Zwischenruf Ewig lebt der Wienerwald


Edmund Stoiber kämpft um alles oder nichts - wird er nicht Kanzlerkandidat, droht ihm ein Ende in Bayern. Also arbeitet er planmäßig an Angela Merkels Demontage. Aus stern Nr. 34/2004.

Verrat wird in Hinterzimmern geboren. "Kohl ... wird nie Kanzler werden. Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür." November 1976. Im Schulungsraum der Münchner "Wienerwald"-Zentrale redet der CSU-Vorsitzende vor dem Landesausschuss der Jungen Union Tacheles über seinen Bonner Rivalen. Der Redner ist Franz Josef Strauß. Einer schneidet mit und lanciert die Suada an die Presse. Das Verhältnis zwischen den Vorsitzenden von CDU und CSU ist für alle Zeiten zerstört. Kohl wird Kanzler, Strauß endet in München.

"Die können Schröder und Fischer nicht das Wasser reichen." Es sei eine "Fehleinschätzung" zu glauben, Angela Merkel und Guido Westerwelle seien das Duo der Zukunft. Die Union werde es schwer haben, mit einer ostdeutschen Protestantin (gemeint ist: einer Frau) und einem Junggesellen aus Bonn (gemeint ist: einem Schwulen) das bürgerliche Lager zu gewinnen. Bei Schröder und Fischer habe man es "nicht mit Leichtmatrosen zu tun". Ende Juli 2004. In der Münchner Staatskanzlei redet der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident vor Vertrauten Tacheles über seine Berliner Rivalin und deren Kompagnon. Der Redner ist Edmund Stoiber. Einer notiert die Sätze und lanciert sie an die Presse. Das Verhältnis zwischen den Vorsitzenden von CDU und CSU ist erschüttert, vielleicht für alle Zeiten. Falls Merkel Kanzlerin wird, könnte Stoiber in München enden.

Geschichte produziert zuweilen verblüffende Parallelen. Strauß und Stoiber verbindet, außer der zur Rechtfertigung vorgetragenen Sorge um die Mehrheitsfähigkeit der Union, ein fast identisches Motivationsmuster: Überlegenheitsgefühl gegenüber der Nummer eins der CDU, bohrender Ehrgeiz, verletztes Ego, Furcht vor Abstieg in die Zweitrangigkeit.

Merkel und Westerwelle, das ist offensichtlich, werden im Urteil der Öffentlichkeit 2006 die Herausforderer Schröders und Fischers sein. Machtwechsel kann der Union nur in Koalition mit den Liberalen gelingen. Warum also greift Stoiber das Duo an? Die Antwort muss zwei weitere Beobachtungen ins Kalkül ziehen, beide so aussagekräftig wie Stoibers Wasserstandsmessung.

Fall eins: Im Juli verbreitet er sich auf einer CSU-Klausur im Kloster Banz über eine große Koalition nach 2006. Nach 2006? Das hat wenig Sinn. Viel mehr Sinn hat es aus seiner Perspektive, über die Elefantenhochzeit vor 2006 zu räsonieren, falls die rot-grüne Koalition nämlich nach verlorener Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 am Ende wäre. Aber darüber darf er offen nicht reden. Fall zwei: Anfang August nennt er das Herzstück in Merkels Programm, die Krankenkassen-Kopfpauschale, in der "Welt" einen "Rohrkrepierer" und setzt Bedingungen, die ihr Ziel - Systemwechsel durch Abkoppelung von den Löhnen - durchkreuzen.

Wer das Duo Merkel/Westerwelle in- frage stellt, stellt auch die Kanzlerkandidatin Merkel infrage. Wer ihr Schlüsselprojekt umzudrehen versucht, schleift ihr politisches Profil. Wer jetzt ein Duo Merkel/ Stoiber verlangt, hält Stoiber im Kandidatenrennen. Wer an große Koalition vor 2006 denkt, sieht sich als deren Kanzler und Merkel nur als Fraktionschefin.

Stoibers Psychologie speist sich aus hohem Einsatz und tiefer Verletzung: Er hat auf das Bundespräsidentenamt wie auf die Präsidentschaft der EU-Kommission verzichtet. Für welkende bayerische Würden, die er schon hat? Für einen Ministerposten im Kabinett Merkel? Für die Kanzlerschaft! Von der CDU aber fühlt er sich gedemütigt. Durch frostigen Empfang auf dem Leipziger Parteitag. Durch Missachtung seines eisernen Sparprogramms in Bayern: erstes Bundesland ohne neue Schulden ab 2006! Durch Köhlers Nominierung zum Präsidenten, während er für Schäuble stand. Durch die ernüchternde Botschaft, dass er auch gar nicht gewählt worden wäre, weil sich ihm FDP-Frauen verweigert hätten.

Stoiber kämpft um alles - oder nichts. Denn ein Minister Stoiber ist fraglicher denn je. Außenminister würde Westerwelle. Einen Doppelminister für Wirtschaft und Finanzen kann es kaum geben, weil Friedrich Merz Finanzminister werden möchte und die FDP eines der Ämter zur Koalitionsfrage macht. Innenminister, zuständig für Terrorabwehr? Zu wenig. Also endet es wohl in Bayern, also zieht 2006 ein Zwei-Fronten-Wahlkampf herauf: Schröder auch gegen Lafontaine, Merkel auch gegen Stoiber.

Hans-Ulrich Jörges print

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