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Die 68er: Raus aus den alten Klamotten

Mit überschäumender Energie schleifen junge Mädchen der Swinging Sixties die modischen Bastionen der Elterngeneration. Miniröcke, viel Haut und wilde Experimentierwut werden ihr Waffen im Kampf gegen dröge Einfallslosigkeit.

Es ist nicht ohne Reiz, was die Studentinnen des Arbeitskreises Emanzipation am 12. Dezember 1968 vor dem Hamburger Amtsgericht bieten: Barbusig stimmen sie "Die Ballade von den asexuellen Richtern" an. Oder in Wien: Da hält der Künstler Friedensreich Hundertwasser seine Reden zum Boykott rechtwinkliger Architektur splitternackt. Und in West-Berlin recken die Rabatzkis der Kommune I ihre entblößten Hintern der Öffentlichkeit so kollektiv entgegen, dass es schon nicht mehr subversiv ist, aber immer noch locker in den Schatten stellt, was das angebliche Modezentrum der Welt als Neuigkeit liefert: In Paris gibt Yves Saint Laurent bei der noblen Haute Couture den Ton an, und alles, was er in diesem Jahr zu zeigen wagt, sind Frauen in durchsichtigen Kleidern. Es ist zum Gähnen.

Ja, die Großen der Mode stehen staunend im Abseits und erheben zum Trend, was längst auf Großstadtstraßen vorgeführt wird. Genau genommen währt dieses Hinterherhecheln schon vier Jahre. Mindestens. Seit die wichtigsten Designer in Paris die Rocksäume Stück um Stück hoben und sich für ihre Tollkühnheit von einem elitären Publikum feiern ließen: das entblößte Knie, 1964, ach, wie spannend; der nackte Oberschenkel, 1965, toll - aber in London ist das bereits seit Jahren Alltag. Kunststudentinnen tragen den Mini, die Bräute der Mods, dann auch die Kundinnen der Modeboutique "Bazaar" im Stadtteil Chelsea. "Es waren nicht André Courrèges oder ich, die den Mini erfanden", gibt die Ladenbesitzerin Mary Quant später einmal zu, "es waren die Mädchen auf der Straße". Auch in Berlin, München, Hamburg fangen die Frauen sich steile Blicke und Blasenentzündungen ein. Mit exhibitionistischer Lust zeigen sie, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass sie sich nicht mehr wie ihre Eltern kleiden wollen. "Das Auftreten Erwachsener empfand ich als abstoßend, gestelzt, hässlich", erzählt Mary Quant. Petticoats, Tüllblusen und hochgesteckte Frisuren - "In so etwas wollte ich nicht hineinwachsen." Teenager zu sein ist kein schnellstmöglich hinter sich zu bringender Zustand mehr, sondern ein Status, der mit Stolz erfüllt. Es gilt, so kindlich wie möglich zu wirken. Im Mini geht das bestens, denn er ist ein Komplett-Look, seine Silhouette ein modisches Ausrufezeichen aus fohlenhaften Stöckelbeinen, dünnem Torso und - Ergebnis des "Classic Bob"-Kurzhaarschnitts von Vidal Sassoon - einem Babykopf mit Kulleraugen.

Twiggy und der Mini

Personifiziert wird die Kindfrau durch Leslie Hornsby, genannt Twiggy, "das Zweiglein". Mit blutleerem Gesicht, blassen Lippen, drei Lagen Kunstwimpern über geschwärzten Augen posiert sie x-beinig in der "Nasse-Höschen-Stellung" (Mary Quant). Bislang hat die Mode ihre Mannequins mit Vorliebe aus dem Adel rekrutiert - nun kommt da eine Samstagsjob-Friseurin, Tochter einer Woolworth-Verkäuferin, und definiert die Schönheit mit 41 Kilogramm und einem bekloppten Dauergrinsen neu. Twiggy und der Mini stehen für die Demokratisierung der Mode. "Der Look von heute kommt von unten", diagnostiziert der Fotograf Cecil Beaton. "Das Mädchen aus der Arbeiterklasse hat Geld in der Tasche und kann genauso schick sein wie die Debütantin am Hofe - darum geht es bei Twiggy." Zum ersten Mal setzt die Unterschicht ihre Modevorstellungen durch. Prompt schließt der große Couturier Cristóbal Balenciaga sein Atelier, weil es, wie er meint, niemanden mehr zum Anziehen gäbe. "Vulgarität ist das Leben", findet Mary Quant, "der gute Geschmack ist tot."

