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TV-Kritik

"Berlin direkt": "Die Lage ist ernst": Die wichtigsten Aussagen von Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview

Undankbare Aufgabe für Bettina Schausten: Die ZDF-Haupstadtleiterin traf die Bundeskanzlerin zum Sommerinterview. Doch Angela Merkel wollte vor den entscheidenden, internen Beratungen zum EU-Gipfel nicht konkret werden.

Von Simone Deckner

Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview

Bundeskanzlerin Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview

DPA

Seit genau 30 Jahren gibt es die Sommerinterviews im ZDF. Traditionell stellen sich in der parlamentarischen Sommerpause Spitzenpolitiker aller Couleur in lockerer Atmosphäre den brennenden Fragen der Politik-Journalisten. Auch der Termin für das Sommerinterview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel stand lange fest – was vorher keineswegs abzusehen war: Dass die Ausstrahlung ausgerechnet auf den Tag fallen würde, an dem sich voraussichtlich die politische Zukunft von Angela Merkel und der gesamten Regierungskoalition entscheiden wird.

"Ein ganz außergewöhnlicher Tag", so ZDF-Hauptstadtleiterin Bettina Schausten. Sie wies die Zuschauer als Erstes darauf hin, wann genau man das Interview aufgezeichnet hatte: um 14:06 Uhr – also vor den entscheidenden, internen Beratungen bei CDU und CSU über die Ergebnisse des EU-Gipfels vom Wochenende zur Streitfrage Migration. Wie verzweifelt Schausten angesichts dieser undankbaren Ausgangslage war, ließ sie sich zumindest nicht anmerken.

Merkel "einigermaßen zufrieden" mit EU-Gipfel

"Ist am Ende dieses Tages Horst Seehofer noch Innenminister? Ist die CSU noch beisammen? Hat Deutschland noch eine Regierung?" Schausten brach zwar gleich mit der eisernen Journalistenregel, immer nur eine Frage zu stellen, tat dies aber vermutlich, weil sie bereits ahnte, dass sie auf keine der drei Fragen eine konkrete Antwort erhalten würde.

Und so kam es. Angela Merkel antwortete, wenig überraschend, dass sie den internen Beratungsergebnisse "natürlich nicht vorgreifen werde", dennoch: Sie werde "alles daran setzen", eine gemeinsame Lösung mit der CSU zu erreichen. Sie sei mit den auf dem EU-Gipfel erreichten Ergebnissen "einigermaßen zufrieden", so Merkel weiter und baute Seehofer eine Brücke: "Da hat mich die CSU auch ein Stück angespornt." Vor 14 Tagen etwa sei ihr noch nicht klar gewesen, "dass ich das erreiche, was ich jetzt erreicht habe".

Schausten hakte nach, konfrontierte Merkel mit den Aussagen Ungarns, Tschechiens und Polens, die einen Deal zur Rücknahme von Flüchtlingen mit Merkel bestreiten. "Haben Sie Ihre Erfolge größer dargestellt als sie sind?" will die Interviewerin wissen. Die CDU-Vorsitzende geht nur indirekt auf den Vorwurf ein, sagt "wenn es zu Missverständnissen gekommen ist, bedauere ich das". Außerdem: Man sei auch noch lange nicht am Ende der Verhandlungen angekommen. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) stehen nebeneinander, schauen voneinander weg

Kanzlerin legt sich nicht fest

Immer wieder will Schausten wissen, wie es nun mit Seehofer und seinen angekündigten nationalen Alleingängen an den Grenzen weitergehen soll. "Seehofer will direkte Zurückweisungen, haben Sie da noch was im Köcher?", fragt sie. Doch auch die saloppe Anrede bringt Merkel nicht dazu, sich in der Causa Seehofer festzulegen. Sie sei dem CSU-Anliegen "mehr Ordnung in die so genannte Sekundärmigration zu bringen", ja schon entgegengekommen, sagt Merkel.

Schausten: "Wenn Seehofer weiter eine gemeinsame Lösung in der Migrationsfrage blockieren würde, würde sie ihn dann entlassen?" "Zu 'wenn … dann'-Fragen äußere ich mich nicht", entgegnet die Kanzlerin trocken.

Ihr gehe es um die Sache, ein vereintes Europa. Dafür kämpfe sie, wenn nötig auch mit langem Atem. "Die Migrationsfrage kann Europa spalten, deshalb ist es mir auch so wichtig, deshalb kämpfe ich auch so sehr." 

Angela Merkel: "Mir geht es um die Sache"

Ob sie verletzt sei, dass die CSU sie nun als Sündenbock darstelle, versucht sich Schausten dann in Sandra-Maischerger-Manier vorzutasten. "In der Politik geht es manchmal rau zu … noch einmal, es geht mir um die Sache", bleibt Merkel auf der Sachebene.

Ob sie als "Flüchtlingskanzlerin" nicht unzufrieden sein müsse mit den Ergebnissen des Gipfel, provoziert Schausten, zusehends erschöpft. "Wir ziehen ja nicht die Brücken hoch, wir schauen, was können wir tun, um illegalen Schleppern und Schleusern das Handwerk zu legen? Dem kann Europa nicht zusehen", sagt Merkel.

Eine Antwort, die der CSU gefallen müsste. Und was ist mit der AfD? Habe ihre Entscheidung, 2015 die Grenzen nicht zu schließen, die AfD nicht erst groß gemacht, fragt Schausten. Es gäbe "eine Sehnsucht nach einfachen Lösungen", so Merkel, die den Honecker-Vergleich von Gauland nicht kommentieren will, stattdessen stellt sie nüchtern fest: "Niemand verlässt seine Heimat leichtfertig".

Fazit: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, diese alte Journalistenweisheit wird heute womöglich um eine weitere Notiz ergänzt: Nichts ist so alt wie das Sommerinterview von heute Nachmittag, wenn der Tag ein Tag der Entscheidung ist. Das ZDF reagierte unterdessen: Schon am Nachmittag war das Interview in der Mediathek online. Reguläre Sendezeit: abends um 19:10 Uhr. Wer weiß, wie die Welt um diese Zeit aussieht?