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Und jetzt... Django Asül: Grüne auf der Gewissensüberholspur

Grün, Grüner, Kretschmann: Der baden-württembergische Ministerpräsident fliegt mit dem Hubschrauber durch die Republik. Denn er weiß: Nur wer auf der Unglaubwürdigkeitsskala vor der Kanzlerin ist, kann noch Wahlen gewinnen.

Politik hat mittlerweile nur sehr bedingt mit der Ratio zu tun. Das hat die vergangene Woche eindrucksvoll bestätigt. Da gewinnt die nominal konservative CDU an Zustimmung im Volk, weil/obwohl die Kanzlerin von Tag zu Tag mehr Schuldensozialismus propagiert und für Mindestlöhne ist. Da zeigt ein Lafontaine sein Faible für eine Linksextremistin, obwohl er nicht viel von Linksextremismus hält.

Da schimpfen die Engländer auf die Eurostaaten, obwohl sie selber gar keine Lust auf den Euro haben. Doch die seltsamste Volte ist der Liebesentzug für die Grünen, die sich nun schon seit Wochen immer mehr durch die Gesellschaft frisst. Genau, DIE Grünen! Nicht lang her, da lagen sie bei Wahlen nahe der absoluten Mehrheit und in Umfragen deutlich drüber. Dabei hatten sie gar nichts gemacht, was diesen Aufschwung begründet hätte. Ebenso wenig gab es danach einen Grund für den Abschwung, den eigentlich die FDP für das derzeitige Jahrzehnt komplett gepachtet zu haben schien. Und so hat nun eine interne Analyse der Grünen ergeben: Der Boom der Partei war zu sage und schreibe 132 Prozent Fukushima zu verdanken. Gerade Bürger aus bildungsfernen Schichten glauben sogar überproportional oft, die Grünen seien gar keine Politiker, sondern japanische Flüchtlinge, die ihre grünliche Farbe dem Bad im fukushimierten Kühlwasser des Reaktors zu verdanken haben.

Wowereit hat eine Minderheitsregierung mit Mehrheit

Die Grünen können jetzt darüber herzhaft lamentieren. Oder aber Gegenmaßnahmen ergreifen. Denn wie sehr sie sich auf die SPD als natürlichen Partner verlassen können, hat die Berlin-Wahl ja schon dokumentiert. Berlins Lieblingspolitdandy Wowereit ließ es sich nicht nehmen, den Grünen im entscheidenden Moment einen Tritt in die Weichteile zu geben. Dafür hat er eine Koalition mit der CDU. Und wer die Berliner CDU kennt, weiß auch, dass es diesen Ortsverband nur als Phantom gibt und als Protagonisten lediglich ehrenamtliche Politikdarsteller aufzubieten hat.

Im Grunde hat Wowereit also nun eine Minderheitsregierung mit gesicherter Mehrheit. Und bei den Grünen ist die Mehrheit dafür, dem Drift in Richtung schützenswerte Minderheit Paroli zu bieten. Die Grünen müssen also wieder mehr auf die Mitte zugehen. Das einstige Spitzenklientel der Grünen, namentlich die staatsskeptische Erbengeneration mit Drogenvergangenheit und Dividendenzukunft, wendet sich längst lieber den Piraten zu. Wer das nicht erkennt, rennt wohl mit zwei Augenklappen rum. Aber wer in den 90ern den Marsch durch die Institutionen so elegant hingekriegt hat, sollte mit ein bisschen Pep auch den Marsch auf die etablierte und vor Verlustängsten gepeinigte Mitte hinkriegen.

Hinterhofklitschen wie Porsche und Daimler verbieten

Der Vorteil ist schon mal, dass bei den momentan nerven- und kapitalkillenden Themen die Grünen sowieso außen vor sind. Vom Euro und von Europa sind die Grünen gefühlt so weit weg wie Italien von einem ausgeglichenen Haushalt. Das ist ein großer Trumpf. Zudem präsentiert sich das Spitzenpersonal auf sympathische Weise entrückt von dem, was viele den Grünen unterstellen oder vorwerfen. Wer beispielsweise Cem Özdemir mal sieht, muss sofort zugeben: Die dereinst von Kanzler Schröder eingeleitete Brionisierung der Politik war lediglich die Basisstufe. Neben Özdemir würde ein Schröder wie vom Zufallsgenerator eingekleidet aussehen. Und wenn Özdemir sich zu wichtigen Themen äußert, hat das zwar meist keinen Inhalt, aber dafür Hand und Fuß. Da kann sich eine Merkel eine Scheibe abschneiden davon.

Ein noch besseres Beispiel der Integration gibt Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann ab. Dem war ja eigentlich seine Ernennung schon peinlich. Was hat er sich alles einfallen lassen, um nicht zu sehr an Helmut Kohl zu erinnern? Statt in der Präsidentenvilla zu wohnen, wollte er zunächst lieber nur im Vorgarten zelten. Was wieder fatalerweise sehr an den libyschen Feingeist Gaddafi erinnerte und somit nicht praktikabel war. Statt mit dem Dienst-Daimler wollte er mit dem Zweirad (bei Glatteis Dreirad) reisen. Als erste Amtshandlung ließ er erst mal wissen, dass er so unnötige Hinterhofklitschen wie Porsche oder Daimler am liebsten verbieten lassen würde.

Mit dem Hubschrauber quer durch die Republik

Aber nach den üblichen hundert Tagen Einarbeitungszeit kam selbst ein Kretschmann mit der Realität besser zurecht. Ein Paradebeispiel lieferte er jüngst bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Lübeck. Die Kollegen aus den anderen Bundesländern kamen je nach Strecke per Dienstwagen oder Linienflug angerauscht. Um der Umweltbilanz aber einen richtigen Bärendienst zu erweisen, war Kretschmann richtig kreativ: Er charterte einen Hubschrauber, der natürlich quasi emissionsfrei unterwegs ist, und ließ so nebenbei noch den leeren, aber schweren Dienstwagen auch noch quer durch die Republik fahren. Als erster grüner Ministerpräsident kann er ja nicht auf Risiko gehen und hoffen, dass es in Lübeck auch Autos gibt, die ihn vom Hubschrauber zur Konferenz bringen könnten.

Die Grünen sind also alles in allem auf einem sehr guten Weg, in der Unglaubwürdigkeitsskala sogar an der Kanzlerin vorbei zu rauschen. Wenn sie so weitermachen, steht einem 30 plus x bei der Bundestagswahl nichts im Wege. Sie dürfen nur nicht von ihrem Gewissen eingeholt werden. Oder gar von ihrer Vergangenheit.

Django Asül