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Integration: Wir schaffen das? Die Integration der Flüchtlinge lief bislang besser als erwartet – trotz aller Probleme

Drei Jahre nachdem Deutschland die Flüchtlinge aus Ungarn ins Land ließ, fällt die Bilanz erstaunlich positiv aus. Es gibt viel zu tun, aber eine Krise gibt es nicht.

Von Walter Wüllenweber

Die Integration der Flüchtlinge lief bislang besser als erwartet

Diesen Dienstag wird Sadan al-Abdallah drei Jahre alt. Sie wäre wohl gestorben, wenn Deutschland die Grenzen geschlossen hätte. Nun hat sie die Chance auf Integration

Kaum ein Leben ist so eng mit dem von Angela Merkel verbunden wie das von Sadan al-Abdallah. Sie kam vor genau drei Jahren zu Welt, am 28. August 2015, auf einer alten Decke, in einem Fußgängertunnel unter dem Bahnhof Keleti in der ungarischen Hauptstadt Budapest.

Monate zuvor waren ihr Vater Rakan und ihre Mutter Selda aus Syrien geflüchtet. Viele Kilometer des Weges musste das Paar zu Fuß zurücklegen. Der Vater trug den einjährigen Sohn Yazan auf dem Arm, die Mutter das Baby im Bauch. Völlig entkräftet erreichten sie Budapest. "Mein Körper war von der langen Flucht ausgelaugt", sagt Selda al-Abdallah. "Da ist das Kind plötzlich viel früher als erwartet gekommen." Sadan war viel zu dünn. Die Eltern fürchteten, sie würden das Mädchen verlieren.

"Yes we can"

Die Überlebensbedingungen am Bahnhof waren denkbar schlecht für ein schwaches Neugeborenes. Rund 3000 Flüchtlinge saßen dort bereits mehr als eine Woche lang fest, ohne fließendes Wasser, ohne medizinische Versorgung. Sie lebten von Nahrungsmittelspenden privater Helfer und mussten sich sieben Dixi-Klos teilen. Der Gestank war unerträglich. Krankheiten breiteten sich aus. "Transitzone" nannte das der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán. Ganz Europa flehte ihn damals an, die Katastrophe zu beenden. Ohne Erfolg. Am 4. September 2015 traf Angela Merkel schließlich die bedeutendste Entscheidung ihrer Kanzlerschaft. Und für das Leben von Sadan.

Einen Tag später saßen Rakan und Selda al-Abdallah im Sonderzug nach München, im Arm ihre apathische Tochter. Mit Blaulicht wurden sie vom Münchner Bahnhof ins Krankenhaus gebracht. Keinen Moment zu früh. Die Notärzte gaben alles. Danach musste Sadan noch eine Woche lang im Brutkasten aufgepäppelt werden. In jenen dramatischen Tagen im Krankenhaus in München traf der stern die Familie al-Abdallah zum ersten Mal und hat sie seitdem nicht aus den Augen verloren. Inzwischen lebt sie in einem malerischen Ort in der Nähe von Offenburg. Mit gespendeten Möbeln haben sie sich eine Zweizimmerwohnung eingerichtet. Vater Rakan arbeitet in einer Großbäckerei, seine Frau kämpft um die Anerkennung ihres Diploms als Agraringenieurin. Und Sadan? Das fröhliche Mädchen kann es kaum erwarten, nach den Sommerferien mit ihren Freundinnen den Kindergarten zu besuchen. "Angela Merkel hat unserer Tochter das Leben gerettet", sagt Selda al-Abdallah.

