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Wie finden Bayern das Betreuungsgeld? Seehofers Spendierhosen


Bundesweit ist der Widerstand gegen das Betreuungsgeld gewaltig. Aber wie sieht es in der bayerischen Provinz aus? Ein Gang durch Penzberg, Kita-Abdeckungsquote: 19 Prozent.
Von Malte Arnsperger, Penzberg

In Penzberg ist Bayern noch so richtig bayerisch. Die kleine Kuppel auf dem Rathaus ist zwiebelförmig, die Menschen sagen "Griaß di" zueinander, sogar die ein oder andere Lederhose ist auf den Straßen der oberbayerischen Kleinstadt zu sehen. Und wie fast überall in Bayern bleiben die Mütter mit ihren kleinen Kindern am liebsten daheim, stehen in der Küche und wollen dafür die Herdprämie kassieren. So zumindest das Kalkül der CSU, die sich in den vergangenen Monaten vehement für diese staatliche Leistung - neutral Betreuungsgeld genannt - stark gemacht hat. Dabei haben die Christsozialen immer wieder auf die Rückendeckung der bayerischen Bevölkerung verwiesen. Einer Befragung aus dem April zufolge unterstützen hier 69 Prozent das Betreuungsgeld, wohingegen laut ARD-Deutschlandtrend bundesweit 69 Prozent dagegen sind.

Eine nicht repräsentative stern.de-Umfrage unter Eltern in Penzberg ergab sogar eine hundertprozentige Zustimmung zu der Prämie. Und was Horst Seehofer noch mehr freuen dürfte: Die von stern.de befragten Familien registrieren seinen beharrlichen Einsatz durchaus positiv und betrachten ihn als mögliche Entscheidungshilfe pro CSU bei den Wahlen 2013. Indes wird in den Gesprächen auch klar, dass der neue Zuschuss den Eltern keineswegs, wie von Seehofer stets propagiert, hilft, sich besser zwischen Krippe oder Heimbetreuung entscheiden zu können. Denn alle Befragten sagen klipp und klar: Ich würde mein Kind auch ohne Betreuungsgeld zuhause behalten.

Sehr geringe Betreuungsquote

So wie Jennifer Ritter. Die 34-Jährige schiebt ihren Einkaufswagen über den Parkplatz von Aldi. Ihr dreijähriger Sohn Julian rennt mit einem Becher Kirschjoghurt in der Hand schon zum Auto voraus, der knapp einjährige Jacob sitzt bei Mama auf dem Arm. Da wird er auch künftig häufig sitzen - bis er drei Jahre alt ist. "Ich bekomme doch kein Kind und gebe es dann gleich wieder ab", sagt seine Mutter. "Ich werde auch mit Jacob zuhause bleiben und nicht arbeiten." Dieser Entschluss steht bei Jennifer Ritter schon lange fest. Ihr Mann verdient gut, die gelernte Erzieherin muss nicht arbeiten. In ihrem Freundeskreis sei es meist ähnlich, meint die schwarzhaarige Frau. Trotzdem würden die meisten befreundeten Eltern ihre Kinder in die Krippe geben und somit zwei Gehälter nach Hause bringen. Das ärgert Jennifer Ritter. "Denn die verdienen zusammen viel Geld und bekommen obendrauf hohe Zuschüsse der Stadt für den Krippenplatz. Deshalb finde ich es nur gerecht, wenn ich jetzt durch das Betreuungsgeld auch was vom Staat bekomme."

Der Landkreis Weilheim, in dem Penzberg liegt, gehört zu den Regionen in Deutschland mit der geringsten Betreuungsquote für Unter-Dreijährige. Während sie im Bundesdurchschnitt bei rund 25 liegt, bayernweit bei 20, liegt die Abdeckung hier zwischen Starnberger See und Alpenrand nur bei 19 Prozent. Der Bedarf sei bislang eben nicht größer, meint Johannes Lehnert, Familienbeauftragter des Kreises. Wollen sich viele Eltern hier einfach nicht von ihren Kleinsten trennen?

