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Wahl in Baden-Württemberg: Mappus und seine Pforzheimer Leibgarde

Er gilt als Polit-Rambo, er hat die Wahl versemmelt, er ist nur eine Fußnote in der Geschichte Baden-Württembergs. Aber in Pforzheim hat Stefan Mappus Freunde. Ein Ortstermin.

Von Mathias Becker, Pforzheim

Als die Ergebnisse über die Schirme flackern, herrscht Grabesstille im "Ratskeller" unter dem Rathaus in Pforzheim, wo der Wahlkreis von Stefan Mappus liegt. 59 Jahre hat die CDU in Baden-Württemberg regiert, bis zuletzt hatten die Pforzheimer Parteifreunde des Ministerpräsidenten gehofft, dass es für vier weitere reichen würde. Als die bunten Balken das Ende verkünden, entgleisen den rund 40 Anwesenden im Saal die Gesichtszüge. Münder verzerren sich, Zähne graben sich in Unterlippen. Manch einer im Saal grinst bis über beide Ohren. Einfach, weil sein Gesicht nicht weiß, wohin mit dem Schock.

Schließlich greift Gunter Krichbaum zum Mikrophon. "Wir haben verloren", sagt der Pforzheimer CDU-Vorsitzende. Das müsse man anerkennen. Ganz gerecht sei das aber nicht: Steuer-CDs, Stuttgart21 und Guttenberg - jedes Problem habe man gemeistert. Japan sei einfach zuviel gewesen. "Das war keine Landtagswahl, sondern eine Volksabstimmung über Energiepolitik", sagt Krichbaum. Und: "Das war kein Lager- sondern ein Überlagerungswahlkampf." Die Prognosen hatten auf eine Niederlage hingedeutet: Krichbaum hatte einige Zeit, sich seine Worte zurechtzulegen. Dann gratuliert er noch den Grünen und sagt, dass man nun eben in der Opposition ganze Arbeit leisten müsse. Applaus, dann wandern die ersten Biergläser in den Saal und einige greifen gar zu Schnitzel mit Pommes. Bei den meisten Gästen an den langen Tafeln, lässt der Appetit noch auf sich warten.

"Sch is halt jetzt so"

Eine Tür weiter, im kleinen Festsaal des "Ratskeller" hält die FPD ihre Wahlparty ab. Man muss es so sagen, denn mit einer Feier hat das hier nichts zu tun: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wären die Liberalen beinahe aus dem Landtag von Baden-Württemberg geflogen. Ganz vorne beim Bildschirm sitzen Ruprecht Maushart und seine Frau Bärbel. Sie sind beide seit Ende der 60er Jahre in der FDP und waren beide im Strahlenschutz tätig. Mit dem GAU in Japan und diesem Wahlergebnis haben zwei ihrer Lebensthemen eine Kehrtwende genommen. "Sch is halt jetzt so", sagt Bärbel Maushart - und probiert sich an einem Lächeln.

Nebenan, auf der Wahlparty der CDU folgen die Gäste den Fernsehbildern nun, als liefe da ein Championsleague-Finale: Alle 10 Minuten springt der ganze Saal raunend auf - immer dann, wenn die aktuellen Zahlen über die Bildschirme flackern. Schritt für Schritt wächst der Anteil der CDU von 38 auf über 39 Prozent. Und mit jedem Zehntel schmilzt der Vorsprung von Rot-Grün im Landtag.

War's die Zeitumstellung?

"Warten wir's mal ab", sagt Klaus Schirrmacher. Der 54-Jährige ist Mitglied in der CDU Pforzheim und will noch wenig die Luft anhalten. Er hätte im Traum nicht gedacht, dass es so kommen könnte. "Ich bin verblüfft", sagt er. Und will es noch nicht ganz glauben. "Da kann sich noch was tun", sagt er. Und wenn nicht, hat er die gleiche Erklärung parat, wie alle hier im Saal: "Die Katastrophe in Japan hat am Ende alles überlagert." An Mappus läge es nicht, der habe von Anfang an ein schweres Erbe angetreten. "Die Medien haben das Atom-Thema hochgespielt", sagt er. Überhaupt hätten die Zeichen schlecht gestanden für die CDU: "Zum ersten Mal fällt eine Landtagswahl mit der Zeitumstellung zusammen", sagt er. "Das haben sicher auch welche verschlafen." Dann springt er wieder vom Stuhl: Das Fernsehen hat die neuen Zahlen. Ein Mandat trennt die Lager noch voneinander.

"Es wird spannend", sagt Ferry Kohlmann, der stellvertretende Kreisvorsitzende von Pforzheim. Damit meint er allerdings nicht das Wahlergebnis. "Das wird nicht mehr reichen", so Kohlmann. Spannender findet er, wie Stefan Mappus reagieren wird. "Ich kenn ihn, er wäre der letzte, der jetzt zurücktritt", so Kohlmann. "Und niemand hier würde sich das wünschen. Mappus hat den Rückhalt der Partei." Wer ihn persönlich kenne, wisse warum: "Er ist nicht der 'Rambo', zu dem die Medien ihn gemacht haben.

Mittlerweile leert sich der Festsaal im Ratskeller. In den Blumenvasen auf den Tischen stecken einsam ein paar CDU-Fahnen. Und ein paar Papier-Windräder. Ein Bekenntnis zur Energiewende, die Berlin zuletzt vorgegeben hat? "Die Windräder hatten wir schon vorher", beteuert Vorsitzender Krichbaum. Die Wahl im Ländle, da ist er sich sicher, wurde in Japan entschieden. Und ein bisschen auch in Berlin: Die Bundesregierung habe es verpasst, ihren Kursschwenk glaubwürdig zu kommunizieren. Im Übrigen glaube er nicht, dass Grün-Rot erfolgreich regieren werde: "Mappus in Baden-Württemberg abzuwählen ist, als würde Borussia Dortmund Jürgen Klopp rausschmeissen."

  • Mathias Becker