DDR-Geheimdienst Sturm auf die letzte Bastion des SED-Regimes


Die Erstürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin vor 15 Jahren war der Tag, an dem der DDR-Geheimdienst zusammenbrach. Für das MfS waren 1989 noch rund 174.000 "Informelle Mitarbeiter" tätig.

Die Wut war nicht mehr zu stoppen. Als am 15. Januar 1990 tausende Demonstranten in die Berliner Stasi-Zentrale eindrangen, konnten sie es nicht fassen: Räucheraal und Krabben auf der Kantinen-Speisekarte, mit Haifischflossensuppe in Dosen gefüllte Lagerräume, holzgetäfelte Konferenzräume. Statt ihrer Stasi-Akten sahen sie diesen für DDR-Verhältnisse unvorstellbaren Luxus. Aus Wut und Ohnmacht zerstörte die aufgebrachte Menge in dem festungsartigen Bürokomplex in der Normannenstraße Stühle und Tische, riss Waschbecken heraus und warf Honecker-Bilder aus den Fenstern.

Bis heute halten sich Gerüchte, dass die wütende Menge in den so genannten Versorgungskomplex "abgelenkt" wurde - vielleicht sogar von getarnten Stasi-Leuten. Nach einem Aufruf des Neuen Forums hatten sich die Demonstranten zunächst vor dem früheren Ministerium von Stasichef Erich Mielke im Stadtteil Lichtenberg versammelt, um gegen die Weiterarbeit der Stasi zu protestieren. Symbolisch wurde ein Eingang zugemauert. Drinnen verhandelten schon Bürgerkomitees über eine friedliche Übergabe. Doch als die Tore geöffnet wurden, eskalierte die Situation. Viele Stasi-Leute waren aber nach Hause geschickt worden, nur vor versiegelten Türen standen Wachleute.

Bürgerrechtler erklärten sich vom Runden Tisch aus bereit, an den Ort des Geschehens zu fahren. Konrad Weiß und Rainer Eppelmann schlugen vor, zuvor eine Erklärung zu verbreiten. Der Aufruf in Rundfunk und Fernsehen endete mit den Worten: "Bitte keine Gewalt." Auch Ministerpräsident Hans Modrow eilte in die Normannenstraße. Die Aufrufe zur Besonnenheit fruchteten schließlich: Die Demonstranten verließen das Gebäude, die Eingänge wurden gesichert. Am nächsten Morgen schätzte es die Ost-Berliner Polizei als Verdienst der Oppositionsgruppen ein, dass es keine Toten oder Schwerverletzten gab.

Ungebrochenes Interesse an der Vergangenheit

Der Sturm auf die Stasi-Zentrale vor 15 Jahren besiegelte den Untergang des DDR-Spitzelapparates. Es sei historisch und einmalig, dass einfache Bürger einen Geheimdienst endgültig zu Fall brachten, sagt die frühere Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die heute die Stasi-Unterlagenbehörde leitet. Die Existenz ihrer Behörde bezeuge den Mut der Menschen. Sie hätten die Besitzer der Akten enteignet. Aus Birthlers Sicht ist auch 15 Jahre nach dem historischen Ereignis das Interesse der Bürger an der Vergangenheit ungebrochen. Allein im Vorjahr gingen mehr als 160.000 Anträge auf Akeneinsicht oder Überprüfungen ein.

Nach damaligen Erkenntnissen der Bürgerkomitees, die die Auflösung des Sicherheitsdienstes nach der Wende im Herbst 1989 überwachten, waren Anfang 1990 noch tausende Stasi-Leute im Dienst. In den Bezirken der DDR waren die Stasi-Verwaltungen schon früher besetzt worden. Doch die Berliner Zentrale funktioniere nach wie vor, wurde moniert. Und die Stasi-Leute waren nicht untätig: Massenhaft gingen Papiere durch die Reißwölfe.

Heute lagern noch knapp 16.000 sichergestellte Säcke mit zerfetzten oder zerschnipselten Stasi-Unterlagen bei der Stasi- Unterlagenbehörde. Birthler rechnet bei der Rekonstruktion der Papiere, die per Hand erfolgt, noch mit brisanten Funden. Da aktuelle Vorgänge direkt von den Schreibtischen der Stasi-Offiziere vernichtet wurden, könnte es noch Überraschungen geben. Doch bislang hat der Bundestag kein Geld für ein Zusammensetzen am Computer bewilligt.

"Definitiv verschwanden Unterlagen"

Bis heute gibt es auch Spekulationen, dass unter den Demonstranten in der Stasi-Zentrale auch Mitarbeiter westlicher Geheimdienste gewesen sein könnten, die gezielt in bestimmte Räume vordrangen. Ob andere Geheimdienstler an jenem Tag in der Normannenstraße waren, sei nach wie vor unklar, sagt Birthler-Sprecher Christian Booß. "Definitiv ist aber, dass Unterlagen verschwanden."

Jutta Schütz/DPA DPA


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