentrieren.

Jürgen Resch und der Autobauer Toyota

Resch kontert diese Kritik: "Außer von Toyota bekommen wir auch Spenden von Daimler", sagt er, also von einem deutschen Konkurrenten der Japaner. Spenden von Unternehmen seien nichts Ungewöhnliches für gemeinnützige Organisationen, die sich schließlich auch durch Zuwendungen finanzieren. Zudem liege der Betrag, den Toyota jährlich überweise "im Promillebereich", was die Einnahmen der Umwelthilfe angehe. "In diesem Jahr sind es 30.000 Euro, das DUH-Jahresbudget beträgt 10 Millionen Euro", sagt der Umweltschützer. Konkurrent Daimler unterstütze seit 20 Jahren in gleicher Größenordnung wie Toyota die internationale Naturschutzstiftung der Umwelthilfe, den "Global Nature Fund“.  

Attackiert die Umwelthilfe also die deutschen Diesel-Hersteller zur Freude der Japaner? Auch hier kontert der streitbare Resch. "Auch Toyota verkauft Diesel-Pkw", erklärt er. "Und so haben wir den japanischen Hersteller wie alle anderen Dieselkonzerne untersucht." Sein Verein sei bei diesen Untersuchungen fündig geworden: "Bei einem von uns bereits 2016 getesteten Toyota Auris 1,4 D haben wir um den Faktor 5,1 zu hohe Stickoxid-Emissionen gemessen und dies veröffentlicht."

Ein weiteres Beispiel, dass man Toyota nicht schone, sei folgendes: "47 Klagen haben wir gegen Toyota in den vergangenen zehn Jahren wegen Verstößen gegen Umwelt- und Verbraucherschutzvorschriften vor Gericht gebracht – und allesamt gewonnen", sagt der DUH-Chef und betont: "Wir agieren unabhängig.“

Doch die Toyota- Spenden sind nicht der einzige Punkt, der immer wieder von Kritikern genannt wird. Die bislang durchgesetzten Fahrverbote sind vielen Bürgern lästig. Sie befürchten Chaos und nervige Umwege beim Pendeln zur Arbeit. Manche Bürger überlegen, wie sie das Geld für ein umweltfreundlicheres Fahrzeug zusammenkratzen sollen, wenn sie ihren Diesel nicht mehr in der City fahren dürfen. Ohnehin kochen beim Thema Auto hierzulande regelmäßig die Emotionen hoch.

In jüngster Zeit werden die Anfeindungen gegen die Umweltschützer daher heftiger: Resch berichtet von regelrechten Diffamierungs-Kampagnen, denen er und sein Verein seit einigen Monaten ausgesetzt seien, auch in den sozialen Medien. Beschimpfungen wie "Abmahn-Verein" kratzten am Image, sagte er. So etwas würde wohl niemand im Zusammenhang mit einem Mieterschutzbund oder einer Verbraucherzentrale verwenden, mutmaßt Resch, also Organisationen, die sich ebenfalls für das Wohl der Bürger einsetzen.

Umweltschutz gegen Industrie - das ist der Kampfplatz, auf dem sich Resch und seine 110 hauptamtlichen Mitarbeiter tummeln. Kein Wunder, dass mit harten Bandagen gekämpft wird. Resch berichtet von Drohschreiben, Einstweiligen Verfügungen und Gerichtsverfahren. Zuletzt habe es harte juristische Auseinandersetzungen mit Volkswagen und Daimler gegeben.

Rechtsstreitigkeiten sind das eine. Andere Attacken kommen, wie er berichtet, aus dem Verborgenen, sind diffuser und teils illegal: "Seit drei Jahren erlebt die DUH zunehmend Angriffe auf ihren Internetauftritt", beklagt der DUH-Chef. "In einem Fall war es den Angreifern sogar gelungen, am Tag der angekündigten Veröffentlichung einer 600-seitigen VW-Geheimakte den Downloadbereich der DUH für Tage zu zerstören und Textpassagen in der dazugehörenden Pressemitteilung zu ändern." Wer hinter diesem und anderen Angriffen ähnlicher Art steckt, ist völlig unklar.