Die Eltern Selda und Rakan al-Abdallah päppeln ihre Tochter auf

Die Eltern Selda und Rakan al-Abdallah päppeln ihre Tochter auf

Die Tage im September vor drei Jahren, als das Schicksal von Tausenden Menschen wie Sadan eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöste, waren der humanitäre Höhepunkt in der deutschen Geschichte. Und im selben Augenblick war dem ganzen Land bereits klar, dass es mit den Geflüchteten eine Jahrhundertaufgabe angenommen hatte, vergleichbar nur mit der Dimension der Wiedervereinigung. So was erledigt sich nicht in drei Jahren. Es ist also noch zu früh, um das Ergebnis der Flüchtlingsaufnahme abschließend zu beurteilen. Doch eine Zwischenbilanz zeigt schon jetzt: Angela Merkel wird mit ihrer Version des "Yes we can" Recht behalten.

Zwischen 2015 und heute stieg die Zahl der Beschäftigten von einem Rekord zum nächsten und wird nach dem Sommer erstmals die 45-Millionen-Grenze überspringen. Obgleich inzwischen viele Flüchtlinge in der Statistik mitgezählt werden, sank die Arbeitslosenquote um fast ein Viertel auf jetzt fünf Prozent. Die Finanzminister freuen sich jedes Jahr über Rekordeinnahmen. Die Kriminalitätsrate ist auf den niedrigsten Stand seit Anfang der 90er Jahre gesunken. Wenn künftige Generationen die heutigen Daten der Bundesrepublik analysieren, wird es ihnen schwerfallen, Anzeichen für eine Krise zu entdecken.

Die Normalität ist zurück

Außer in der Politik. Kein Bereich des deutschen Gemeinwesens wurde von den Flüchtlingen so grundlegend verändert wie der Politikbetrieb. Eine rechtsradikale Partei stellt die größte Oppositionsfraktion im deutschen Bundestag. Im Oktober, nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen, wird die AfD zudem in allen 16 Länderparlamenten vertreten sein. Das zwingt die anderen Parteien zu Koalitionen und Kompromissen, die sie noch vor Kurzem empört abgelehnt hätten.

Das Erdbeben in der politischen Landschaft und die Endlosschleife der Berichterstattung darüber erzeugen den Eindruck, das gesamte Land sei von den gut 1,5 Millionen Menschen, die seit 2015 in Deutschland Schutz suchten, ähnlich erschüttert wie das Regierungsviertel in Berlin-Mitte. Doch die hysterische Aufgeregtheit beschränkt sich inzwischen weitgehend auf jenen "Quadratkilometer Irrsinn". Das belegen zahlreiche Umfragen: Laut ARD-Deutschlandtrend ist eine satte Mehrheit von 56 Prozent der Deutschen der Ansicht, die Flüchtlingspolitik nehme in der politischen Auseinandersetzung zu viel Raum ein. Selbst 41 Prozent der AfD-Anhänger sehen das so. Bei der Frage nach den sieben wichtigsten politischen Themen belegt "Asyl" nur Platz sechs. Bei einer ähnlichen Umfrage der "Bild am Sonntag" kamen die Probleme der Zuwanderung auf Platz 13 von 20. Vor drei Jahren schlug das Stimmungspendel der Deutschen weit aus Richtung Willkommenskultur. Den kompletten Rückschlag verursachte die Silvesternacht 2015, als mehrere Hundert Frauen auf der Kölner Domplatte von meist nordafrikanischen Männern angegriffen wurden. Glaubt man den Umfragen, kommt das Pendel allmählich auf einer Position allgemeiner Gelassenheit zur Ruhe.

Geboren wurde Sadan al-Abdallah in einer Fußgängerunterführung im Bahnhof Budapest

Geboren wurde Sadan al-Abdallah in einer Fußgängerunterführung im Bahnhof Budapest