Der gute Geschmack, das waren die Fünfziger. Und die waren von Bügelfalten und Trevira-Hosen geprägt, von Lockenwicklern und Haarlack. Die Männer trugen Schlips, Oberhemd, Anzug, die Backfische steckten im Petticoat, erwachsene Frauen in Sackkleid oder Twinset, immer schön Ton in Ton, stets wie aus dem Ei gepellt. Mit zwangsneurotischer Sorgfalt spiegelte die Kleidung wider, was das Jahrzehnt in seinem Inneren zusammenhielt: Fleiß und Ordnung der Aufbaugeneration, Sparsamkeit, Triebverzicht und das Glück der Hausfrau angesichts eines elektrischen Staubsaugers. An ihrem Ende waren die Fünfziger prickelnd wie drei Tage offen herumstehende Bluna-Brause. Gut, auch die Fifties hatten ihre Rebellen. Da gab es Elvis oder die englischen Mods, die Existenzialisten am linken Seineufer in Paris, immer in Schwarz, immer die Kippe im Mund, dann auch die deutschen Halbstarken. Einen Horst Buchholz, der sich nach Kräften flegelte. Doch selbst wenn er mal aufmüpfig blickte, er war adrett anzuschauen: Der Scheitel saß, der Kamm steckte, das Schuhleder glänzte. Die Fünfziger wussten ihre Störenfriede zu bändigen.

Das Jugendbeben der westlichen Welt

Nun aber will die Jugend nicht mehr den Regeln und Gesetzen ihrer Eltern folgen. Sie begehrt auf gegen die guten alten Sitten in der Familie, an Schulen, in Universitäten. Sie will ihre eigene Musik, ihre eigene Mode und fegt die bigotte Atmosphäre beiseite. Im Straßenbild deutscher Städte sind die Tulpenröcke plötzlich verschwunden, ondulierte Haartürme à la Farah Diba werden gegen geometrische Frisuren getauscht und der Anstand öfter mal gegen die Antibabypille, die in der BRD seit 1961, in der DDR seit 1965 auf dem Markt ist. "Mir kommt es manchmal vor, als wären die 50er Jahre auf einem anderen Planeten passiert", stellt Karl Lagerfeld fest, "so sehr hat sich alles verändert." Die "Bravo" macht in Typberatung ("So wirst du ein Chelsea-Girl"), via Fernsehen treibt der "Beat-Club" den Sound und Look der Sixties bis in die Provinz. Und über Mauern. Zunächst galten der Mini und seine modischen Begleiter in der DDR als Symbole westlicher Unkultur. Die Aufsichtsbehörden verlängern Röcke und verkleinern Dekolletés in den Modezeitschriften per Retusche, schließlich entdeckt die SED den Nachwuchs dann doch und gründet das Unternehmen "Jugendmode".

Das macht die DDR im Ostblock zur Modeavantgarde. Als Siegerin der Russisch-Olympiade darf die Oberschülerin Angela Merkel zur Belohnung in die UdSSR reisen. Dort besichtigen die Achtklässlerinnen das Mahnmal der gefallenen Soldaten im Mini - zum Ärger der Russinnen, die derlei Entblößung laut beschimpfen. Im Westen baut die Jugend derweil ihre eigene Welt auch ohne das Okay einer Einheitspartei auf. Sie kann es sich leisten: Dank des Babybooms nach Kriegsende ist der Anteil der Zwanzigjährigen an der Bevölkerung extrem hoch, und Arbeit gibt es für fast alle von ihnen. Als neue Konsumenten können sie die Früchte des Wirtschaftswunders ernten. "Wir waren die erste Generation, die tatsächlich Geld hatte und deshalb auch die Freiheit besaß, eine eigene Kultur zu erschaffen", sagt Mary Quant. Das Jugendbeben der westlichen Welt - "Youthquake", nennt es die "Vogue" -, hat sein Epizentrum in England, doch es bringt auch in der Bundesrepublik die Modeindustrie zum Vibrieren: Die 15-bis 19-jährigen Deutschen erwerben sechzig Prozent der Modeartikel; so etwas wie die Londoner Carnaby Street, ein Mekka der Modesüchtigen, gab es bei uns zwar nicht, dafür aber richten alle deutschen Kaufhäuser "corners" für junge Leute ein.

