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Zypries-Vorstoß: Wann beginnt die Menschenwürde?

Die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries möchte die Forschung an im Reagenzglas erzeugten Embryonen zulassen. Damit hat sie heftige Kritik bei Politikern und Kirchen ausgelöst.

Der Koalitionspartner der SPD, die Grünen, macht Front gegen Lockerungen in der Biopolitik. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, warnte am Donnerstag in Berlin Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), "grundsätzliche ethische und und verfassungsrechtliche Grenzziehungen...beliebig oft neu zu verhandeln wie Tarifverträge".

Unterstützung vom Kanzler

Zypries hatte sich mit Unterstützung von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) für eine Lockerung des Verbots menschlicher embryonaler Stammzellen in der Forschung ausgesprochen. Der Bundestag hatte erst vor eineinhalb Jahren nach mühsamen Debatten einen parteiübergreifenden Beschluss dazu gefasst, den Zypries jetzt wieder in Frage stellt. Mit Stammzellen vom Menschen wollen Mediziner vor allem schwere Krankheiten heilen.

Beck sagte: "Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt die individuelle Existenz des Menschen. Hier muss auch die Unantastbarkeit seiner Würde beginnen." Grundsätzliche und ethische Definitionen dürften nicht "auf dem Basar der Tagespolitik" verhandelt werden. Genau dies fordere Zypries "mit ihrem sonderbaren Abwägungskonzept des menschenwürdelosen Lebens".

Grüne: Lockerung nicht notwendig

Der Gentechnik-Experte der Grünen, Reinhard Loske, sagte in der Berliner Zeitung, die Überlegungen von Zypries, das Stammzellgesetz möglicherweise zu lockern, sei "weder verfassungs- noch forschungspolitisch notwendig!". Deutschland habe mit der Stichtagsregelung zum Import von Stammzellen einen guten Weg eingeschlagen. Überschüssigen Embryonen nun die Menschenwürde abzusprechen, sei ein klares Abweichen von der bisherigen Linie und öffne "fragwürdigen juristischen Abweichungen Tür und Tor".

Die Deutsche Bischofskonferenz wandte sich in einer in Bonn verbreiteten Erklärung entschieden gegen Zypries’ Auffassung, das Stammzellen-Gesetz solle bei entsprechenden Wünschen aus der Wissenschaft gegebenenfalls überprüft werden. Die Katholische Kirche trete "für die Anerkennung der Menschenwürde zu jedem Zeitpunkt menschlichen Lebens ein", hieß es.

Eine Perspektive auf Menschenwürde

Der Vorsitzende der Bundestags-Enquetekommission zur Bioethik, Rene Röspel, hat sich ebenfalls gegen eine Lockerung des Embryonenschutzes ausgesprochen. Der SPD-Politiker sagte der "Berliner Zeitung", er teile die Einschätzung von Zypries nicht, dass das Embryo außerhalb des Mutterleibs keine vollen Abnspruch auf die Menschenwürde habe. Weil eine künstlich befruchtete Eizelle nicht die Möglichkeit habe, "sich aus sich heraus zum Menschen zu entwickeln", habe der Embryo in der Petrischale "lediglich die Perspektive der Menschenwürde", nicht schon diese selbst. Röspel betonte, er erwarte keine konkreten Auswirkungen durch die verfassungsrechtliche Wende im Justizministerium.

Der Unionspolitiker Peter Liese, Bioethik-Experte im Europäischen Parlament, warnte in der Zeitung "Die Welt", der von Zypries geplante eingeschränkte Embryonenschutz gefährde die Bestrebungen der Vereinten Nationen für ein weltweites Klonverbot.

Eineinhalb Jahre nach einem parteiübergreifenden Bundestags-Beschluss zur Stammzellenforschung war die Justizministerin am Mittwoch von der Position ihres Hauses abgerückt, auch im Reagenzglas erzeugten Embryonen den vollen Schutz der Menschenwürde zuzuerkennen. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) plädierte nach Angaben eines Regierungssprechers für eine neue Debatte. Mit schnellen Gesetzesvorstößen ist nach Angaben einer Sprecherin von Zypries aber nicht zu rechnen.

Mit Stammzellen vom Menschen wollen Mediziner in Zukunft schwere Krankheiten heilen. Sie werden vor allem aus Embryonen gewonnen, die bei einer künstlichen Befruchtung entstehen und nicht mehr für eine Schwangerschaft benötigt werden. In Deutschland dürfen Wissenschaftler Stammzellen aus menschlichen Embryonen - in Ausnahmefällen - für "hochrangige Forschungsziele" importieren.