In den Dörfern und Städten ist die Normalität zurückgekehrt. Die Feldbetten in den improvisierten Notunterkünften wurden längst wieder abgebaut. Seit Herbst 2016 sind die Turnhallen geräumt. Und niemand muss mehr im "Klotz von Fürth" schlafen. In dem ehemaligen Höffner-Möbelhaus hockten zeitweise mehr als 800 Flüchtlinge aufeinander. Auf dem Parkplatz vor dem Klotz trafen stern-Reporter zum ersten Mal den Syrer Nafea Eddin, seine Frau Rinna und ihre beiden kleinen Kinder. Die Familie machte einen verzweifelten Eindruck. Heute leben die Eddins in einem Dorf in der Oberpfalz, in einem kleinen Häuschen mit Garten. Alles selbst bezahlt. Vater Nafea arbeitet im Ausländeramt. Vor einem Jahr haben sie ihr drittes Kind bekommen: Murad, einen gebürtigen Bayern. Besonders auf dem Land erinnert kaum noch etwas an den Ausnahmezustand der ersten Jahre.

Das trifft auf die Verwaltung der Flüchtlinge nur bedingt zu. Als die Zahl der Flüchtlinge 2015 sprunghaft anstieg, traf es das beschauliche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) vollkommen unvorbereitet. 2015, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms, standen schließlich 366 "Entscheider" des Bamf 370.000 zu entscheidenden Anträgen gegenüber. Endlich, im Sommer 2015, legte der verantwortliche Bundesinnenminister, Thomas de Maizière, den Schalter um. In einem gewaltigen Kraftakt wurde die Bamf-Belegschaft in den folgenden zwei Jahren verdreifacht, auf knapp 10.000 Stellen, die Zahl der Entscheider sogar versechsfacht. Bei den Aufbauarbeiten bekam das Bamf neue Standorte, neue Gebäude und eine komplett neue Datenverarbeitung. Aus dem Stand wurde die fast vergessene Dienststelle zu einer der größten Bundesbehörden Deutschlands aufgepumpt. Von keinem derart zusammengestückelten Amt kann man in der Anfangszeit den üblichen Standard einer eingespielten deutschen Verwaltung erwarten. Oberste Priorität hatte in den ersten Jahren die Quantität der Entscheidungen, die Qualität war sekundär. So wurde beispielsweise auf das bei Bescheiden von Behörden eigentlich selbstverständliche Vier-Augen-Prinzip bis zum Herbst 2017 offiziell verzichtet.

Erfreulich geringe Fehlerquote

Drei Jahre nach dem großen Zustrom haben sich die Flüchtlinge auf den Marsch durch die Institutionen begeben. Im Bamf wurde aus dem Stau zäh fließender Verkehr. Im Juni 2018 waren von einst 370.000 unerledigten Fällen nur noch 52.000 übrig. Dafür staut es sich jetzt bei den Verwaltungsgerichten. Die meisten Asylbewerber, die keinen Schutzstatus erhalten, ziehen vor Gericht. Von den rund 325.000 Klagen bei den Verwaltungsgerichten hatten bislang jedoch nur 16 Prozent Erfolg. Entgegen den Erwartungen halten die Entscheidungen des Bamf der gerichtlichen Prüfung häufig stand.

Während Ablehnungen von den Gerichten meist überprüft werden, beschwert sich niemand über einen positiven Bescheid. Als die Affäre in der Bremer Bamf-Außenstelle bekannt wurde, empfanden das viele als Bestätigung für einen weitverbreiteten Verdacht: Tausende Anträge werden zu Unrecht anerkannt. Der ehemaligen Leiterin der Bremer Dienststelle wird genau das vorgeworfen: Asylverfahren zugunsten der Antragsteller manipuliert zu haben. Stephan Mayer, CSU-Politiker und Staatssekretär im Bundesinnenministerium, erklärte, die Vorgänge in Bremen seien möglich gewesen, "weil hochkriminell kollusiv (unerlaubt, d. Red.) und bandenmäßig mehrere Mitarbeiter mit einigen Rechtsanwälten zusammengearbeitet haben". Die inzwischen entlassene Präsidentin des Bamf, Jutta Cordt, wies ihre Behörde an, sämtliche 18.000 positiven Asylentscheidungen der Bremer Zweigstelle seit dem Jahr 2000 zu überprüfen. Die verdächtigen Fälle zuerst.

