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Verlierer und Gewinner des Skandals: Guttenberg-Affäre - die Abrechnung

Er ist zurückgetreten. Immerhin, aber viel zu spät. Sein Zögern hat gewaltige Flurschäden in der politischen Landschaft hinterlassen. Es gibt viele Verlierer und nur einen ganz großen Sieger. Von Florian Güßgen

Er galt als politischer Star - und ist nun am Firmament verglüht wie eine Sternschnuppe. Karl-Theodor zu Guttenberg, KTG. Zurückgetreten ist er im Zuge einer Affäre, die ob ihrer Bedeutung und ihrer Dramatik in der Geschichte dieser Republik ihresgleichen sucht: der CSU-Politiker hat nicht nur seine Doktorarbeit abgeschrieben und das im Prinzip bestritten, sondern er hat vor allem lange die Dreistigkeit besessen, dafür nicht die Verantwortung übernehmen zu wollen. Quälende zwei Wochen lang hat Guttenberg den Eindruck erweckt, für ihn würden die moralischen und ethischen Standards, die den Kern dieser Republik ausmachen, nicht gelten. Es sind diese zwei Wochen, vielmehr als das Plagiat selbst, die einen gewaltigen Flurschaden in der politischen Kultur hinterlassen werden - die Affäre kennt fast nur Verlierer und nur ganz, ganz wenige Gewinner.

Verlierer Nummer eins: KTG

Verloren hat KTG selbst, natürlich. Sein Amt. Seine politische Karriere. Seine Würde. Denn auch die hehren Worte, die er für den Rücktritt gewählt hat, können nicht übertünchen, dass die Art und Weise seines Festhaltens am Amt schäbig war. Hätte er nach Bekanntwerden der Vorwürfe schnell sein Amt aufgegeben, mit den gleichen Worten wie am Dienstag: eine Rückkehr auf die politische Bühne in zwei, drei, vier Jahren wäre ohne Weiteres möglich gewesen. Der Weg ist ihm jetzt versperrt. Denn die Unverfrorenheit und die pseudojuristische Argumentation - "Ich habe nicht bewusst getäuscht", mit der er alle halbwegs klar denkenden Beobachter zu narren versucht hat, offenbarten einen schrillen, ruchlosen Ehrgeiz. Guttenberg selbst hat die Pose des glaubwürdigen, vernünftigen Edelmannes im politischen Geschäft als bloße Maske enttarnt. Seine Rückkehr in die Politik ist jetzt nicht mehr vorstellbar.

Verlierer Nummer zwei und drei: Merkel und die Union

Die zweite große Verliererin dieser Affäre ist die Kanzlerin, Angela Merkel. Mit aller Macht hat sie versucht, diesen Superstar der Umfragewerte, diesen Liebling der Medien und der Wähler-Massen, zu halten, ihn zu stützen. Vielleicht hatte sie die Wahl in Baden-Württemberg vor Augen, vielleicht auch die Machtbalance gegenüber dem Münchner Quartalsrabauken Horst Seehofer. In jedem Fall hat die Kanzlerin sich und ihre Partei bis zur Selbstverleugnung an den Franken gebunden. Das war fatal. Was bleibt von der kühlen Wissenschaftlerin Merkel, der Rationalistin Merkel, wenn sie das Ressentiment gegen die Geistesarbeit, gegen das Argument, mit einem lockeren Spruch verhöhnt? "Ich habe ihn nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sondern als Minister". Dieser Satz wird an ihr kleben bleiben. Was bleibt von einer Union, die sich so gerne der Glaubwürdigkeit rühmen möchte, des bürgerlichen Anstands, aber auch eines verantwortungsbewussten Umgangs mit politischen Ämtern, wenn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wider besseres Wissen per ordre Merkel einem Hochstapler die Stange halten muss? Es war eine der Leistungen Merkels, dass sie die CDU wegmanövriert hatte vom schwülstigen, aber inhaltsleeren Rückgriff auf das Nationale, auf das Patriarchalische, dass sie die CDU zu einer modernen, problemorientierten Partei der Mitte gemacht hatte. Mit ihrer weltvergessenen, im Wortsinne unvernünftigen Rückkehr zu einer mittelalterlichen Nibelungentreue hat Merkel die CDU um Jahre zurückgeworfen. Wie sehr sie damit auch ihrem in Baden-Württemberg um das politische Überleben kämpfenden Parteifreund Stefan Mappus geschadet hat, wird sich am 27. März erweisen. Dann wird im Süden gewählt.

Verlierer Nummer vier: die Glaubwürdigkeit der Politik

Aber es ist bei Weitem nicht nur ihre Partei, der Merkel geschadet hat. Sie hat, und das wiegt noch schwerer, die Glaubwürdigkeit der Politik an sich erschüttert: Merkel hat sich von den mächtigen, aber unendlich wankelmütigen Sirenen der Umfragedemokratie verführen lassen - und dafür auf die Werte der demokratischen Ethik gepfiffen. Sie hat das Gift des anti-elitären Ressentiments, des anti-intellektuellen Das-wird-man-doch-noch-sagen-Dürfens, hoffähig gemacht. Und es sich trotzdem mit allen verscherzt: Mit den bürgerlichen Eliten, aber auch mit den leidenschaftlichen Guttenberg-Anhängern. Statt den Wissenschaftlern zu sagen, dass sie deren Sorgen ernst nimmt, aber anders handelt, hätte sie besser den Guttenberg-Anhängern vermittelt, dass sie deren Bedürfnisse versteht, dass sie sie keineswegs für Stimmplebs hält, aber dass sie leider anders handeln muss - aus Staatsräson. Weil sie genau das nicht getan hat, regiert nun eine Kanzlerin, die den Nimbus der kühlen Rationalistin verloren hat, die ihren Bürgern fremder ist denn je und die dazu beigetragen, das Land zu spalten - in Guttenberg-Anhänger und Guttenberg-Kritiker. Es ist gut möglich, dass dieser moralische und ethische GAU auch den Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels bedeutet, denn ebenso wie Glaubwürdigkeit der Markenkern Guttenbergs war, war die Ratio ihr Markenkern. Beides ist verloren.

