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Weimers Woche: Die uneigentliche Republik

Eigentlich ist die CDU noch die CDU, tatsächlich aber spielt sie die neue SPD. Eigentlich ist die auch die FDP noch die FDP, aber tatsächlich spielt sie die neue CDU. Es ist ein Spiel zwischen Schein und Sein, in Politik und Wirtschaft. Wolfram Weimer erklärt, was passiert, wenn die eigentliche Welt die uneigentliche einholt.

Eigentlich findet jeder die RTL-Dschungelshow unmöglich. Tatsächlich schauen sie Millionen mit großem Vergnügen. Eigentlich ist Angela Merkel die CDU-Vorsitzende. Tatsächlich betreibt sie eine sozialdemokratische Politik. Eigentlich fordert die deutsche Politik seit Jahren, man müsse in Bildung investieren. Tatsächlich sehen unsere Schulen aus wie Hinterhöfe in Restjugoslawien, die Klassen sind voll wie in Burundi, und die Ausstattung mancher Uni hat das Niveau von Usbekistan.

Die Uneigentlichkeit ist aber nicht nur schönfärberisch unterwegs. Eigentlich fühlt sich Deutschland ungeliebt wie das Aschenputtel der Weltgeschichte. Tatsächlich sind die Deutschen nach einer BBC-Studie das beliebteste Volk der Welt überhaupt. Eigentlich reden alle von der "schlimmsten Krise seit 1929". Tatsächlich wären wir auch nach drei Rezessionsjahren in Folge noch hundertmal so reich wie 1929 oder 1945.

Gefangen zwischen Sein und Schein

Die Mode der Uneigentlichkeit überschreitet alle Perspektiven. So ist eigentlich die CDU noch die CDU. Tatsächlich spielt sie die neue SPD. Eigentlich ist die FDP die FDP. Tatsächlich spielt sie die neue CDU. Eigentlich ist die SED die PDS. Tatsächlich nennt sie sich Linkspartei. Eigentlich müsste diese "Linkspartei" von der Finanzkrise profitieren. Tatsächlich schwindet ihre Zustimmung. Eigentlich müsste Guido Westerwelle unter der Finanzkrise leiden, tatsächlich erreicht er Sympathiewerte wie Günther Jauch. Eigentlich ist der Krieg in Afghanistan nach sieben Jahren verloren. Tatsächlich aber sprechen unsere Politiker von einer "erfolgreichen Mission", die so lange fortgeführt werden müsse, bis sie die Dauer zweier Weltkriege übersteigt.

Eigentlich haben in der aktuellen Finanzkrise die Staatsbanken - von IKB über KfW bis zu den Landesbanken - die schlimmsten Fehler gemacht. Tatsächlich aber verstaatlichen wir nun auch die letzten Privatbanken. Eigentlich wissen alle, dass der Papst alles andere als ein Antisemit ist. Tatsächlich aber spielen einige die Günter-Grass-Lieblingsrolle: das Tribunal, dem man entkommt, indem man es wird.

Es legt sich ein Nebel der Uneigentlichkeit übers Land. Immer häufiger passen Sein und Schein nicht mehr zusammen. Nun ist das für Krisenzeiten beinahe typisch. Die Sprache der Uneigentlichkeit gewährt den Unsicheren Asyl. Doch diesmal wächst sich das Phänomen vom rhetorischen zum kognitiven Problem aus. An der Schuldenkrise lässt sich diese Gefahr gut ablesen.

Das Schuldenmonopoly geht weiter

Eigentlich haben sich einige westliche Gesellschaften - vor allem die USA - so überschuldet, dass über das Stocken des Refinanzierungsmotors die gesamte Weltwirtschaft abgebremst wird. Eigentlich haben wir also zu viele Schulden gemacht, eigentlich müssten wir jetzt solide haushalten. Tatsächlich aber verabschieden wir nach den Milliardenschulden nun Billionen-"Konjunkturpakete" (auch so ein uneigentlicher Begriff), die in Wahrheit das Schuldenmonopoly nur eine Runde weiterdrehen.

Jeder Familienvater weiß, dass er auf Dauer besser nicht mehr ausgibt als er hat. Jeder Mittelständler kennt die Gefahr, die in überzogenen Krediten steckt. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir die 4400 Euro pro Sekunde an deutscher Neuverschuldung uns besser nicht länger leisten sollten. In der uneigentlichen Republik wird diese Einsicht aber beiseitegeschoben.

Meister der Uneigentlichkeit droht Barack Obama zu werden. Dem großen Sympathen nehmen wir jede Botschaft von "Hope" und "Change" nur allzu gerne ab. Das Problem ist nur - seine Politik wagt im Kern des amerikanischen Schuldendesasters überhaupt keinen "Change". Im Gegenteil türmt er auf die Bush-Billionen an Schieflagen neue Barack-Billionen.

Das Obama-Schlaraffenland

Die Regierung von George W. Bush hat alleine mehr neue Schulden angehäuft als alle vorherigen Regierungen seit 1776 zusammen. Die Schuldensummen erreichen Dimensionen kafkaesker Schlösser. Nichts steht mehr in Proportionen. Der Irakkrieg ist inzwischen für die USA teurer als die Weltkriege. Im Außenhandel gibt Amerika 700 Milliarden Dollar pro Jahr mehr aus als es einnimmt. Die amerikanische Notenbank senkt den Zins auf null und beginnt mit dem Kauf eigener Staatsanleihen. Die Welt der Uneigentlichkeit schafft sich ein Obama-Schlaraffenland, in dem man das Geld einfach druckt, was man braucht. Diese Welt ist wie der Lustgarten in Goethes Faust II, in dem der Kaiser die Reize des Papiergeldes entdeckt, Faust die Solidität nur zaghaft anmahnt, doch Mephisto die Uneigentlichkeit der Gelddruckmaschinen durchsetzt.

Die eigentliche Welt aber wird die uneigentliche irgendwann einholen. Uneigentlich könnte es mit der Hyperverschuldung noch weitergehen. Eigentlich aber werden die Märkte diesen Exzess korrigieren. Uneigentlich kommt Obama in seinem Faust'schen Lustgarten durch die Krise. Eigentlich aber geht das nicht ohne eine gewaltige Inflation und Dollarabwertung. Uneigentlich können wir den Wohlstand über neue Konjunkturprogramme sichern. Eigentlich müssen wir ihn uns wieder neu erarbeiten. Denn eigentlich ist die Welt keine Dschungelshow. Es gibt nämlich niemanden, der bei einer Krise dem Ruf folgt: Hol mich hier raus.

Cicero