Vermarktungsexperte Turner "SPD ist besser als jeder Deohersteller"

Ist die SPD ein Auslaufmodell? Hat sie ihre besten Tage hinter sich? Nein! Das sagt Werbeprofi Sebastian Turner im Interview mit stern.de. Sie müsste allerdings ein Thema finden, das die Menschen begeistert - und das nichts mit "Sozialismus" zu tun hat.

Herr Turner, erste Frage an den Werbe-Profi: Ist die SPD als Produkt noch vermarktbar, oder ist sie schon längst ein Ladenhüter?

Ja natürlich, sie ist vermarktbar. Selbst bei den schlechtesten Umfragen ist ihr Marktanteil größer, als sich das ein Deohersteller vorstellen kann. Er liegt bei 20 Prozent und hat das Potential der Verdopplung. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat die SPD in den Umfragen mehr als 30, zum Teil fast 40 Prozent gehabt.

Das war, bevor der Frust über die Agenda 2010 traditionelle SPD-Wähler scharenweise in die Arme der Linken getrieben hat. Zum bisher letzten Mal lag die SPD bei der Bundestagswahl 1998 über 40 Prozent.

Damals war die SPD die Alternative, wenn man der alten Regierung Kohl einen Denkzettel verpassen wollte. Das heißt: Sie bekam die Stimmen ihrer eigenen Anhänger - und derjenigen, die Kohl satt hatten. Jetzt ist das anders. Die SPD ist in der großen Koalition zu Kompromissen gezwungen und verliert dadurch Anhänger. Und die Unzufriedenen und Protestler haben auch einen neuen Hafen, sie laufen zur Linkspartei und den Grünen über.

... was aber nur funktioniert, wenn die Linkspartei im Westen ihren Protestkurs beibehält.

Für die Linke kommt immer dann die Delle, wenn sie als Regierungspartei den Realitätstest macht. Auf Bundesebene steht das noch aus. Das ist ihr Glück. Einen ersten Vorgeschmack haben wir bei der Abstimmung über den neuen EU-Vertrag bekommen. Wenn das Wohl des deutschen Industriearbeiters von irgendwas abhängt, dann von offenen Märkten für unsere Exportwirtschaft. Und was sagen die Arbeiterfreunde von der Linken? Sie sind gegen den EU-Vertrag, der von linken Parteien in ganz Europa akzeptiert wird. (Die Linke veranlasste Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit dazu, sich im Bundesrat bei der Abstimmung über den Vertrag seiner Stimme zu enthalten, weil sie das Werk als "militaristisch" und "neoliberal" ablehnte, d. Red.).

Die Linke gab es unter dem Namen PDS ja auch schon vor 2007. Selbst bei den Bundestagswahlen 1998 schafften sie den Sprung ins Parlament - mit einer festen Stammklientel im Osten.

Als Regionalpartei ist die PDS-Linke für die SPD lästig, als gesamtdeutsches Phänomen ist es eine grundlegend neue Frage.

Die Westexpansion der Linken ist vor allem ein Projekt von Parteichef Oskar Lafontaine. Ein früherer SPD-Vorsitzender.

Er ist die Personifizierung dieses Dilemmas. SPD-Vertreter sagen: Das ist ein unverantwortlicher Demogoge. Der Wähler fragt zurück: Schlimm, schlimm - aber wie konnte so einer euer Vorsitzender werden? Und Finanzminister? Irgendwas stimmt da nicht. Jede Partei kann Lafontaine als Person angreifen - aber bei der SPD stellt sich immer die Frage, wie glaubhaft ist das. Für Historiker wird es interessant sein, zu untersuchen: Inwiefern war die Spaltung der politischen Linken das Ergebnis von zwei Männern auf Egotrip?

Nun hat die SPD ja nicht nur einen Gegenwarts- sondern auch ein Zukunftsproblem. Immer weniger junge Leute engagieren sich noch politisch, die Jusos haben nur noch 70.000 Mitglieder. Wie will die SPD denn künftig wieder den Nachwuchs an die Politik heranführen?

In der Tat, die SPD läuft zum zweiten Mal Gefahr, eine ganze Generation von politischen Talenten zum größten Teil zu verpassen. Schon die Grünen haben aus dem Potential der SPD gesaugt. Wer jung-ungestüm-leidenschaftlich und gerne auch idealistisch links fühlt, der hat heute drei Angebote, die in den Bundestag führen. Das Potenzial wird hier also gedrittelt, was für den alten Supertanker SPD immer ein Bedeutungsverlust ist.

