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Kontroverse Diskussion: "Von Hofreiter gibt's nichts?" Gehackte Politiker-Daten landen in AfD-Chat – und sorgen für Debatte

Was macht man mit der Adresse von Til Schweiger oder mit den Nummern von Bundesministern? In die Whatsapp-Gruppe geben, findet ein AfD-Mann, erntet für seine Aktion aber nicht nur Zustimmung. 

In der AfD-internen Gruppe wurden private Daten aus dem Hack geteilt

In der AfD-internen Gruppe wurden private Daten aus dem Hack geteilt - Schwärzungen im Chat von uns

DPA

Es ist der Dienstag dieser Woche, 18.04 Uhr, als der AfD-Kommunalpolitiker Karl Schmidt (Name geändert) auf Weiterleiten drückt. Er sendet direkt in die Whatsapp-Gruppe des Flügels, der Rechtsaußen-Gruppierung innerhalb der AfD. In dem Chat tauschen sich seit bald einem Jahr Anhänger der Politik Björn Höckes aus, Mitglieder also, die sich als Wahrer der reinen AfD-Lehre verstehen, Fundamentalisten ihrer Partei.

Karl Schmidt ist ein Mann von gewisser Eloquenz. In der Chatgruppe des Flügel ist auch für längere Beiträge bekannt, meinungsstark meistens und voller Entschiedenheit. Doch an diesem Dienstagabend postet er keine seiner radikalen Ansichten. Er teilt mit den Parteifreunden Politikerdaten. Kommentarlos schickt er die Handynummern von Gregor Gysi, Christian Lindner und Annalena Baerbock. Bei Robert Habeck und Andrea Nahles liefert er neben der Mobilnummer auch Privatadressen, ebenso bei Olaf Scholz, Dietmar Bartsch und Malu Dreyer. Der AfD-Mann postet auch die Handynummern von Katharina Barley, Franziska Giffey und Sigmar Gabriel. Von Cem Özdemir hat er den Skype-Namen, von dem Schauspieler Til Schweiger die Privatadresse. Die Daten stammen aus dem Internet. Veröffentlicht hat sie dort ein junger Hacker aus Hessen.

Es dauert ein paar Minuten, dann erhält Schmidt im AfD-Chat die erste Reaktion. "Von Hofreiter gibt's nichts?", fragt ein Kollege nach. "Der regt sich immer so schön auf. Ich wollte ihm nur mal sagen wie 'entartet' ich seine Fresse finde." Es folgen ein Applaus- und ein Daumen-hoch-Emoji. Dann allerdings, eine knappe halbe Stunde später, regt sich Widerspruch.

"Gegner sollen wissen, dass sie mit uns rechnen müssen!"

"Wir sind eine Rechtsstaatspartei. So etwas zu verbreiten finde ich schäbig! Wir sind nicht der linksbunte Ab...um, deshalb sollten wir uns an unsere Ansprüche halten", mahnt ein Gruppenmitglied. Ein anderes assistiert: "Richtig, das geht so nicht und ist falsch. Wir können uns nicht aufregen, dass Linksextremisten unsere Daten veröffentlichen und dann das selbe machen. Dies widerspricht den Prinzipien der AfD."

Die AfD hat mit der Veröffentlichung persönlicher Daten ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Auf der linksradikalen Plattform Indymedia wurden 2016 Adressen und Telefonnummern aller Teilnehmer zweier AfD-Bundesparteitage veröffentlicht. Hacker hatten sich die Daten zuvor besorgt. Es gab in der AfD damals niemanden, der es für lustig oder politisch legitim hielt, Privatdaten ins Internet zu stellen. Viele empfanden die Aktion als Bloßstellung. Manche hatten auch Angst vor linker Gewalt.

Im Flügel-Chat ist die Meinungslage gemischt. "Was soll die Bigotterie?", fragt einer. "Unsere Gegner sollen wissen, dass sie mit uns rechnen müssen!" Er begreift es offenbar als politisches Säbelrasseln, als eine Demonstration der Stärke, persönliche Daten weiter zu leiten.

"Immer diese innerparteilichen Blockwarte"

"Natürlich müssen die (politischen Gegner, Anm. stern) es wissen, aber nicht so!", widerspricht ein anderer AfD-Mann. "Auf der einen Seite jammern wir wegen der Justiz, Rechtsstaatlichkeit und so ... Auf der anderen Seite machen wir es selber." Für diese Position erhält er Unterstützung, aber auch Gemecker. "Immer diese innerparteilichen Blockwarte ...", ärgert sich jemand und sendet einen rot angelaufenen Wut-Emoji.

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Blockwart, diese Bezeichnung stößt manchem im AfD-Chat dann doch sauer auf. Die Diskussion wogt hin und her. Es gehe "nicht um den Datenschutz unserer 'Feinde’', findet einer, doch mal solle dem Gegner nicht alles präsentieren, was man wisse. Ein anderer stellt schließlich fest, dass es "jedenfalls keine Straftat" sei, "die Daten hier zu posten." Die Presse könne ihn mal.

Karl Schmidt, der die Daten der Spitzenpolitiker eingespeist hatte, enthielt sich der Diskussion. Gegenüber dem stern wollte er ebenfalls nicht sagen, warum er die Politikerdaten gepostet hat.

stern-Redakteur Wigbert Löer sitzt in Jackett und grauem T-Shirt vor einem schwarzen Hintergrund. Er trägt eine siberne Brille

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