Töricht, lächerlich oder geschmacklos

Kaufhof-Filialen werden mit "Beat-Shops" ausgestattet, Boutiquen öffnen und Schallplattenläden. Stilbildend bei Klang und Kluft sind die Musiker "Swinging Londons": die Rolling Stones, The Who, vor allem die Beatles, vier nette Pilzköpfe in schlank geschnittenen, kragenlosen Sakkos. Und auf deren Schultern stoßen plötzlich Haare auf, das ist übel, geradezu skandalös. Und Thema Nummer eins in deutschen Familien und Schulen. Denn plötzlich ist die Welt voll langhaariger Jugendlicher. "Töricht, lächerlich oder geschmacklos" nennt 1966 das Münchner Oberlandesgericht die Langhaarmode, mit der junge Männer "glauben, auf diese Art ihre Persönlichkeit entfalten zu sollen". Auch in der Hauptstadt der Haute Couture muckt der Nachwuchs auf. Pariser Jungdesigner statten ihre Ära aus, die so viele einschneidende gesellschaftliche, kulturelle und technologische Veränderungen mit sich bringt wie keine vor ihr. Paco Rabanne präsentiert mit seinen "12 Experimental and unwearable Dresses" einen futuristischen Look aus silbrigen Plastikanzügen und Kleidern aus Aluminiumscheiben.

Courrèges begründet seinen Ruhm mit geometrischen Hosen, PVC-Stiefeln und Lackstoffen für das Raumzeitalter. Pierre Cardin, Einkleider der Beatles, propagiert mit seinen Tuniken und hautengen Bodysuits die textile Lösung für die sexuelle Gleichberechtigung. Emanuel Ungaro, seiner kompromisslos kurzen Minikleider wegen trägt er den Spitznamen "Terrorist", erklärt, woher die Experimentierfreude damals rührt: "Niemand hat es je zuvor so gemacht - also machen wir es." Die Modedesignerin Miuccia Prada erlebte die Sechziger als Studentin der Dramaturgie in Mailand. "Ich stand damals in meinen Yves-Saint- Laurent-Kleidern an der Straßenecke und verteilte linke Flugblätter", erzählt sie. Wann immer sie konnte, reiste sie nach "Swinging London", heute blickt sie mit neidischer Bewunderung zurück: "In den Sixties gab es Kleider, die avantgardistisch waren, weil es eine kulturelle und politische Avantgarde gab. Wenn große Ideen und neue Lebensmodelle im Umlauf sind - wie der Feminismus, die Studentenbewegung -, dann kann auch die Mode bedeutende Aussagen machen."

Mode, Musik und Kunst

Die Mode der Sixties fand eine völlig neue Ausdrucksmöglichkeit, weil die Modemacher nicht mehr auf die Schneiderkünste ihrer Vorgänger blickten, sie orientierten sich lieber an der Arbeit von Zeitgenossen. Ein Großteil ihrer Qualität beziehen die Swinging Sixties aus der Pop-Art. Sie hat die Trivialwelt zur Kunst erhoben, und was der Künstler Richard Hamilton 1957 als Grundsatzprogramm für die Kunst forderte, gilt für die Mode erst recht: Sie habe "populär, vorläufig, billig, in Serie herzustellen, jung, sexy, trickreich, glamourös und gut verkäuflich" zu sein. In Deutschland ist es Joseph Beuys, der via Happening zeigt, was alles Kunst sein kann. Beuys propagiert den erweiterten Kunstbegriff in Anglerweste und Filzhut und wird so zum ersten Star der deutschen Kunst. Seit Andy Warhol 1962 seine "Campbell's"- Suppendosen-Bilder in der Ferus-Gallery in Los Angeles ausstellte, gilt er als Ikone der Popkunst. Auch Saint Laurent ist begeistert, und was Warhol in der Kunst inszeniert - die Ästhetik des Banalen, das Ende des guten Geschmacks -, tut er in der Mode kund: Das Ende der Haute Couture, die Kleider für die Ewigkeit schneidern möchte.