Heute lebt Sadan al-Abdallah mit ihren Eltern und Bruder Yazan bei Offenburg

Heute lebt Sadan al-Abdallah mit ihren Eltern und Bruder Yazan bei Offenburg

Noch ist die Revision nicht abgeschlossen, doch nach Überprüfung der ersten knapp 600 Verdachtsfälle haben sich nur 17 Entscheidungen als nicht korrekt erwiesen, weniger als drei Prozent. Ein Verwaltungsgericht hat dem CSU-Staatssekretär Mayer inzwischen untersagt, seine Vorwürfe zu wiederholen.

In diesem Jahr sind die Beamten im Bamf erstmals dazu gekommen, ihre eigenen Bescheide noch einmal zu überprüfen. Von 43.000 kontrollierten Verfahren haben sich 307 als falsch erwiesen, nur 0,7 Prozent. Über diese Fehlerquote würde sich jedes Amt freuen. Unter dem Strich ergibt sich ein erstaunliches Bild der bisherigen Arbeit des Bamf: Trotz Chaos in den Anfangsjahren ist an der Qualität der Entscheidungen nur wenig auszusetzen.

Nach Abschluss des gesamten rechtsstaatlichen Verfahrens bekamen im Jahr 2015 fast 75 Prozent aller Asylsuchenden einen Schutzstatus zuerkannt, 2016 waren es 71 Prozent und 2017 53 Prozent. Die weitaus meisten Menschen halten sich also völlig zu Recht in Deutschland auf. Aktuell leben etwa 836.000 Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge in Deutschland.

Abschieben schaffen wir nicht

Dazu kommen knapp 230.000 abgelehnte Antragsteller, die eigentlich ausreisepflichtig sind. Tatsächlich ist ihr Risiko, abgeschoben zu werden, sehr gering. Von 2015 bis heute sind den Behörden nur etwa 80.000 Abschiebungen gelungen.

Schuld daran sind nur zum Teil die Herkunftsländer, die ihre Staatsbürger nur widerwillig aufnehmen. Der Bremsklotz ist die deutsche Abschiebe-Administration. Denn so etwas existiert hierzulande bislang nicht. Stattdessen behilft Deutschland sich mit Improvisationen im Föderalismus: Das Bamf, also der Bund, entscheidet über das Bleiberecht. Wer jedoch für einen Abschiebeflug gebucht wird, wählen die Ausländerbehörden der Kommunen aus. Sie müssen auch den komplizierten Papierkram mit den Behörden der Zielländer abwickeln. Mitunter ist der Kooperationseifer im Innenministerium in Algier oder Rabat jedoch überschaubar, wenn Beamte aus dem Ausländeramt Detmold oder Rheda-Wiedenbrück anrufen. Rheda what? Sind die Papiere irgendwann vollständig, organisieren Bundesländer den Flug, der aber vom Bund abgewickelt wird.

Notunterkünfte sind Vergangenheit. Die syrische Familie Eddin lebt in einem Häuschen mit Garten – alles selbst bezahlt

Notunterkünfte sind Vergangenheit. Die syrische Familie Eddin lebt in einem Häuschen mit Garten – alles selbst bezahlt