Verbale Anfeindungen sind da deutlich harmloser. Allerdings kamen diese zuletzt häufiger von prominenter Stelle. Nachdem ein Gericht Mitte November auf Teilen der  Autobahn A 40 ein Fahrverbot angeordnet hatte, wurde Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wütend. Der CSU-Politiker attackierte zwar nicht die Umwelthilfe direkt, dafür aber die Gerichtsentscheidung, die er als unverhältnismäßig bezeichnete. Solche Diskussionen gebe es nur in Deutschland, sagte der CSU-Politiker und das "auch nur aus einer unglaublichen Wohlstandssituation heraus".

Eine weitere Attacke fährt derzeit die Unions-Schwesterpartei CDU: Auf dem nächsten Parteitag im Dezember in Hamburg soll die Gemeinnützigkeit der Umwelthilfe ein Thema sein. Der CDU-Bezirksverband Nordwürttemberg fordert in einem Antrag, diese dem Verein abzuerkennen. Das hätte unter anderem zur Folge, dass Spenden an die DUH  nicht mehr steuerlich absetzbar wären. Resch sieht diesen Vorstoß als reinen Populismus – denn über die Gemeinnützigkeit entscheidet das zuständige Finanzamt, keine Partei.

Als beunruhigendes Signal sieht er einen weiteren Antrag: Darin fordert derselbe Bezirksverband, für die Umwelthilfe die Möglichkeit abzuschaffen, Verbandsklagen vor Verwaltungsgerichten zu erheben. Dies sei mit europäischem Recht unvereinbar, argumentieren die Umweltschützer. Resch sieht hierin eine gefährliche Tendenz: "Wo ist der Unterschied zu Regimen wie von Viktor Orban oder Wladimir Putin", fragt er? Vereine wie seiner hätten einen wichtigen Platz in der Demokratie - auf die Einhaltung von Gesetzen zu dringen. Eine Politik, die solche demokratischen Prozesse untergraben wolle, sei gefährlich und trage autokratische Züge.

Jürgen Resch ist seit 30 Jahren das Gesicht des Vereins

Resch spricht schneller, wenn er bei solchen Themen ist. Man merkt ihm die Emotionen an. Und dieses Engagement legt er seit Jahrzehnten an den Tag: Seit 30 Jahren ist er neben Sascha Müller-Kraenner Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Inzwischen sind sie in dieser Funktion zu dritt, Barbara Metz ist die dritte im Team der Geschäftsführer. Resch fing 1986 bei der Umwelthilfe an, absolvierte die Probezeit, wurde kurz Geschäftsführer und seit Januar 1988 ist er Bundesgeschäftsführer. 

Damals, mit Ende 20, war er schon eine bekannte Größe im Umweltschutz. Hinter ihm lag eine erfolgreiche Kampagne gegen das Mäusegift Endrin in seiner Heimat am Bodensee, das Greifvögel tötete und auch für Menschen giftig ist. Endrin und später auch das Pestizid Lindan wurden schließlich verboten. Als "Umwelt-Gaddafi" hätten sie damals in Baden-Württemberg den jungen Öko-Aktivisten bezeichnet, schreibt der "Südkurier". Damals hatte der der junge Mann, der in der Schule zwei Ehrenrunden drehte und ein Studium abbrach, um im Naturschutz zu arbeiten, Bewunderer aus der CDU-Prominenz: 1983 wurde Resch vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth für sein bürgerliches Engagement geehrt.

Mäusebussarde vor dem Gift-Tod zu retten ist eine Sache. Sich mit einer der wichtigsten Industriezweige Deutschlands anzulegen eine ganz andere. Resch geht in diesen Wochen durch eine turbulente Zeit, eilt von Sitzung zu Sitzung. Trotz der zuletzt lauteren öffentlichen Kritik erreiche ihn aber auch sehr viel Lob per E-Mail, sagt er dem stern. Viele der Mails beantworte er selbst.

Das Lob von Bürgern spornt ihn augenscheinlich an - genauso wie Gerichtstermine wie der vergangene Woche in Hessen. Resch freut sich regelrecht darauf, "außerhalb der Gerichte mit dem Land Hessen einen Plan auszuarbeiten, der den Darmstädter Bürgern bis Ende 2019 die ihnen zustehende 'Saubere Luft" bringen soll", wie er es beschreibt. "Ich hoffe wirklich, dass das nicht scheitert", sagt er zu den geplanten Verhandlungen - und wirkt dabei so optimistisch, wie damals als er unbedingt das Rätsel der toten Greifvögel lösen wollte.