Wowereits Wahl Party-Prinz beim Abgrund-Surfen


Es war denkbar knapp: Erst im zweiten Wahlgang ist Klaus Wowereit zum Berliner Bürgermeister gekürt worden. stern.de hat die entscheidenden Minuten dieses Wahl-Krimis protokolliert - und die Mutmaßungen über die Abweichler.
Von Florian Güßgen

Puh. Das ist arm - und gar nicht sexy. Es ist 16.21 Uhr. "Herr Klaus Wowereit", tönt es aus den Lautsprechern des Plenarsaals. Der SPD-Abgeordnete Wowereit wird zur Abstimmung gerufen. Vor den Kabinen wartet auch der Kollege Harald Wolf von der Linkspartei. Die zwei Herren scherzen. Betont gelassen. Dann wählt Wowereit. In einer der Kabinen, die für die Abgeordneten "A-K" bestimmt sind. Nach einer halben Minute ist er aus der Kabine draußen und hält seinen Wahlumschlag in die Höhe. Siegesgewissheit soll das ausstrahlen. Zuversicht.

Strafen sie ihn jetzt ab?

Dabei weiß jeder im Berliner Abgeordnetenhaus: Für Wowereit ist es verdammt eng. Er steht kurz vor einer Katastrophe. Im ersten Durchgang zur Wahl des Regierenden Bürgermeisters ist er durchgefallen. Seine rot-rot Koalition hat 76 Stimmen. 75 Stimmen hat er gebraucht. 74 Stimmen hat er bekommen. Zwei haben sich enthalten. 73 waren dagegen. Das war zu wenig. Dunkle Erinnerungen werden wach. Droht dem Berliner Prinzen das gleiche Schicksal wie Heide Simonis in Schleswig-Holstein? Machen sie ihn jetzt fertig? Und wer sind "sie"? Ist vielleicht ein Ex-Senator darunter? Oder irgendein anderer, der mit Wowereit nicht kann, dem seine Art nicht liegt? Wolfgang Brauer etwa, der könnte einer sein, der die Faxen schon jetzt dicke hat. Beim Parteitag der Linkspartei war er der einzige Abgeordnete, der gegen den Koaltionsvertrag gewettert und gestimmt hat. Und sind die Abweichler zum Äußersten bereit? Oder wollen Sie Wowereit nur einen Denkzettel verpassen?

Wowereit gibt sich super-super-locker

Es ist ein Jammer. Dabei haben sich die Abgeordneten der rot-roten Koalition für diesen Tag extra herausgeputzt. Alle tragen sie rote Schleifen am Revers, wie eine rote Solidaritätsbekundung. Und jetzt haben sich zwei einfach über diesen Schwur hinweggesetzt. Die Stimmung ist aufgekratzt. Ein paar Abgeordnete lesen wild entschlossen den Pressespiegel, andere geben sich betont entspannt. Wowereit scherzt jetzt, super-super-locker, in der vierten Stuhlreihe mit einer Kollegin. Haha, wenn das jetzt nicht klappt, kannste mich in der Pfeife rauchen! Haha. Das sagt er nicht. Ein paar Meter weiter schwarwenzelt Friedbert Pflüger, der geschlagene Herausforderer, zwischen Linkspartei und der eigenen Fraktion. Gut erholt, leicht gebräunt sieht er aus. Er wittert die große Sensation, aber die kleine reicht ihm schon.

Um 16.25 ist Walter Momper wieder dran. Er ist der Präsident des Hohen Hauses. Aber irgendwie von der Rolle. Nach dem ersten Wahlgang wollte er Wowereit schon zum Sieger küren, ihn schon nach der Annahme der Wahl fragen. Spät wurde ihm klar, dass es einfach nicht reichte. Momper wirkt eine Spur zu gelassen an diesem Tag, irgendwie glücklich sediert. "Der zweite Wahlgang ist geschlossen", sagt Momper jetzt. Nun wird gezählt.

Gezählt ist binnen zehn Minuten

Sie zählen schnell. Sie brauchen hier weniger als zehn Minuten. Die Fotografen, die Kameras sind jetzt auch im Plenarsaal. Klickklick. Klickklick. Muss der Wowereit jetzt die Simonis machen? Momper, die linke Hand hyper-lässig in der Hosentasche, schlendert zum erhöhten Pult des Präsidiums. Dann liest er das Ergebnis vor. Es ist 16.34 Uhr. 149 abgegebene Stimmen. 75 Stimmen haben mit Ja gestimmt. Das reicht. Endlich dürfen die Abgeordneten mit den roten Schleifen klatschen. Und klatschen. "Damit ist der Abgeordnete Wowereit zum Regierenden Bürgermeister gewählt", sagt Momper. Und sie klatschen. "Nehmen Sie die Wahl an." - "Ja! Ich nehme die Wahl an." Wowereit bleibt ruhig. Das Heide-Schicksal ist ihm erspart geblieben. Um 16.37 leistet er schon den Eid.

"Wowereit ist in Zukunft erpressbar"

Für die Opposition ist dieser Tag eine Wonne. Pflüger strahlt, als er ins Foyer tritt. Die Kameras warten auf ihn. Vor allem auf ihn. "Nach dem Karlsruher Urteil kriegt Wowereit nun eine zweite, massive Klatsche", sagt er. Ihm muss das so gut tun. "Das Damoklesschwert des Scheiterns bei jeder wichtigen Entscheidung hängt nun über Herrn Wowereit", sagt der CDU-Mann. "Das ist keine gute Nachricht für die Stadt. Das ist eine Regierung, die leider zu schwach ist, die enormen Probleme der Stadt zu lösen." Darüber könne sich niemand freuen, der es gut meine mit Berlin.

Die Grüne Franziska Eichstädt-Bohlig sagt, Wowereit habe in den vergangenen Wochen einen Fehler nach dem anderen gemacht: "Die Art, wie mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts umgegangen worden ist, wie mit der Ressort-Gliederung umgegangen worden ist. Das war so eine Reihe von Fehlern, die natürlich dazu führen, dass die Abgeordneten aus den eigenen Reihen sich in irgendeiner Form brüskiert fühlen. Das ist ein Zeichen, dass man so nicht regieren kann. Das ist ein Fehlstart der problematischsten Sorte. Wowereit ist in Zukunft erpressbar und wird kaum vernünftig regieren können."

"Wir werden nie erfahren, wer es war"

Bei der Linkspartei ist man ernüchtert. "Das Signal ist natürlich kein gutes", sagt der Abgeordnete Klaus Lederer, zugleich Chef der Berliner Linkspartei. "Wir hatten Startschwierigkeiten." Dann gibt er sich einen Ruck. "Aber jetzt ist der Start erfolgt." Ob der Verräter aus seiner Fraktion kommt? "Darüber kann man jetzt ewig spekulieren. Ich kenne meinen Kollegen jedoch nur so", sagt Lederer, "dass sie Parteitagsbeschlüsse respektieren. Bei allen, über die spekuliert worden ist, gibt es klare Erklärungen, dass sie sich an die Beschlüsse halten. Wir werden nie erfahren, wer es war".


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