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Und jetzt ... Django Asül Tschüss, Hindukusch!

Wir haben genug eigene Probleme, der Hindukusch muss wieder allein klarkommen. Deutschland übernimmt in Europa die Führung, da hat der Afghane das Nachsehen.
Eine satirische Analyse von Django Asül

Deutschland steht statistisch gesehen glücklicherweise prima da. Es ist das einzige Land auf der Welt, dessen Finanzminister damit angeben kann, trotz Rekordeinnahmen neue Schulden machen zu können. Und wie sich Frau Merkel jetzt auch noch in China von den Oberchinesen anhören durfte, ist Deutschland auch offiziell nominiert, die EU-Schuldenkrise in Eigenregie lösen zu dürfen. Auf Frankreich will sich scheinbar niemand mehr verlassen als europäische Lokomotive. Sollten dort nämlich die Sozialisten an die Macht kommen, rechnen die Auguren mit dem üblichen sozialdemokratischen Kuschelprogramm: Rente mit 56 statt 65, 30-Stunden-Woche, und das alles kompensiert mit einer Verdopplung der Renten. Das wird zwar zu einer weiteren Verdüsterung der europäischen Idee führen, aber zeitgleich auch zu einer Verbesserung der Stimmung.

Und darauf kommt es ja letzten Endes an. Ohne Europa kommt die ganze Welt prima zurecht. Aber ohne gute Stimmung ist die beste Atmosphäre wertlos. Analysten zufolge ist der Untergang Griechenlands an den Börsen längst eingepreist. Miese Stimmung jedoch könnte den Dax nach unten reißen. Aber dem Dax geht es prima. Er ist sozusagen stolz darauf, dass sein Mutterland die Führung in Europa übernommen hat.

Kurzum: Die Grenzen Deutschlands dehnen sich immer weiter aus. Auf der Landkarte endet Deutschland nun rechts unten an der türkischen Grenze. Links unten markiert Gibraltar den Schlusspunkt. Und damit wird die Korrektur eines generellen Missverständnisses nötig. Ein gutes Jahrzehnt lang behaupteten deutsche Regierungen jedweder Couleur, die Sicherheit Deutschlands müsse am Hindukusch verteidigt werden. Dabei gammelt die deutsche Sicherheit dank Euro eher ein bisschen angenervt an den Küsten Griechenlands und Portugals herum.

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Zugegebenermaßen saßen nicht nur die Deutschen diesem Hindukusch-Irrtum auf. Sage und schreibe 47 Nationen wähnten nämlich ihre Sicherheit plötzlich am Hindukusch. Wer kann es da dem Hindukusch verdenken, dass er schlicht überfordert war mit so einem enormen Bedürfnis nach ausgelagerter Sicherheitsverteidigung? Ganz zu schweigen davon, dass die Infrastruktur am Hindukusch gar nicht vorbereitet war auf diesen Andrang. Und vernünftige Kooperationen mit Tui oder Öger Tours waren auf die Schnelle natürlich auch nicht auf die Beine zu stellen.

Afghanistan war quasi das Boomland schlechthin. Doch mittlerweile ist es ein zu teures Pflaster geworden. Amerikaner und Franzosen beispielsweise wollten noch länger bleiben. Aber wenn die heimische Wirtschaft darbt, muss eben erst mal vor der eigenen Haustür gekehrt werden, wenn man sich schon keine Hausverwaltung mehr leisten kann. Und Deutschland hat auch längst den Rückwärtsgang einlegen müssen und wollen. Der Hindukusch gehört in naher Zukunft also wieder den Einheimischen, die nie so recht verstehen wollten, warum ihnen die zivilisierten Westler dauernd mit Stabilisierung und Demokratisierung daherkamen.

Zumal die jüngere Geschichte lehrt, dass Stabilität und Demokratie eigentlich in keinerlei Zusammenhang stehen. Der gebildete Hindukuschler schaut sich die Nachrichten an und stellt fest: Demokratie ist nichts anderes als das muntere Zusammenspiel von Staatsverschuldung, Erderwärmung und Volksverfettung. Da darf man es dem Hindukuschler auch nicht übel nehmen, wenn er sich in Sachen Kontostand, Außentemperatur und Cholesterinwerte eher für sein archaisch-konservatives Modell entscheidet.

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Interessant ist übrigens in diesem Kontext auch die Geduld des dortigen Einheimischen. Denn die Vertreter des Westens haben sich in Afghanistan oft aufgeführt wie sonst heutzutage nur noch die genetischen Nachfolger von Iwan dem Schrecklichen in Kitzbühel und an der Côte d’Azur. Und dennoch hatten all die Stammesmitglieder von Hindu bis Kusch die Ruhe weg. Sie wussten: Irgendwann wird der Rummel auch den Nato-Staaten zuviel. Aussitzen in dieser zeitlichen Dimension kannte man bis dato nur von Helmut Kohl. Und der bevorzugte schließlich selbst in seinen besten Aussitzjahren Pfälzer Saumagen statt afghanischen Mohneintopf.

Am Hindukusch stehen die Zeichen also wieder komplett auf Anfang. Und mit dem vom Westen installierten Präsidenten Karzai kann der Afghane von nebenan auch nicht so viel anfangen. Karzai steht imagemäßig bei seinen Landsleuten in etwa so da wie Ballack bei Bayer Leverkusen. Der Status Volksheld gilt sozusagen nicht als gesichert. Karzai hat nie begriffen, wo seine Grenzen liegen.

Deutschland wiederum versucht derzeit zu eruieren, wo die deutschen Grenzen liegen. Für Karzai wie auch Deutschland gilt ab sofort definitiv: Scheinbar nicht am Hindukusch. Finanzexperten sind sogar der Meinung, wer unbedingt Zoff für nix und wieder nix haben will, müsse gar nicht in Afghanistan einmarschieren. Meist reiche schon die Einführung einer Gemeinschaftswährung.


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