Was müsste sich denn ändern?

Ich sehe da für die SPD zunächst zwei unerfreuliche Wege: Zur Zeit ist die SPD in vielen Fragen gespalten. Ein Teil ist für die Schröder-Reformen, einer dagegen. Ein Teil ist für Koalitionen mit der Linken, ein Teil dagegen. Gleiches gilt für Rente mit 67 oder auch ein Treffen mit dem Dalai Lama. Wenn die SPD unverändert immer zwei widersprüchliche Standpunte vertritt und es Parteien gibt, die homogen dafür oder dagegen sind, wird sie immer weiter verlieren. Also: Soll sie sich doch gefälligst entscheiden. Das aber hat auch massive Einbußen zur Folge - die Unterlegenen und ihre Anhänger könnten sich abwenden. In so schwierigen Situationen ist der - schmale, schwierige - Königsweg, ein großes, neues, umfassendes Thema zu finden und zu besetzen. Eine Opositionspartei greift da am liebsten zu so einem Zauberwort wie Wechsel - was sich auf Englisch noch verheissungsvoller anhört: In "Change" kann jeder hineindenken, was er will. Beim Thema "Mindestlohn" ist das nicht drin. Das ist als Thema zu klein und inhaltlich vermutlich auch zweischneidig.

Warum?

Bei einem vernünftigen Mindestlohn fliegt im Osten die letzte Friseurin aus der Festanstellung und die Leute schneiden sich gegenseitig zu Hause die Haare. Und dann kommt die Linke und sagt: Das war die böse SPD.

Die Jusos haben nun ein Papier präsentiert, in dem sie die Überwindung des Kapitalismus und die Einführung des Sozialismus fordern. Könnte das denn ein Ansatz sein?

Die SPD scheint vom Nachwuchs nicht nur weniger, sondern auch besonders Verträumte zu bekommen. Wenn Sozialismus so ein Bringer ist, dann hätte sich die PDS-WASG doch auch "Die Sozialisten" genannt. Tatsächlich ist bei denen das S-Wort weg. Markenstrategisch war das ein genialer Zug. Sozialismus ist im Westen nicht vermittelbar, er wird mit dem System der DDR assoziiert. Da mag es zwar Träumer geben, aber in den Köpfen von vielen Millionen Westdeutschen ist der Sozialismus Mangel, Gängelung und Bedrohung.

Viele junge Parteimitglieder sehen darin eine Konfrontationsmöglichkeit mit den Linken.

Linke Themen und Sozialismus sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wenn die SPD die Linke links überholen wollte, wird sie feststellen: Da ist keine Straße mehr.

Viele Menschen sehnen sich heute nach den großen Politikerköpfen von früher. Sogar Gerhard Schröder galt ja noch als großer Wahlkämpfer - was viele von Kurt Beck nicht erwarten.

Politiker sind vorher immer Würstchen und später Heroen. Auch Merkel und Kohl wurden erst verspottet. Nein, es ist ein anderes Problem als das der Köpfe. Es geht um Themen. Nebenbei bemerkt: Für mich hat Beck schon ganz zu Beginn seiner Amtszeit als Parteichef enorm an Sympathie gewonnen. Als er von einem Angetrunkenen auf einem Marktplatz angepöbelt wurde, und genauso reagiert hat, wie es handgestoppte 98 Prozent der Deutschen für richtig halten: Bevor du was verlangst, leiste wenigstens ein Minimum. Mit dem Rasieren und Waschen hat er das auch noch unübertroffen anschaulich gesagt. Beck hat absolut das Potenzial, den Draht zur Bevölkerung zu finden. Leider wird er immer wieder von seiner Partei zu Hanswurstiaden gezwungen. Das unterminiert seine Glaubwürdigkeit. Jedem anderen SPD-Vorsitzenden würde es genauso gehen, solange die Partei zerrissen ist.

Gibt es denn nun ein Thema, mit dem die SPD dauerhaft aus ihrem Tief herauskommen könnte?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Das hängt vom Ideenreichtum der Mitglieder ab, und von aktuellen Ereignissen. Dazu unterhalten die Parteien ja Stiftungen und Parteizentralen. Vielleicht könnte man sich in Zukunft aber auch Mühe geben, das nächste große Thema besser zu benennen. Die letzte große SPD-Vision trug die Registerbezeichnung eines Aktenordners: Agenda 2010.

Interview: Sebastian Christ

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