"Ich mag diese bürgerliche Mode mit Perlenketten und Broschen nicht", verkündet er. "Ich liebe die Popkultur!" Befreiend seien jene Jahre gewesen, sagt Pierre Bergé, Kompagnon und Lebensgefährte Saint Laurents rückblickend. "Auf einmal war die Welt aufregend: Es gab damals eine seltene Mischung aus Mode, Musik und Kunst. Das passiert nicht alle Tage." Auf der anderen Seite des Atlantiks hat ein gewisser Rudi Gernreich die Sixties modisch an Land geholt. Er war eingebunden in die Kunstszene von Los Angeles, wirkte in den Projekten von Ed Ruscha oder Edward Kienholz mit und sah sich als Gesellschaftskritiker. Am 3. Juni 1964 veröffentlicht die angesehene "Women's Wear Daily" die Vorderansicht eines Badeanzugs, der von einem Nackenriemchen gehalten wird und dem das Oberteil fehlt. Es war Peggy Moffitt, Lieblingsmannequin und Muse Gernreichs, die den "Monokini" trug - barbusig. Nach seiner Auslieferung wurden Boutiquen von Bombenlegern bedroht, Hausfrauenverbände demonstrierten, der Vatikan versuchte zu verbieten, die sowjetische "Iswestija" wetterte vom "Zerfall der Geldbeutelgesellschaft"; in Chicago wurde eine 19-Jährige in Polizeigewahrsam genommen, weil sie den Monokini getragen hatte.

No-bra-bra, Pubikini und Hippies

Dabei hatte Gernreich nicht vorgehabt, ihn auf den Markt zu bringen. Er war das Ergebnis eines Wettstreits mit dem Italiener Emilio Pucci - welcher der beiden würde es zuerst oben ohne wagen? - und einer Überzeugung: "In der Mode wie in allen anderen Aspekten des Lebens - Die Zeit ist reif für Freiheit." In den folgenden Saisons entwarf der 1938 vor den Nazis nach Kalifornien geflohene Jude und Österreicher den No-bra-bra, einen transparenten Nylon Büstenhalter, sowie den "Pubikini", der das Schamhaar sehen ließ. "Allmählich wird die Befreiung des Körpers unsere Gesellschaft von ihrem Sexkomplex heilen" prophezeite er tollkühn. Ebendies ist das ganz besondere Anliegen einer völlig neuen Spezies: der Hippies. Die kommen aus Kalifornien und sind Früchte eines Sommers der Liebe. Der "Summer of Love" ist ein Ausdruck für das Lebensgefühl, das 1967 im kalifornischen San Francisco herrschte. Es ist erstmals in einem Happening spürbar, das am 14. Januar im Golden Gate Park stattfindet. Später in diesem Jahr strömen Tausende von jungen Leuten aus den ganzen USA in den Stadtteil Haight-Ashbury, um an der Hippie- Bewegung teilzunehmen. Sie begeistern sich für fernöstliche Religionen, stecken sich Blumen ins Haar, sind lieb zueinander, verweigern den Kriegsdienst, und sie haben entdeckt, dass es geilere Drogen gibt als die Erdbeerbowlen und Weinbrandbohnen ihrer Eltern.