So richtig kompliziert wird es am Abflugtag. Nicht jeder lässt sich freiwillig abschieben. Hilfsorganisationen beobachten, dass immer mehr Menschen untertauchen. Paris ist derzeit ein beliebtes Ziel. Die Ausländerämter der Kommunen bekommen von ihrem Innenministerium regelmäßig einen Einlauf, wenn ihr Passagier nicht rechtzeitig am Gate auftaucht. Gerade Straftäter und Gefährder haben sich als unzuverlässige Fluggäste erwiesen. Um Leerflüge zu vermeiden, wählen die Beamten vorzugsweise Kandidaten aus, die morgens zuverlässig beim Integrationskurs oder am Arbeitsplatz anzutreffen sind. Anders als von der Bundesregierung behauptet, trifft es daher vor allem fleißige, gut integrierte Zuwanderer. Typisch dafür ist der Abschiebeflug vom 4. Juli, dem 69. Geburtstag des Bundesinnenministers Horst Seehofer. Von den 69 Männern an Bord waren 50 keine Straftäter oder Gefährder. Einige hatten einen Job oder Ausbildungsplatz gefunden. Ein Afghane, der zu Unrecht abgeschoben worden war, musste nach Deutschland zurückgeholt werden. Einer nahm sich in Kabul das Leben.

Abschiebung bleibt ein großes, ungelöstes Problem. In allen anderen Bereichen hingegen sind Fortschritte zu beobachten, die so nicht zu erwarten waren. So haben inzwischen 216.000 Geflüchtete einen sozialversicherungspflichtigen Job, geringfügig Beschäftigte nicht mal mitgezählt. Das ist ein Viertel aller Schutzsuchenden. Erheblich mehr, als die Experten für diesen Zeitpunkt vorhergesagt hatten. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, dass in diesem Jahr weitere 100.000 einen Arbeitsvertrag unterschreiben. "Die Befürchtungen, da kommen eine Million Arbeitslose auf uns zu, haben sich nicht bewahrheitet", sagt Enzo Weber vom IAB.

Babyboomer zu Pflegefällen

Der Nachschub für den Arbeitsmarkt kommt gerade rechtzeitig. Bei Umfragen unter Firmenchefs geben 60 Prozent den Arbeitskräftemangel als das mit Abstand größte Wirtschaftsrisiko an. Natürlich sind viele der Neuen nicht sofort einsatzfähig. Sie fit zu machen erfordert Zeit. Und Geld des Steuerzahlers. Unter dem Strich rechnen Wirtschaftswissenschaftler damit, dass die meisten Flüchtlinge über ihr gesamtes Leben gerechnet den deutschen Staat mehr kosten, als sie an Steuergeldern zurückzahlen. Damit wären sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen, denn das trifft auch auf fast zwei Drittel der einheimischen Bevölkerung zu.

Ökonomisch gesehen ist Flüchtlingsaufnahme vor allem eine Investition in die Zukunft. Rund ein Drittel ist minderjährig, ein weiteres Drittel zwischen 18 und 30 Jahre alt – eine Frischzellenkur für die alternde Gesellschaft mit Langzeitwirkung. Die meisten der jungen Menschen werden ihren produktiven Höhepunkt zwischen 2030 und 2045 erreichen. Genau dann, wenn Millionen deutsche Babyboomer zu Pflegefällen werden.

Marwan Rahmani war eines der prominentesten Opfer von Gewalt gegen Flüchtlinge. Mittlerweile werden mehr und mehr Täter vor Gericht gestellt

Marwan Rahmani war eines der prominentesten Opfer von Gewalt gegen Flüchtlinge. Mittlerweile werden mehr und mehr Täter vor Gericht gestellt

Rund 20 Milliarden Euro muss der Staat pro Jahr für die zusätzlichen Menschen aufbringen. Doch das Geld fließt fast vollständig zurück in die deutsche Wirtschaft. Tausende Einheimische haben als Betreuer, Lehrer oder in der Verwaltung einen Job gefunden. Unterkünfte wurden gebaut. Und das Geld, das die Ämter den Flüchtlingen direkt zahlen, landet fast komplett in der Supermarktkasse. "Die Geflüchteten sind für die Wirtschaft schon jetzt ein äußerst wirksames Konjunkturprogramm", sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Misslungene Integration der "Gastarbeiterkinder"