Verlierer Nummer fünf und sechs: Seehofer und die CSU

Zu den Verlierern gehören auch die CSU und, mit Abstrichen, Horst Seehofer. Die ohnehin ramponierte bayerische Volkspartei hatte in Guttenberg einen Hoffnungsträger, einen vermeintlichen Tribun, der eine Rückkehr zu alten Werten und alter Stärke verhieß, einen Strauß de luxe, der die unseligen Post-Stoiber-Zeiten überstrahlen und vergessen machen sollte. Auch diese Hoffnung ist dahin, die Partei muss weiter mit dem ungeliebten Seehofer leben. Für den CSU-Chef selbst ist die Guttenberg-Affäre dabei durchaus zwiespältig, er ist eher ein kleiner Verlierer. Einen mächtigen Widersacher ist er nun zwar los, aber die Partei ist insgesamt geschwächt. Jetzt muss sie wieder auf eine Zukunft mit Politikern der Kategorie Markus Söder setzen. Der Aufbruch der CSU ist abgesagt. Es wird spannend sein zu sehen und zu hören, wie die Gedärme der christsozialen Partei am nächsten Mittwoch beim bierseligen Aschermittwochs-Auftrieb in Passau darauf reagieren werden.

Verlierer Nummer sieben: die "Bild"-Zeitung

Verloren hat in der Guttenberg-Affäre auch, und das ist mehr als eine, haha, Fußnote, die "Bild"-Zeitung. Es galt ja schon lange als empirisch belegt, dass die rote Gruppe des Springer-Verlags trotz allen Anscheins nicht die Macht hat, mit einer Kampagne Wahlen zu gewinnen. Die Plagiatsaffäre hat dies eindrucksvoll bestätigt. Selbst wenn die Zeitung einem mit heißem Atem ihre Wahrheiten mit erschreckender Lautstärke ins Gesicht brüllt, erlangen die Parolen dadurch keine größere Schlagkraft. Obgleich Guttenberg die "Bild"-Print-Abstimmung gewann, musste er ein paar Tage später gehen. Das ist, wiederum, ein gutes Zeichen für die nachhaltige Stärke dieser Demokratie.

Gewinner: die Opposition und Norbert Lammert

Überhaupt, die Gewinner dieser Affäre. Es gibt nur wenige. Die Opposition gehört dazu, weil sie endlich einmal Opposition betrieben hat, weil sie das Plagiat Plagiat und den Plagiator Plagiator genannt hat. Der Grüne Jürgen Trittin und der SPD-Mann Thomas Oppermann bleiben im Gedächtnis haften, wegen ihrer scharfen, treffenden Reden im Parlament. Andererseits war es, wenn man ehrlich ist, auch nicht besonders schwer, hier gute Oppositionsarbeit zu leisten. Zu offensichtlich waren die Fehler der Regierung. Schwerer war es da schon für Norbert Lammert, Flagge zu zeigen, den CDU-Politiker und Bundestagspräsidenten. Wenn es Aufrechte gab in den Regierungsparteien, dann ist er sicher der herausragende. Die nächsten Tage werden ans Licht bringen, welche Rolle Lammert genau spielte - und ob er für seine Leistung in den eigenen Reihen Beifall erntet oder als Nestbeschmutzer diffamiert wird.

Gewinner: die Wissenschaft

Zu den Siegern gehört, trotz allem, auch das amorphe Wesen der Wissenschaft. Der Schlag der Guttenbergschen Affäre war niederschmetternd, die scheinbare Verbrüderung des Politikers mit seiner Bayreuther Alma Mater, die Merkel-Zitate taten das Übrige. Aber nach einem kurzen Moment der Verdatterung haben sich die Wissenschaftler wieder berappelt. Oliver Lepsius, der Nachfolger auf dem Lehrstuhl des Guttenberg-Doktorvaters Peter Häberle, hat in einem grandiosen TV-Interview die Ehre der Wissenschaft gerettet, flankiert von der Entrüstung von Hochschulverband, unzähligen Professoren und Doktoranden - und am Montag auch von Peter Häberle selbst.

Der große Sieger: das Netz

Der größte Gewinner ist in dieser Affäre aber das Netz. Der Leidenschaft der Vielen, die sich in den Pro-Guttenberg-Umfragen widerspiegelte, stellten unzählige Internetnutzer die Intelligenz der Vielen entgegen. Diese Intelligenz schaffte binnen kürzester Zeit nicht nur Meisterwerke der politischen Satire, sondern auch ein beachtliches Werk der akademischen Kontrolle: Guttenplag Wiki. Diesem eindeutigen Beweis der Guttenbergschen Unzulänglichkeit hatte selbst die "Bild"-Zeitung nur wenig entgegen zu setzen. Damit erreicht die Bedeutung des Netzes in der politischen Kultur der Bundesrepublik eine neue Stufe: Denn es war nicht die Geschwindigkeit und die Streubreite, mit der Information zugänglich gemacht wurde, sondern es war die Qualität dieser Information. Kein Mensch, kein Team, keine Arbeitsgemeinschaft hätte so schnell die Dimension des Plagiats entlarven können. Und so bleibt am Ende dieser Affäre doch etwas Versöhnliches: In dieser Demokratie gibt es eine neue, kontrollierende Macht: Bürger, deren Medium das Internet mit all seinen Möglichkeiten ist. Respekt.