Die bürgerliche Welt ist abermals entsetzt - Swinging London hat schon gehörig am Selbstverständnis gerüttelt, doch es hat seine Vergnügungen immerhin noch im Konsum gesehen. Jetzt aber scheinen die im Überfluss Großgewordenen, aufgewachsen in Frieden und Wachstum, plötzlich sämtliche Werte der Gesellschaft abzulehnen. Den Pfad in die amerikanische Gegenkultur haben Literaten und Künstler gelegt. Timothy Leary, Allen Ginsberg, Ken Kesey, Jack Kerouac; ihnen allen gemein ist der Abscheu vor der Konsumkultur. Das Zauberwort der Beatniks und Hippies ist "Bewusstseinserweiterung". Sie propagieren das Leben als Happening, in der Kommune und im halluzinogenen Rausch. Von San Francisco sind sie nach London gezogen, von London gingen sie nach Amsterdam, nun gehören sie zum Bild aller europäischen Metropolen und prägen die zweite Hälfte der Sechziger. Anders als die Hedonisten und Ästheten des Londoner "Chelsea Set" pflegen sie einen ländlich-naturalistischen Stil: Sie hüllen sich in bodenlange Röcke, flatternde Batikhemden und Fransenwildlederjacken. Sie schmücken sich mit Patchworktaschen und Halstüchern, wandeln in Samt, Brokat und Patchuliwolken.

Jeder Mini kann ein Statement sein

Ihre politisierten Brüder und Schwestern, Studenten meist, die sich 1968 in Berkeley, Paris oder Berlin mit der Polizei prügeln, treten in T-Shirts, ausgefransten Blue Jeans oder Cordhosen auf, in ollen Armeejacken und ausgelatschten Schuhen. Eines ist ihnen allen gemein: jede Menge Haupthaar. Von Jahr zu Jahr sind die Mähnen gewachsen. Denn sie sind keine Frisur, sondern ein Bekenntnis. Zum radikalen Bruch mit alten Idealen und gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze, gegen Trampreiserhöhungen und überhaupt: den Muff von tausend Jahren. Das Aussehen hat eine tiefere Bedeutung erlangt. Jeder Mini kann ein Statement sein, jeder in Armeebeständen erworbene Parka eine Protestnote. Ihr Anti-Dasein in Jesuslatschen und selbst gewählter Erwerbslosigkeit ist eine Attacke auf das Arbeitsethos der Leistungsgesellschaft. "Solange ich regiere", verspricht Bundeskanzler Ludwig Erhard, "werde ich alles tun, um dieses Unwesen zu zerstören." Die "Bild"-Zeitung erregt sich an der Zunahme "langhaariger Affen", und vielen Bürgern spricht die NPD aus den braunen Herzen, als sie verlangt, "das ganze Problem … radikal und im Sinne des gesunden Volksempfindens zu lösen". Wer lange Haare trägt und keine Bierdusche erleben will, wechselt angesichts eines Trupps von Bauarbeitern besser die Straßenseite.

Doch die derart Bedrängten waren durchaus stolz auf ihren Look. Von Studentenführer Rudi Dutschke weiß man, wie fesch er sich mit Käppi, Lederjacke und schwarzen Cordhosen fühlte. Der Kommune-Mitstreiter Bommi Baumann stellte fest: "Wenn du lange Haare hattest und bist irgendwo hingekommen, da haben unheimlich viele Bräute auf dir gestanden, gerade die ganzen Fabrikmiezen." So unmodisch, wie sie sich gaben, waren die Aussteiger und Revoluzzer also nicht. Und wer nicht mitzog, den ließen sie leiden. Wolfgang Joop, der 1968 mit seiner späteren Frau an der Braunschweiger Kunsthochschule studierte, erinnert sich: "Wir haben uns nicht konform angezogen, sondern versuchten uns hübsch zu machen und fielen damit auf - und zwar übel." London ist unterdessen der Swing abhanden gekommen. Die Stones rollen zum Shoppen nicht mehr in der Carnaby Street ein - "Keith Richards hatte seine Hose selber geschneidert", vermerkte der Fotograf Cecil Beaton 1967 in seinem Tagebuch, "Lavendel und ein trübes Rosa, die durch ein schlecht vernähtes Lederband voneinander getrennt waren"

