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Wahlauftakt der SPD: Steinbrück kämpft sich zurück

Zuletzt wirkte der SPD-Kanzlerkandidat unsicher. Grund dafür: Die verbalen Patzer der vergangenen Monate. Jetzt trumpft er mit alter Stärke auf. Doch zum Wahlsieg wird es wohl nicht reichen.

Von Katharina Grimm

Mehr P.S für Hamburg, so heißt die Veranstaltung. P.S hat nichts mit Pferdestärken zu tun, sondern steht für den SPD-Kanzlerkandidaten Perr Steinbrück, der unter diesem Tour-Namen in den kommenden Wochen in der Republik auf Stimmenfang geht. Da besucht er die Meyer Werft in Papenburg oder ein Ferienlager der Arbeiterwohlfahrt. Aber er klingelt sich auch durch Hochhäuser. "Guten Tag, mein Name ist Peer Steinbrück. Ich bin dieser Spitzenheini von den Sozialdemokraten", so stellt er sich an der Haustür vor. Kaum sieben Wochen bleiben der SPD, um den Rückstand auf die Union zumindest zu verringern. Und so stürzen sich die Genossen in den Wahlkampf. Allen voran: Steinbrück. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hatte bereits am Mittwoch in Berlin erklärt, dass nun die "heiße" Wahlkampfphase beginne – und die Rückkehr eines kämpferischen Steinbrücks angekündigt.

Zuletzt wirkte der Kanzlerkandidat zaghaft und sichtlich angespannt. Laxe Sprüche über billigen Weißwein, italienische Regierungsclowns oder zu schmale Kanzlergehälter hatten für Ärger gesorgt. Steinbrück war angeschlagen, auf dem SPD-Parteikonvent in Berlin kämpfte er auf der Bühne sogar mit den Tränen. Kampfgeist, Angriffslust, Power? Von dem markigen Redner blieb nur ein Schatten, der sich bemühte, einen Bogen um weitere verbale Tretminen zu machen.

Von der Verunsicherung der vergangenen Monate ist an diesem Donnerstag auf der 360-Grad-Bühne in Hamburg nichts mehr zu spüren. Das weiße Kuppelzelt mit den roten Bänken erinnert ein wenig an einen Kinderzirkus. Auf die Michelwiese zwischen dem Verlagshaus Gruner + Jahr und der St. Michaelis-Kirche sind nach Angaben der SPD rund 2500 Menschen gekommen: Rentner, Familien, Kinder. Eine Band spielt, Würstchen brutzeln auf dem Grill, eine lange Warteschlange hat sich am Bierstand gebildet. Zahlen muss der interessierte Zuschauer selbst: 2,50 Euro für eine Wurst, 3 Euro für ein Bier. Das Wetter spielt mit, Sommerfest-Stimmung. Und Steinbrück brilliert wie zu besten Zeiten als versierter Redner.

Poltern und pöbeln

"Noch 45 Tage, und wir sind die los", poltert Steinbrück los und bekommt tosenden Applaus. Es sind die kurzen, kantigen Sätze, die beim Publikum ziehen. Er schimpft über eine "unsinnige Steuersenkung", über eine "Energiewende als Innovationsbremse" und das "dämliche Betreuungsgeld", das die amtierende Bundesregierung zustande gebracht habe. Er stänkert, dass es DSl-Internetverbindungen in Deutschland gebe, die lahmer seien als die in Rumänien. "Stillstand ist nicht schweißtreibend", prangert er den Regierungsstil von Angela Merkel an. "Aber das gefährdet die Zukunft unseres Landes." Die CDU könne eben nicht mit Geld umgehen. Und: "Am Abend werden die Faulen fleißig."

Die Rede begeistert und doch wirkt sie kalkuliert. So kramt Steinbrück seinen bereits im Juni im Bundestag bemühten Spruch in Hamburg ein zweites Mal hervor: "Wenn die in der Wüste regieren, wird der Sand knapp." Die Hamburger johlen, anscheinend ist der Spruch recyclebar.

Das wirkliche Dilemma: Steinbrücks Thema ist und bleibt die Finanzpolitik – auch im europäischen Rahmen. Kein politischer Gassenhauer. Und so erdulden die Zuhörer seinen Europaexkurs. Staatsverschuldung. Spardiktat. Aufbrausenden Applaus erntet er damit nicht. Irgendjemand brüllt "Eurobonds!" aus dem Publikum. Steinbrück dreht von der Verschuldung Griechenlands über gierige Banker auf Steuersünder. "Ich habe kein Problem damit, die Kavallerie zu schicken, um Steuerbetrug zu bekämpfen", sagt Steinbrück und holt sich die Aufmerksamkeit zurück.

Steinbrück endet kämpferisch, reckt die Faust: "Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden!" Er kämpft um Vertrauen und Zuspruch und erntet langanhaltenden Applaus und stehende Ovationen. Vielleicht steht das P.S bei der "Mehr P.S!-Tour" doch für Pferdestärken – also für Kraft, Energie und Tatendrang. Denn genauso ist Steinbrück hier in Hamburg aufgetreten.