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Zwischenruf: Blutend über Scherben

Die Katastrophe auf den Finanzmärkten verwüstet die Welt, zerstört alte Sicherheiten und Überzeugungen. Nichts gilt noch so wie früher in unserem Verhältnis zu Geld und Kapital. Eine Exkursion ins Trümmerfeld.

Von Hans-Ulrich Jörges

Zerbrochen ist die Vorstellung, irgendetwas sei unvorstellbar.
Zerbrochen ist die Hoffnung, irgendjemand auf dem Globus - eine Institution, ein Kopf - habe noch den Überblick über Ausmaß und Folgen der Finanzkrise.
Zerbrochen ist das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit der Wirtschaftseliten.
Zerbrochen ist die Herrschaft der Wirtschaft über die Politik - das Verhältnis kehrt sich um. Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht - den Satz wagt niemand mehr.
Zerbrochen ist die Vorstellung, der Sozialismus sei historisch erledigt. Lieber rot als tot, ruft das Finanzkapital und fordert seine Verstaatlichung.
Zerbrochen ist das Vorbild des Westens für Russland und China - Wirtschaft funktioniere nicht ohne Demokratie. Russen und Chinesen lernen: Der Staat lenkt effizienter.
Zerbrochen ist die Supermacht USA, gescheitert nicht nur im Irak und in Afghanistan, sondern auch in New York.
Zerbrochen ist die Annahme, China wolle die USA erledigen. Die Chinesen halten so viele Dollar, dass sie die USA retten müssen. Das Mündel wird Vormund.

Zerbrochen ist der Mythos Wall Street - der Vatikan des Finanzkapitals ist fehlbar.
Zerbrochen ist das Dogma, die Globalisierung brauche freie Entfaltung. "Neoliberal“ ist Schimpfwort statt Auszeichnung.
Zerbrochen ist die These, der Raubtier- Kapitalismus sei nicht zu bändigen - nun wird ihm ein Käfig gebaut.
Zerbrochen ist der Kasino-Kapitalismus, sein Untergang verwüstet die Wirtschaft.
Zerbrochen ist das Ansehen des feinen Geldadels. Bankiers gelten nicht mehr als weitsichtig-kühle Strategen, sondern als "Bankster“.
Zerbrochen ist die Hoffnung, dass Banker in der Katastrophe Gesicht zeigen - Schuld und Fehler bekennen.
Zerbrochen ist die Naivität der Politik gegenüber Bankern - denn die kennen nicht mal ihre eigenen Bücher.
Zerbrochen sind die Investmentbanken, die nur mit großem Geld spielten und Kleinanleger verachteten.
Zerbrochen sind die Karrieren von Investmentbankern, die sich als Herren des Universums fühlten und die Rolling Stones für sich aufspielen ließen.

Zerbrochen ist die Annahme, der Londoner Investmentbanker Anshu Jain, ein gebürtiger Inder, werde Nachfolger Ackermanns als Chef der Deutschen Bank.
Zerbrochen ist die Vorstellung von Managern, sie brauchten nicht zu haften für Milliardenverluste.
Zerbrochen ist die Glaubwürdigkeit von Wirtschaftsführern, Verbänden und Lobbyisten - zu leiden haben darunter engagierte, aber stille Mittelständler.
Zerbrochen ist die These, dass Angela Merkel alles "vom Ende her“ denkt - wusste, was kam, und weiß, was kommt.
Zerbrochen ist die Achse Berlin-Paris. Die Kanzlerin setzte in der Krise auf nationalen Alleingang statt auf Europa.
Zerbrochen ist das Klischee, Oskar Lafontaine habe stets Unrecht - den Finanzmarkt wollte er schon 1999 regulieren.
Zerbrochen ist der Mythos der Heuschrecken: Hedgefonds haben sich überfressen, kriegen nun kein Geld mehr von den Banken und verdauen Verluste statt Renditen.

Zerbrochen ist die Berechenbarkeit der Börse. Wer sich hineinbegibt, weiß nicht, wie ihm geschieht.
Zerbrochen sind alte Regeln der Geldanlage. Etwa: Aktien kaufen, liegen lassen und erst Jahre später nachschauen.
Zerbrochen ist die Magie von Derivaten und Zertifikaten - puren Wettscheinen, die blitzschnell zu Konfetti werden.
Zerbrochen ist selbst das Vertrauen in Pfandbriefe - früher bombensichere Anlagen für Witwen und Waisen, heute riskant.
Zerbrochen ist die Glaubwürdigkeit von Bankberatern, die auf Anweisung von oben Schrott als Edelmetall verkauft haben.
Zerbrochen ist das Vertrauen in den Verbraucherschutzminister Seehofer, der sich mit Banken nicht anlegen wollte.

Zerbrochen ist die Vorstellung, der Staat habe vor Gammelfleisch zu warnen, nicht aber vor Gammelzertifikaten.
Zerbrochen ist die Verlässlichkeit deutscher Beamter, der Bankenaufseher wie der einst ehernen Bundesbank.
Zerbrochen ist der Ruhm der Privatisierung staatlicher Leistungen: Strom, Wasser, Abfall, Wohnungen. Die Abenteuer des Kapitals zwingen die Politik zum Umdenken.
Zerbrochen ist die Hoffnung auf ein Ende der Großen Koalition. In der Krise wird ihre Fortsetzung zur Hoffnung. Das Teilen der Verzweiflung sichert den Bestand.

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