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Judenverfolgung: Wie der Fiskus von "Staatsfeinden" profitierte

Von November 1941 an wurde jeder Jude, der die deutsche Grenze überschritt, ob als Emigrant oder Deportierter, enteignet. Am meisten profitierte davon der Fiskus.

Nichts sollte den Juden gelassen werden. Noch bevor sie den gewaltsamen Tod in den Konzentrationslagern starben, wurde ihnen die materielle Existenz geraubt. Die NS-Bürokratie wusste alles Enteignete wieder zu verwenden, vom großen Grundstück bis zum kleinen Besen. Erstmals stellte ein Forschungsprojekt der Universität München eine 900 Seiten starke Untersuchung zu dem deutschlandweit bislang wenig beachteten Thema der fiskalischen Judenverfolgung vor. Vom bayerischen Finanzministerium angestoßen und gefördert, mutet das Ergebnis des Pionierprojekts delikat an: Der Fiskus selbst war offenbar größter Profiteur der Enteignungen.

Tarnbegriff "Aktion 3"

"Ich bitte Sie, mir 150 Handtücher, 150 Bettlaken, 150 Kopfkissenbezüge und 150 Bettbezüge möglichst bald zuzusenden", schreibt ein Mitarbeiter der Reichsfinanzschule im böhmischen Leipa am 15. Januar 1942 an den Oberfinanzpräsidenten in Nürnberg. Die angeforderten Wertgegenstände stammten aus der mit dem Tarnbegriff "Aktion 3" bezeichneten Enteignung der Deportierten. Von November 1941 an galt jeder Jude, der die Staatsgrenze überschritt - ob als Emigrant oder in einem Zug mit dem Endziel KZ - als Staatsfeind und wurde damit automatisch enteignet. "Das war die Schizophrenie an der Sache", erklären die Projektmitarbeiter Axel Drecoll, Christiane Kuller und Tobias Winstel.

Drei Jahre lang werteten das Historiker-Trio mehrere tausend Akten aus, die bis dahin teils Verschlusssache waren, durchforsteten mit Mundschutz ausgerüstet verschimmelte Archiv-Bestände in München oder Nürnberg. Dabei versuchten sie genau die Wege der jüdischen Besitztümer nachzuzeichnen, von der Enteignung und Versteigerung bis hin zu ihrer teilweisen Rückgabe nach Ende des Zweiten Weltkriegs. "Am meisten blieb schon beim Fiskus selber. Der war doch der größte Profiteur und gleichzeitig zentrale Vermittlungsinstanz", stellt der Leiter des Forschungsprojektes, Professor Hans Günter Hockerts, fest. Nur was das Finanzpräsidium oder öffentliche Einrichtungen selbst nicht verwenden konnten, wurde von den Stadtverwaltungen verkauft.

Versteigerungsprotokolle in den Akten geben peinlich genau Auskunft selbst über Kleinstbeträge, die das jüdische Eigentum einbrachte: "1 Kleiderboy: 4 Reichsmark, 1 Werkzeugkasten: 10 Reichsmark", heißt es dort. "Dieses Überwachungsnetz, dass niemand auch nur eine Zahnbürste mitnehmen konnte, konnte nur funktionieren, weil die Finanzverwaltung mitgemacht hat", stellt Hockerts klar. Gerne hätten die Projektmitarbeiter auch von Widerstand in den Ämtern berichtet - wenn es denn welchen gegeben hätte. "Es gab Handlungsspielräume, auch wenn die Struktur eine riesige Rolle spielte. Der Einzelne war nicht nur Rädchen im System", betont Axel Drecoll.

International beachtetes Projekt

Mit rund 375.000 Euro förderte das bayerische Finanzministerium das international beachtete Projekt, das bereits in Israel und den USA vorgestellt wurde. Wie das Ministerium schon zu Beginn des Projektes bekräftigte, ist die Aufarbeitung keinesfalls als "Nestbeschmutzung" zu verstehen. Vielmehr müsse sie als Teil der "Selbstachtung und Wurzel einer wehrhaften Demokratie" bewertet werden. Auch 60 Jahre nach dem Ende des düstersten Kapitels in der deutschen Geschichte ist die finanzielle "Wiedergutmachung" für die Schäden, die die Verfolgten des NS-Regimes an Eigentum und Leben hinnehmen mussten, lange nicht abgeschlossen.

Das bayerische Landesentschädigungsamt, das anders als in den meisten Bundesländern im Finanzministerium angesiedelt ist, zahlt noch heute 14.500 der bundesweit insgesamt 80.000 Renten für Verfolgte. Im Jahr 2004 belief sich der bayerische Etat für die Wiedergutmachung auf rund 100 Millionen Euro, bis einschließlich 2001 hatte der Freistaat im Rahmen des gesetzlichen Entschädigungsprogramms insgesamt rund 5,35 Milliarden Euro aufgebracht. Auf den ersten Blick mag das viel erscheinen. "Schon für die geraubten materiellen Werte der jüdischen Opfer waren die Zahlungen kein wirklicher Ausgleich - geschweige denn für die immateriellen Schädigungen und Verluste", sagt Tobias Winstel. Dennoch war das Geld ein wichtiges Symbol: Die staatliche Anerkennung, dass Unrecht geschehen ist, war für viele Opfer wichtiger als jede Geldsumme.

Julia Lenders/DPA / DPA
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