Flower-Power-Bewegung als Sargnagel der Swinging Sixties

Mick Jagger tritt bei einem Konzert im Hyde Park im Kleidchen über langen Hosen auf und sieht aus wie seine Oma. Die Gestalten, die sich im Schlabberlook durch den Schlamm einer Weide bei Woodstock wälzen - Frauen in Bauernblusen, flachsbärtige Kerle in bestickten Leinenhemden - lassen Twiggys androgynen, urbanen Mini-Chic oder die Geometrie eines Rabanne-Kleides überholt aussehen. Die Flower-Power-Bewegung ist ein Sargnagel der Swinging Sixties. Ins Grab gelegt haben die sich allerdings selbst: Mütter wollten plötzlich so jung wie ihre Töchter aussehen und stiegen in den Kurzrock; André Courrèges verkaufte sich an den L'Oréal-Konzern, Mary Quant wurde eine Massenmarke in den USA, die Carnaby Street verkam zur touristischen Bummelmeile und stand vor ihrer Verödung zur Fußgängerzone. Doch auch der Hippie-Mode geht nach und nach die subversive Triebkraft verloren. Die Modeindustrie hat gelernt, wie profitabel es ist, sich an die Fersen der Jugendszenen zu heften. Looks, die für einen bestimmten Lebensstil stehen, werden immer schneller kopiert. Der Happy-Hippie- Shake aus Folklore, Filzhut und Flohmarkt wird geschickt von Designerinnen wie Barbara Hulanicki und ihrem Label Biba bedient, von Laura und Bernard Ashley, deren Blümchenschürzen das Hippie-Outfit zu einem vorgefertigten und damit bedeutungsleeren Konsumgut machen.

Im September 1968 werfen die Aktivistinnen der US-amerikanischen Women's Liberation Party ihre Büstenhalter, Stöckelschuhe, falschen Wimpern und Modemagazine in einen bereitgestellten Abfalleimer. Ihr symbolischer Akt erlangt später als "Bra Burning" weltweiten Ruhm, wenn auch zu Unrecht, denn angezündet wurde die Mülltonne nicht. Aber die Botschaft wurde verstanden. 1969 verkündet die amerikanische "Vogue": "In der Mode ist die Revolution vorbei." Im Jahr darauf, an einem warmen Sommertag Ende Juli, legten Hunderte von Demonstrantinnen im Minirock den Verkehr in der Innenstadt Dortmunds lahm. Vordergründig demonstrierten sie gegen das Verschwinden des Minis; ihre Slogans aber, "Modediktatur = Umsatzsteigerung auf unsere Kosten" und "Wer will Maxi? Der Geschäftemacher!", verrieten die Enttäuschung einer Generation von Frauen, die auf Freiheit gehofft hatte, nun aber doch nur wieder altbekannte Rocklängen vorgesetzt bekam. Im Mai 1971 wird eine Bombe in der früheren Biba-Boutique gelegt - das von der "Angry Brigade" dazu verfasste "Communiqué 8" ist eine leidenschaftliche antikapitalistische Konsumkritik.

Sie werden ewig weiterleben

Im selben Jahr öffnet Vivienne Westwood in der Londoner King's Road ihr erstes Geschäft und verkauft dort, was bald zu jeder ordentlichen Punk-Garderobe gehören wird. Auch ein gewisser John Lydon, alias Johnny Rotten, hängt in ihrem Laden herum. Er trägt zerrissene T-Shirts mit selbst gestalteten Parolen ("I hate Pink Floyd"), bevor er Sänger der Sex Pistols wird, die den einstigen Blumenkindern den Slogan entgegenschreien: "Never trust a Hippie!" An ihrem Ende beziehen die Sechziger also Prügel, so wie jede andere Ära vor und nach ihr auch. Doch keiner gelingt es wie ihr, die Nachwelt immer wieder von Neuem zu faszinieren. Die Sixties beliefern uns heute noch mit begeisternden Bildern, vor allem in der Mode sind sie ein Synonym für Utopien, Freiheit und Fortschritt geblieben. In regelmäßigen Abständen feiern sie auf den Laufstegen von Mailand und Paris ihre Auferstehung - für jeweils eine Saison. Und sie werden, wenn auch an fernen Orten, ewig weiterleben: 1965 nämlich wurde der Monokini Rudi Gernreichs, zusammen mit der Antibabypille, in einer Raumkapsel ins All geschossen.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(