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Mythos "Stunde Null": Nicht alle fingen mit nichts an

Große Teile der deutschen Industrie sind bei Kriegsende noch intakt. Die Startchancen der Bevölkerung unterscheiden sich jedoch sehr - manche haben alles verloren, andere können aus altem Besitz neuen Wohlstand schaffen.

Die Städte lagen in Trümmern, die Fabriken waren kaputt, in den Läden gab es noch nicht einmal auf Lebensmittelkarten die nötigsten Dinge zu kaufen. Das Ende des Krieges bedeutete auch den wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands, eine Stunde null - so will es der Mythos.

Der Mythos ist falsch. Die eigentlichen Kriegsschäden waren viel geringer, als die Fotos von Ruinenfeldern glauben machen. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vernichtete der Krieg in Westdeutschland 15 Prozent und in der späteren DDR zwölf Prozent des Volksvermögens. Die Schäden im Westen waren dabei durchgängig höher, weil dort die Bombardements der Briten und Amerikaner ein Jahr früher begonnen hatten. In den Betrieben war jede fünfte Produktionsanlage verloren gegangen. Allerdings waren die Kapazitäten damit immer noch höher als 1939, im letzten Friedensjahr.

Eine Stunde null, einen Neuanfang aus dem Nichts, gab es nur für Ausgebombte in den Großstädten, Flüchtlinge aus Ostpreußen oder enteignete Gutsbesitzer aus Mecklenburg. Die meisten anderen Eigentümer von Sachwerten, also von Land, Häusern oder Betrieben, behielten ihren Besitz. Unternehmer-Dynastien wie die Flicks, Quandts oder Krupps, die schon an Hitlers Aufrüstung kräftig verdient hatten, wollten nun vom Wiederaufbau profitieren. Binnen weniger Wochen waren die meisten Großbetriebe wieder startklar. Dass die Produktion erst viele Jahre später auf Hochtouren lief, hatte andere Ursachen als die direkten Kriegsschäden.

Zuvorderst fehlte

es am wichtigsten Schmiermittel jeglichen Wirtschaftens: stabilem Geld. Die Reichsmark hatte fast jede reale Funktion verloren. Ob Wohnraum, Kohlen, Lebensmittel, Schuhe oder Kleidung - das meiste gab es nur auf Bezugsschein, den Rest nur im Tauschhandel mit Zigaretten. Die Währung war entwertet, da der Krieg auf Pump finanziert worden war und nun viel zu viel Geld im Umlauf war. Ein offener Ausbruch der Inflation wurde nur durch einen Preisstopp verhindert, der auch nach dem Kriegsende in Kraft blieb. Die Unternehmer aber scheuten sich, ihre durchaus noch vorhandenen Vorräte für die Produktion einzusetzen, weil sie fürchteten, keine neuen Rohstoffe zu bekommen und auf dem wertlosen Geld sitzen zu bleiben.

Deswegen kam es zwischen den Firmen zu komplizierten Tauschgeschäften - Ware gegen Ware. Dieses Dilemma wurde erst mit der Währungsreform aufgelöst - aber bis dahin vergingen noch drei lange Jahre.

Die Siegermächte wollten Deutschland zunächst als wirtschaftliche Einheit behandeln, doch faktisch wurden erst die Zonengrenzen, später die Grenze zwischen West- und Ostdeutschland zur ökonomischen Trennlinie. Damit ging die gewachsene Arbeitsteilung kaputt. Ende der 30er Jahre war Mitteldeutschland das am stärksten industrialisierte Gebiet des Deutschen Reiches gewesen und dementsprechend stark auf den Austausch mit den anderen Regionen angewiesen.

Nach dem Krieg

aber wurde die sowjetische Besatzungszone (SBZ) von ihren traditionellen Lieferbeziehungen im Westen abgeschnürt. Umgekehrt bekam Westdeutschland keine Nahrungsmittellieferungen aus den Ostgebieten. Die unzureichende Selbstversorgung war neben dem Mangel an Düngemitteln eine der Ursachen für den Hungerwinter 1946/47.

Die wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Teilung Deutschlands waren ungeplant, eine Verringerung der Industriekapazität aber gewollt. Im Sommer 1945 hatten die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz beschlossen, Deutschland ökonomisch abzurüsten. Einer möglichen militärischen Wiederaufrüstung sollte die Grundlage entzogen werden. Im März 1946 verkündeten die Siegermächte dann einen "Industrieplan". Danach sollte die Produktion auf 50 bis 55 Prozent der Höhe von 1938 begrenzt werden. In einer Liste wurden 1800 Betriebe genannt, die demontiert werden sollten. Zu diesem Zeitpunkt lief der Abbau von Fabriken und Bahnanlagen in der sowjetischen und französischen Zone bereits auf Hochtouren. Da es über die Reparationsfrage keine Einigung gegeben hatte, bediente sich jede Siegermacht in ihrem Besatzungsgebiet.

War der Osten Deutschlands bei den Kriegsschäden besser als der Westen davongekommen, musste er nun die Hauptlast tragen. Nach Expertenschätzungen erbrachte die sowjetische Besatzungszone die höchsten Reparationsleistungen des 20. Jahrhunderts - 14 Milliarden Dollar in Preisen von 1938. Nach heutiger Kaufkraft entspricht das einem hohen zweistelligen Euro-Milliardenbetrag. Allein im ersten Jahr nach Kriegsende wurden mehr als 2000 Betriebe demontiert. Ob Chemie, Energie, Maschinenbau oder Optik - in der Regel bauten die Russen die modernsten Anlagen ab. Allein 11 800 Kilometer Eisenbahnschienen wurden abtransportiert. Dazu kamen der Abbau von Oberleitungen und der Abtransport von Lokomotiven. Folge: 1946 war die Transportleistung in der SBZ auf ein Viertel des Wertes von 1936 gesunken.

Die direkten Folgen der Demontagen waren zunächst gering, da die im Krieg hochgefahrenen Kapazitäten sowieso nicht voll genutzt werden konnten. Aber sie drückten auf die Stimmung der Deutschen, die zum Teil auch heftig protestierten. Die West-Alliierten machten bald Abstriche an den Abbauplänen. Vor allem US-Parlamentarier befürchteten, dass ein ökonomisch schwaches Deutschland dauerhaft auf Subventionen angewiesen sein könnte. Ab 1949 wurden die entfernten Anlagen durch moderne Fabriken ersetzt - auch mit Hilfe der USA, die 1948 ein umfassenden Wiederaufbauprogramm für Europa gestartet hatten. Kurioserweise liefen einige Demontagen noch bis 1951 weiter - etwa in den ehemaligen Hermann-Göring-Stahlwerken in Salzgitter.

Die langfristigen Folgen

der Demontagen für Ostdeutschland waren weitaus schlimmer. Das industrielle Anlagevermögen von 1944 wurde um fast ein Drittel reduziert. Nach Abschluss der Demontagen gab es praktisch keine Eisen- und Stahlindustrie mehr. Durch hohe Reparationslieferungen entzog die Sowjetunion ihrer Besatzungszone zusätzlich die Mittel für den Wiederaufbau. Zudem wanderten Unternehmer und Manager in den Westen ab. Mit den Währungsreformen im Juni 1948 wurde dann die wirtschaftliche Teilung Deutschlands besiegelt. Aber auch im Westen setzte nicht gleich das Wirtschaftswunder ein - auch das ist ein falscher Mythos. Gegen die Freigabe der Preise, die nun kräftig stiegen, gab es sogar einen Generalstreik. Ein breiter Aufschwung erfasste Westdeutschland erst 1952.