Ein gewaltiger Batzen der jährlichen Ausgaben wird in den Schulen investiert. In deutschen Klassenzimmern sind seit 2014 etwa 350.000 Schulkinder hinzugekommen. Die misslungene Integration der "Gastarbeiterkinder" in das Bildungssystem war vermutlich die größte Fehlleistung in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch Deutschland hat aus den Fehlern gelernt. Nach Angaben der Lehrergewerkschaft GEW sind etwa 20.000 zusätzliche Lehrer zur Unterstützung der Flüchtlingskinder eingestellt worden. Normalerweise ist das Jammern eine wichtige Tugend von Gewerkschaften, doch die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe sagt: "Was die Beschulung der Flüchtlinge angeht, haben wir schon eine Menge geleistet. Das kann man ruhig mal sagen." Das bestätigt auch die Migrationsforscherin Dita Vogel. Sie hat die Integration der Kinder von Geflüchteten in den Schulen untersucht. Ergebnis: "Die Improvisationsphase ist in allen Bundesländern vorbei. Inzwischen machen wir überwiegend gute Erfahrungen."

Für viele Bürger prägen nicht die erfreulichen Wirtschaftsdaten oder die Fortschritte an den Schulen das Bild der Flüchtlinge, sondern die Morde von Kandel, Freiburg und an der Schülerin Susanna in Wiesbaden. Und es stimmt: Die Kriminalität ist in den vergangenen Jahren zwar zurückgegangen, Flüchtlinge sind in der Kriminalstatistik jedoch deutlich überrepräsentiert. Von den Einheimischen treten etwa zwei Prozent als Tatverdächtige in Erscheinung, bei Zuwanderern sind es acht Prozent. Doch dafür gibt es eine Erklärung: Die meisten Asylbewerber sind jung und männlich – die gefährlichste Bevölkerungsgruppe in jeder Gesellschaft. Der Kriminologe Christian Walburg von der Uni Münster hat zum Vergleich die Kriminalitätsbelastung der einheimischen jungen Männer berechnet. Ergebnis: acht Prozent. Wenn man Geschlecht, Alter und sozialen Hintergrund in Betracht zieht, sind Deutsche so kriminell wie Zuwanderer.

Wie häufig Flüchtlinge straffällig werden, hängt auch vom Herkunftsland ab. Zuwanderer aus den Maghrebstaaten Algerien, Marokko und Tunesien begehen dreieinhalbmal so oft Straftaten wie Durchschnittsflüchtlinge. Bei Syrern liegt das Risiko hingegen um fast 50 Prozent unter dem Schnitt. Auch dafür haben Kriminologen eine Erklärung: Aus Nordafrika kommen überwiegend junge, entwurzelte Männer. Aus Syrien sind hingegen alle Teile der Gesellschaft geflüchtet – mit Ausnahme genau jener jungen Männer. Von denen zogen viele in den Krieg.

Was Gewaltverbrechen angeht, sind Geflüchtete vor allem in einer Rolle besonders auffällig: als Opfer. Seit 2015 hat die Amadeu Antonio Stiftung insgesamt über 7600 Angriffe auf Asylsuchende gezählt. Dabei wurden 793 Menschen zum Teil schwer verletzt. Der Algerier Marwan Rahmani ist eines der prominentesten Opfer. In einem der größten Erstaufnahmeheime, der ehemaligen Siegerland-Kaserne in Burbach, wurde Rahmani vom Sicherheitspersonal misshandelt. Die Aufpasser schlossen ihn in einer Art Verhörzimmer ein. Dort schlugen und traten sie ihn und drückten seinen Kopf mit einem Stiefel auf den Boden. Im sächsischen Heidenau lieferten sich Hunderte Neonazis drei Nächte hintereinander Straßenschlachten mit der Polizei, um eine Erstaufnahmestelle zu verhindern. Im Nachbartal schlossen sich Neonazis zu einer terroristischen Organisation zusammen, der "Gruppe Freital", und warfen nachts selbst gebastelte Bomben in die Wohnungen von Flüchtlingen.

