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Entnazifizierung: Eine zweite Chance für Hitlers Helfer

Die schwungvoll gestartete Entnazifizierung endet im Westen als Farce und im Osten als Selbstbeweihräucherung. Experten mit brauner Vergangenheit sind auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs bald wieder gefragt.

Am 2. August 1945 einigten sich die Alliierten im Potsdamer Abkommen auf die Prinzipien, nach denen das NS-System zerstört und seine Stützen bestraft werden sollten. "Unser erstes Ziel ist es", versprach US-Militärgouverneur Lucius D. Clay, "die Nazis aus der Macht zu jagen. Kriegsverbrecher werden mit dem Leben bezahlen, mit ihrer Freiheit und mit ihrem Schweiß und Blut." Die politische Säuberung, die "Entnazifizierung", konnte beginnen. In den westlichen Besatzungszonen wurden in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 36 Todesurteile verhängt, davon 22 vollstreckt. In der sowjetischen Zone wurden bis Anfang 1950 756 Todesurteile vollstreckt.

Aber wie war Millionen von Nazis der Nazismus auszutreiben? Wie waren Nazi-Täter von bloßen Mitläufern zu unterscheiden? Bei Kriegsende führte die NSDAP-Kartei 6,5 Millionen Mitglieder. Vor allem die Staatsdiener waren eng mit der Nazi-Herrschaft verbunden. Über 65 Prozent der Beamten, mehr als 80 Prozent aller Richter und Justizbeamten waren Parteigenossen. Der NS-Lehrerbund meldete 491 000, der Ärztebund 72 000 Gefolgsleute. Es war die breite deutsche Mitte, die sich Hitler und seiner Politik verschrieben hatte.

Die mit dem Willen zu hartem Durchgreifen begonnene Entnazifizierung endete im Westen aber schon nach wenigen Jahren mit einer Massenamnestie für ehemaliges NS-Führungspersonal. Es war der bürokratische Aufwand, der den Besatzern schnell über den Kopf wuchs. Die Amerikaner versuchten zunächst, mit einer gigantischen Fragebogenaktion Nazis aufzuspüren. Aber mit den Millionen Fällen waren sie überfordert. Die Kritik in der Bevölkerung wuchs, man empörte sich über "ungerechte Behandlung", "Willkür der Obrigkeit" und "Sippenhaft".

Schon im März 1946

wurde die Verantwortung für die Entnazifizierung weitgehend den Deutschen übertragen. In den Städten und Landkreisen bildeten sich "Spruchkammern", die bei Verdacht auf Nazi-Verbrechen Anklage erhoben. Die Sondergerichte stuften die Betroffenen dann in eine von fünf Gruppen ein: als Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, als Mitläufer oder als entlastet.

Briten und Franzosen übernahmen das Spruchkammerverfahren, betrieben die Verfolgung aber von Anfang an sehr viel lascher als die Amerikaner. Vor allem die Engländer sahen sich angesichts großer Versorgungsschwierigkeiten gezwungen, Nazis sogar in der Verwaltung von Städten, Kreisen und Gemeinden zu beschäftigen. Bereits im Oktober 1945 erlaubte die "Huckepack"-Regelung, dass auf einen "unbelasteten" Juristen ein "belasteter" eingestellt werden durfte. 1946 wurde auch diese Beschränkung gekippt.

Die Sowjets zielten vor allem auf die Entmachtung der politischen Führungsschicht. Bereits Ende 1947 proklamierte die sowjetische Militärregierung das Ende der politischen Säuberung. Nach der gesellschaftlichen Umwälzung, nachdem rund 520 000 Personen von ihrem Posten entfernt worden waren, sah die neue Staatsmacht keinen Grund mehr, auf die Mitarbeit von Nazis zu verzichten. In den 50er Jahren waren von den SED-Parteigenossen über acht Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder - mehr als in jeder westdeutschen Partei.

Am 30. Juni 1949, kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland, präsentierte die amerikanische Militärregierung ihre Entnazifizierungsbilanz, nach der 99,8 Prozent aller Fälle abgeschlossen waren. Die Zahl der nach dem "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" erfassten Personen belief sich auf über 13 Millionen. Gegen rund 3,5 Millionen war Anklage erhoben worden, etwa 2,5 Millionen waren ohne Verfahren amnestiert worden. Die Spruchkammern erledigten 950 126 Fälle. Dabei wurden nur 1654 Altnazis als "Hauptschuldige" eingestuft und verurteilt. Und eines der ersten Gesetze, das der Deutsche Bundestag 1949 erließ, war das einstimmig verabschiedete Amnestiegesetz. Es folgte 1954 die zweite Bundesamnestie, nach der die große Mehrheit der verurteilten NS-Täter begnadigt und die Urteile aus dem Strafregister gelöscht wurden. Je länger sich in den Westzonen die Verfahren hinschleppten, desto mehr mutierten die Spruchkammern zu wahren "Mitläufer"-Fabriken. Wechselseitig stellten sich alte Nazis "Persilscheine" aus und schafften es millionenfach, sich als verführte Unschuldige aus der Affäre zu mogeln. Allein in Bayern wurden mehr als 2,5 Millionen solcher Gefälligkeitsschreiben verfasst. Im Durchschnitt brachte jeder Beschuldigte fünf "Unbedenklichkeitsbescheinigungen" bei.

Die Deutschen versicherten sich gegenseitig, anständig geblieben zu sein. Laut einer Umfrage herrschte bereits 1946 bei über 50 Prozent der Bevölkerung Einigkeit darüber: Der Nationalsozialismus war eine gute Idee, die leider schlecht ausgeführt wurde. Der spätere Bundespräsident und damalige Justizminister in Nordrhein-Westfalen, Gustav Heinemann, beklagte im Dezember 1947: "Anstelle einer Isolierung der wirklichen Verantwortlichen des Dritten Reiches hat sich eine Solidarität ergeben, die man mit Renazifizierung einigermaßen richtig bezeichnen kann."

Der einsetzende Kalte Krieg

schwächte den Willen zur Entnazifizierung endgültig. Die Amerikaner brauchten Deutschland als Bollwerk gegen die kommunistische Gefahr aus dem Osten. Am 31. Januar 1951 amnestierte der amerikanische Hochkommissar alle, die in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen weniger als 15 Jahre Freiheitsstrafe erhalten hatten. So auch Alfried Krupp, der wegen der Versklavung von 5000 KZ-Häftlingen, 18000 Kriegsgefangenen und 55000 Fremdarbeitern zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war. Fritz ter Meer, unmittelbar verantwortlich für das IG-Farben-Werk in Auschwitz, saß ab 1956 gar im Aufsichtsrat des Bayer-Konzerns, eines Nachfolgeunternehmens der IG-Farben.

Als wäre nichts geschehen, kehrten NS-Spitzenleute auf ihre Posten zurück - nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Wissenschaft. Periodisch wiederkehrend wurde die Bundesrepublik von der Vergangenheit eingeholt. Hans Globke, Kurt Georg Kiesinger, Karl Carstens oder Reinhard Gehlen sind nur ein paar Namen auf der langen Liste ganz unterschiedlicher Fälle, die die Öffentlichkeit bewegten. Pensionszahlungen an ehemalige hohe NS-Schergen oder deren Witwen wurden problemlos von Behörden bewilligt. Und nur wenige stolperten, wie der baden-württembergische Ministerpräsident und ehemalige NS-Marinerichter Hans Filbinger, über ihre braune Vergangenheit.

Irmgard Hochreither / Stern Serie
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