Zusätzliches Geld wird gerne genommen

Sabrina Stefan hat sich zumindest mal nach einem Krippenplatz für ihren jetzt sieben Monate alten Sohn Samuel erkundigt. "Schwierig wäre es geworden", sagt die 30-Jährige. Wenn sie es denn überhaupt gewollt hätte. Aber Samuel wird wie bisher auch einen Tag in der Woche bei der Großmutter verbringen, während seine Mutter arbeitet. Und die restliche Zeit will Sabrina Stefan voll und ganz Mama sein. Herdprämie hin oder her. Das zusätzliche Geld nimmt sie zwar gerne mit, "aber es wäre auch ohne gegangen", sagt sie und schiebt ihren blauen Kinderwagen die Einkaufstraße von Penzberg entlang.

Christian und Stefanie Geiger flanieren ebenfalls mit Kinderwagen durch die kleine Innenstadt. Sie hätten für ihr Baby eine Krippe gefunden, haben den Platz aber nicht angenommen. Mit dem Betreuungsgeld hatte es aber nichts zu tun. "Bei einer solchen Entscheidung sollte nicht das Geld im Mittelpunkt stehen, sondern was man für das Kind das beste hält", meint Stefanie Geiger. "Aber die 100 Euro helfen uns, weil das Geld mit nur einem Verdiener knapp ist." Ihr Mann nickt. Bei ihm hat die CSU Pluspunkte gesammelt. Er hält nichts davon, immer mehr Krippenplätze zu schaffen, sondern steht voll hinter dem Betreuungsgeld. "Ich finde es wirklich gut, dass sich Seehofer dafür eingesetzt hat. Das könnte meine Entscheidung bei der nächsten Wahl durchaus beeinflussen."

Neue Krippenplätze auf dem Land

Solche Worte hört Silvia Preißler gar nicht gerne. Zum einen ist sie SPD-Mitglied, zum anderen seit sieben Jahre Leiterin einer Kinderkrippe in Penzberg. Sie kennt sich gut aus mit den Wünschen und Problemen von Eltern und hat eine ziemlich eindeutige Meinung zu dem CSU-Projekt. Die will sie aber ausdrücklich nicht als Krippenleiterin sondern als Privatmensch äußern "Ach diese Herdprämie", sagt sie mit einem verächtlichen Ton, "die halte ich für total überflüssig. Mit diesen hundert Euro kann doch kein Mensch viel anfangen". Wo die Millionen, die für das Betreuungsgeld eingeplant sind, besser hinfließen sollten, ist für die erfahrene Kinderbetreuerin klar: in neue Krippenplätze. "Bis zum letzten Jahr hatten wir sehr lange Wartelisten. Hier in Penzberg ist das jetzt besser geworden. Aber ich höre von Eltern aus dem Umland immer wieder, dass sie dort keine Plätze für ihre Kinder finden."

Im Landratsamt verspricht man Abhilfe. Im kommenden Jahr sollen kreisweit über 30 Prozent der Unter-Dreijährigen einen Krippenplatz bekommen, sagt der Familienbeauftragte Lehnert. Er steht dem Betreuungsgeld aus mehreren Gründen eher skeptisch gegenüber. Zum einen befürchtet er, dass sozial benachteiligte Eltern, die ihre Kinder vielleicht besser in die Krippe schicken sollten, lieber das Geld nehmen. Zum anderen könnte die Prämie könnte auch die von den zuständigen Behörden mühsam erstellten Prognosen über die benötigten Plätzen hinfällig machen, Dann nämlich, wenn Eltern ihre Kinder für einen Krippe anmelden, sich dann aber doch in letzter Minute das Betreuungsgeld auszahlen lassen.

Der Familienexperte Lehnert selber hat für seinen neun Monate alten Sohn schon entschieden. Gegen eine Krippe und für die Kinderbetreuung zuhause. Völlig unabhängig von der Herdprämie.


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