Rassistische Gewalt vor Gericht

Erst mit quälender Verzögerung begannen Polizei und Justiz, die Bedrohung durch die rassistische Gewalt ernst zu nehmen. In Heidenau blieben die meisten Täter darum unbehelligt. Gerade mal 30 Anklagen hat die Staatsanwaltschaft zustande gebracht, die zu 15 Verurteilungen führten, durchweg Bewährungs- oder Geldstrafen. Das Verfahren gegen die "Gruppe Freital" hat die Bundesanwaltschaft der sächsischen Justiz entzogen. Für die Verhandlung musste in Dresden ein eigenes Gerichtsgebäude gebaut werden. Acht Mitglieder der Gruppe wurden zu Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren verurteilt.

Marwan Rahmani hat zwischenzeitlich Arbeit gefunden. Er ist noch immer traumatisiert. Seine Peiniger sind auch vier Jahre nach der Tat frei. Doch das könnte sich demnächst ändern. Nach Auskunft des Landgerichts Siegen könnte die Hauptverhandlung in den kommenden Monaten beginnen. Aktuell wird nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht. Man braucht Platz für 38 Beschuldigte und ihre Anwälte. Es wird einer der größten Prozesse in der bundesdeutschen Geschichte. Die Aufarbeitung der rassistischen Gewalt gegen Flüchtlinge ist eine Mammutaufgabe für die deutsche Justiz.

Die härtere Linie gegenüber den Rechtsextremisten zeigt erste Wirkung. Die Zahl der Angriffe ist noch immer erschreckend, aber im Vergleich zum Höchststand 2016 um fast 80 Prozent zurückgegangen.

Die Gegner der Flüchtlingsaufnahme erobern erheblich mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als ihnen zahlenmäßig eigentlich zusteht. Denn die Mehrheitsverhältnisse sind in Deutschland längst geklärt: Eine Studie des Bundesfamilienministeriums zeigt, dass sich heute fast ein Fünftel der Bevölkerung aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert. Das sind rund 15 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl machten etwa 5,8 Millionen ihr Kreuzchen bei der AfD.

Dass sich die Deutschen mit ihren neuen Nachbarn arrangiert haben, zeigt auch der Streit um den Bau von Flüchtlingswohnheimen. 2015 beherrschte das Thema die Schlagzeilen, inzwischen hat die Auseinandersetzung erheblich an Hitze verloren. Besonders anschaulich ist das in einem der reichsten Stadtviertel Deutschlands: in Hamburg-Harvestehude. 2014 plante der Hamburger Senat ein Flüchtlingswohnheim genau an einer der teuersten Adressen der Republik. Die Befürworter gründeten sogleich die Flüchtlingshilfe Harvestehude, die Gegner setzten ihre Anwälte in Gang. Ganz Deutschland verfolgte den erbitterten Streit im Millionärsviertel.

Neue Stammgäste der Teestube

Wie an den meisten Standorten konnten sich auch hier die Gegner der Unterkunft nicht durchsetzen. Heute ist das Wohnheim für 190 Geflüchtete ein Vorzeigeprojekt, nominiert für den deutschen Nachbarschaftspreis. Rund 400 Freiwillige geben Sprachkurse und Nachhilfe, übernehmen Patenschaften, helfen auf dem Amt und bei der Arbeitssuche. Pro Woche kommen so über 750 ehrenamtliche Arbeitsstunden zusammen. Das entspricht 20 Vollzeitstellen.

Auch die Nachbarn, die zu Anfang so große Bedenken hatten und gegen das Heim vor Gericht zogen, haben längst ihren Frieden mit ihren neuen Nachbarn geschlossen. Der eine oder andere gehört inzwischen zu den Stammgästen in der Teestube im Gemeinschaftsraum.

Flüchtlinge antworten auf Vorurteile: "Ihr wollt euch nicht integrieren!"
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