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Ambitionen der Öko-Partei Grüne im Superwahljahr: Warum Winfried Kretschmanns Teil-Rückzug ein harter Schlag ist

Winfried Kretschmann schaut ernst zur Seite in die Kamera, davor, unscharf: CDU-Herausforderin Susanne Eisenmann
Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann wird sich mehr um seine kranke Frau als um den Wahlkampf kümmer. Davor: Kultusministerin und CDU-Herausforderin Susanne Eisenmann.
© Sebastian Gollnow / DPA
Winfried Kretschmanns Zurückhaltung im Wahlkampf kommt für die Grünen zur Unzeit. Die Wiederwahl des einzigen grünen Ministerpräsidenten Mitte März soll das große Auftaktsignal für ein erfolgreiches Superwahljahr werden. Das ist nun in Gefahr.

Natürlich hat jeder Respekt vor der Entscheidung von Winfried Kretschmann, seiner an Krebs erkrankten Frau beizustehen und deshalb im Wahlkampf kürzerzutreten. "Es gibt Momente, in denen die Politik in den Hintergrund rückt", sagte am Freitag auch Susanne Eisenmann, CDU-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 14. März und somit direkte Konkurrentin des einzigen grünen Ministerpräsidenten. "Dass Gerlinde Kretschmann an Brustkrebs erkrankt ist, macht mich betroffen. Ich wünsche ihr von ganzen Herzen eine schnelle und vollständige Genesung."

Doch obwohl angesichts einer so schweren Erkrankung "die Politik in den Hintergrund rückt", so hat eine solche, menschlich-berührende Nachricht wie Kretschmanns Entscheidung trotzdem Auswirkungen – vor allem in Zeiten von Wahlen. Natürlich beklagt sich niemand laut, doch für die Grünen dürfte der Teil-Rückzug Kretschmanns aus dem Wahlkampf im Südwesten eine Hiobsbotschaft sein, stellt er doch womöglich den neuerlichen Wahlsieg der konservativ-grünen Galionsfigur infrage. Dabei soll dieser das Signal setzen für das Superwahljahr, in dem die Grünen im Herbst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte Regierungsverantwortung im Bund übernehmen, wenn möglich gar erstmals den Kanzler respektive die Kanzlerin stellen wollen.

Winfried Kretschmann – ein "trojanisches Pferd"?

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Ländle, Grüne und CDU – die gemeinsam auch die aktuelle Regierungskoalition bilden – lagen in Umfragen bisher meist gleichauf. Da könnte jeder Stolperstein fatal sein. Und der teilweise Ausfall ausgerechnet des Spitzenkandidaten Kretschmann, auf den alles zugeschnitten ist, ist mehr als ein solcher Stolperstein. Immerhin – aus grüner Sicht: In der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa für die "Bild"-Zeitung, die bisher stets ein besonders enges Rennen gezeigt hatte, sind die Grünen in Führung gegangen – mit 31 Prozent nun drei Punkte vor der CDU. Allerdings wurden die Zahlen vor Kretschmanns Mitteilung am vergangenen Freitag erhoben.

Auch wenn andere Umfrage einen noch deutlicheren Vorsprung zeigen: Ein weiterer Punkt macht die künftig fehlende Präsenz des Stuttgarter Regierungschefs im Wahlkampf heikel. Kretschmann umgibt eine ähnliche Aura wie US-Präsident Joe Biden. Wenngleich deutlich jünger als der neue Mann im Weißen Haus gibt es auch um den 72-Jährigen Gerüchte um einen Abtritt etwa zur Mitte der Legislaturperiode. Die CDU versucht daraus Kapital zu schlagen. "Bei den Grünen gibt es vor allem eine Idee und die heißt Winfried Kretschmann. Und dann ist nicht mehr viel. Und was kommt eigentlich danach?", fragte Vize-Ministerpräsident Thomas Strobl unlängst leicht provozierend. Deutlicher wurde Günther Oettinger, von 2005 bis 2010 selbst Ministerpräsident, und sprach damit vielen in der Südwest-CDU aus dem Herzen: Kretschmann werde von seiner Partei nur noch als "Trojanisches Pferd aufs Schlachtfeld gerollt". Soll heißen: Kaum ist der Sieg errungen, kommen andere. Ein Name, der dabei immer wieder fällt, ist der des früheren Grünen-Bundeschefs und Stuttgarter Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir.

Cem Özdemir ein möglicher Nachfolger?

Özdemir, der Mann aus Bad Urach mit türkischen Wurzeln, lebt aber eigentlich mit seiner Familie in Berlin. Der 55-Jährige spekuliert dem Vernehmen nach zudem darauf, nach der Bundestagswahl in einer schwarz-grünen Koalition Minister zu werden. Aber wenn das nichts wird, wer weiß?! Am Montag wandte sich Özdemir vorsorglich gegen Spekulationen um die Zukunft Kretschmanns als Ministerpräsident. "Er tritt für die volle Amtszeit an", sagte Özdemir der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Dass er sich in dieser schwierigen Situation um seine Familie kümmert, sollte kein Anlass für politische Debatten sein. So viel Menschlichkeit sollten wir uns bewahren." Er selbst wolle bei der Bundestagswahl im Herbst ein Direktmandat für die Grünen gewinnen.

Wie es heißt, fragen sich auch die Grünen: Würden die Baden-Württemberger Özdemir überhaupt als Regierungschef haben wollen? Bis diese Frage geklärt ist, könnte der Kretschmann-loyale Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz, der am vergangenen Freitag bei einer virtuellen Spitzenkandidaten-Runde für den Regierungschef einsprang, seine Chancen noch verbessern. Der 41-jährige Schlaks mit seinen 2,01 Meter gilt intern mittlerweile als eine Art Kamala Harris, die den betagten Joe Biden eines Tages ablösen könnte. Warum nicht schon in der Mitte der Legislatur, um dann mit dem Amtsinhaberbonus in den nächsten Südwest-Wahlkampf gehen zu können?! Allerdings bräuchte es für eine solche Volte einen klaren Wahlsieg und loyale Koalitionspartner. Ob die einst im Ländle auf die Regierung abonnierten Christdemokraten da mitspielen würden, ist sehr fraglich.

Rückzug "steht nicht im Raum"

Kretschmann selbst gab den Spekulationen dadurch Nahrung, dass er in seiner Erklärung, seiner Frau beistehen zu wollen, nicht ausdrücklich betont hat, dass er trotzdem Spitzenkandidat der Grünen bleiben wird. Sein Sprecher und Vertrauter Rudi Hoogvliet antwortet auf die Nachfrage, ob der grüne Landesvater über einen Rückzug nachgedacht habe: "Das steht nicht im Raum." Ob der Grünen-Politiker in Erwägung gezogen hat, es wie einst Franz Müntefering zu machen, wird vorerst sein Geheimnis bleiben. Der SPD-Mann war 2007 als Vizekanzler und Arbeitsminister zurückgetreten, ebenfalls um seiner damaligen krebskranken Frau beizustehen.

Ein solcher vollständiger Rückzug hätte die Ambitionen der Grünen ins Mark getroffen.

Quellen: Nachrichtagentur DPA; Nachrichtenagentur DPA; Wahlrecht.de

dho

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