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Wolfgang Böhmer: Massive Kritik an Kindstötungen-Theorie

Seine Theorie, viele Kindstötungen seien eine Folge der DDR-Mentalität, beschert Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer auch herbe Kritik aus den eigenen Reihen. CDU-Generalsekretär Profalla kündigte nun "ein persönliches Gespräch" mit Böhmer an.

Die heftige Kritik am sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer und seiner umstrittenen These zu Kindstötungen im Osten reißt nicht ab. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte im Programm von N24, Böhmer habe am Montag auf der CDU-Präsidiumssitzung die Chance, "die Sache für sich gerade zu rücken". Persönlich halte er "überhaupt nichts von eindimensionalen Erklärungen", erklärte Pofalla. Er kündigte ein Gespräch mit Böhmer an. Der CDU-Politiker und Gynäkologe Böhmer hatte dem "Focus" gesagt, ihm komme es so vor, als sei die Tötung von Neugeborenen für manche ostdeutsche Frau "ein Mittel der Familienplanung". Als Grund hatte er die liberale Abtreibungspraxis der DDR genannt.

Die Grünen forderten daraufhin Böhmers Rücktritt. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Tiefensee (SPD), verlangte eine Entschuldigung Böhmers bei den Eltern im Osten. Der "Frankfurter Rundschau" sagte er: "Das ist pseudowissenschaftliche Schwadroniererei und eine üble Diffamierung der Frauen in Ostdeutschland." Der SPD-Politiker zeigte sich empört: "Es ist zynisch und verantwortungslos, verantwortungsbewusste Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, mit Kindsmördern gleichzusetzen." Der Bundesverkehrsminister forderte Böhmer auf, seine Äußerungen unverzüglich zurückzunehmen und sich bei den jungen Eltern zu entschuldigen.

Böhmer relativiert seine Äußerungen

Böhmer selbst hatte seine Äußerungen zur DDR-Abtreibungspraxis und den Kindstötungen noch am Sonntag relativiert: "Ich kann nur sagen, dass das Begleitumstände sind, die möglicherweise diese Entwicklung mit beeinflusst haben", sagte er dem Mitteldeutschen Rundfunk. Die Behauptung, die DDR sei die Ursache für die Kindstötungen, habe er nie aufgestellt: "So einfach kann man sich ein solches Problem wirklich nicht machen. Das wäre auch ungerechtfertigt", erklärte er. Auch in der ostdeutschen CDU wurde massive Kritik an den Äußerungen laut.

Die thüringische Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski, die auch dem CDU-Bundesvorstand angehört, nannte "Pauschalverurteilungen" am Montag im ZDF-Morgenmagazin ungerechtfertigt. Sie sehe einen Zusammenhang zwischen DDR-Abtreibungspraxis und Kindstötungen nicht, sagte Schipanski. Sie wies darauf hin, dass die betreffenden jungen Frauen zu DDR-Zeiten noch Kinder gewesen seien. Böhmers Äußerungen über Kindestötung als "Mittel der Familienplanung" wolle sie auf keinen Fall so stehen lassen. Kindstötungen habe es schon immer gegeben.

Die Thüringer CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann sagte der "Thüringer Allgemeinen", die Aussage des Landeschefs von Sachsen-Anhalt sei eine "eine Kränkung für jede ostdeutsche Frau, die sich intensiv bemüht, ihren Kindern eine Zukunft zu geben." Der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Manfred Grund, wurde von dem Blatt mit den Worten zitiert: "Böhmers Wortmeldung ist ein Versuch, das Unfassbare mit einem einfachen Satz zu erklären. Das greift zu kurz."

AP / AP