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Philipp von Boeselager: "Sie können ja sagen, dass wir naiv waren"

Philipp von Boeselager beschaffte die Bombe, die Hitler töten sollte. Der letzte Überlebende der Männer des 20. Juli 1944 starb am 1. Mai. Kurz zuvor empfing er den stern zu einem Gespräch in seinem Wohnzimmer.

Abends, wenn alle anderen schliefen, saß Philipp von Boeselager oft mit den maßgeblichen Männern des Widerstandes zusammen. Sie arbeiteten im Stab der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. Henning von Tresckow - der Chef der Gruppe - nahm gern noch einen Whisky, spielte Schach, und sie redeten darüber, wie man Hitler töten könne. Um sie herum starben Hunderttausende; Tresckow nannte die unglaubliche Zahl von 16.000 Menschen, die jeden Tag in den Konzentrationslagern verreckten.

Schon 1943 hatte Boeselager sich gemeldet, um Hitler zu erschießen. Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge, dessen Ordonnanzoffizier er war, verbot es ihm. Denn nur gemeinsam sollten Hitler und SS-Chef Heinrich Himmler getötet werden. Sonst drohe Krieg zwischen Wehrmacht und Waffen-SS. Im Sommer 1944 wollten die Verschwörer nicht länger warten. Zu viele Versuche waren gescheitert. Zu verzweifelt war die Lage an allen Fronten. Und sie hatten im Ohr, was Tresckow sagte: "16.000 sterben jeden Tag."

Der hochdekorierte Major Boeselager besorgte Sprengstoff für den Attentäter Stauffenberg. Im Juli 1944 ritt er dann mit 1200 Mann nach Westen, um wichtige Plätze in Berlin zu sichern - und kehrte klammheimlich um, als das Attentat gescheitert war. Er überlebte, weil keiner seiner Mitstreiter ihn verriet. Bald 64 Jahre ist das her. Boeselager, der letzte Überlebende des 20. Juli 1944, starb Anfang Mai Woche. Ende des Monats werden seine Erinnerungen erscheinen, an denen er bis zuletzt mitgearbeitet hat.

Drei Wochen vor seinem Tod traf der stern Boeselager zum Interview. Der 90-Jährige war hellwach, herzlich und zuvorkommend - und was er sagte, klang zeitweise wie das Echo aus einem Offizierskasino der 30er Jahre. Er ist ein mutiger Mann, der sein Leben riskiert hat, um die Nazis zu stürzen. Aber eines wird bei Tee und Wein in Boeselagers charmantem Fachwerkhaus unterhalb der uralten Familienburg an der Ahr deutlich: Als Urväter der Bundesrepublik taugen die Herren des Widerstandes um Tresckow und Stauffenberg nicht - sie lebten in einer Gedankenwelt, die anachronistisch war, lange bevor das Grundgesetz geschrieben wurde.

Herr von Boeselager, Sie sind Mitte der 30er Jahre Berufssoldat geworden, weil Ihr Großvater gesagt hat, es komme Krieg. Musste Ihnen da nicht klar sein, welche Art von Krieg Hitler anzetteln würde?

Wir haben uns entschieden, Deutschland zu dienen. Nicht Hitler. Unserem Vaterland. Darum ging es. Und dann wollten wir als Kavalleristen natürlich im Wettbewerb mit den anderen Schwadronen vorn sein. Ein halber Sport war das. Wir sind geritten, haben Turniere gemacht. Für Politik blieb da gar keine Zeit.

Gleichzeitig begann die Hatz auf die Kommunisten, auf die Juden. Das Regime machte schnell klar, wie es mit seinen Feinden umgeht. Haben Sie davon nichts gemerkt?

Bei uns in Heimerzheim wohnten drei Juden. Mein Vater hat denen 1934 geraten, sie sollten abhauen. Zwei sind gegangen. Einer ist geblieben, der Moses. Als der dann abgeholt wurde, hieß es: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und: Da ist der Ortsgruppenleiter schuld, der ihn hasste. Wenn das der Führer wüsste, sagte man damals.

Sind das nicht nur Schutzbehauptungen, weil alle weggesehen haben? Weil es vielleicht den Nachbarn traf, man selbst aber profitierte? Spätestens, als im November 1938 die Synagogen brannten, war doch klar, dass das nicht hinter dem Rücken des Führers geschieht, sondern vom Regime gesteuert und betrieben wird.

Nein, nein. Ich war damals in Paderborn, und in der Zeitung stand nur, dass drei Geschäfte im Ort kaputtgeschlagen worden waren. Als wir an dem Morgen ausritten - nur die Offiziere - da sagten alle: Das ist eine Schweinerei. Die Staatsanwaltschaft wird schon eingreifen.

Das ist doch absurd. Der Terror war offenkundig Teil der Politik des Regimes. Und Sie vertrauten auf die Justiz, die doch seit Jahren gleichgeschaltet war?

Sie können ja sagen, dass wir naiv waren. Aber man konnte sich lange nicht vorstellen, dass der Staat verbrecherisch war, dass solche Dinge von Hitler angeordnet wurden. Wir dachten, das seien die Leute vor Ort, und die Auswüchse müssten bestraft werden.

Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, stellten die Nazis das so dar, als sei Deutschland angegriffen worden. Im Radio kam, es werde nun an der polnischen Grenze zurückgeschossen. Haben Sie das tatsächlich geglaubt?

Ja. Es war ja beinahe Bürgerkrieg in Polen. Da gab es an einem Tag einen toten Deutschen, am nächsten zwei tote Polen. Es war ganz wahrscheinlich, dass die Polen geschossen haben. Man konnte sich nicht vorstellen, dass die SS KZ-Leute in polnische Uniformen gesteckt und das inszeniert hat. Wirklich nicht.

Ein Angriff der Polen auf Deutschland wäre doch völlig unsinnig gewesen.

Aber dass sie den Sender Gleiwitz angegriffen haben, war ganz plausibel. Und dass dann zurückgeschlagen wurde, war klar. Von den Schweinereien in Polen haben wir erst so zu Weihnachten 39 gehört. Da war ich im Westen, und es kamen Soldaten zu uns, die vorher im Osten eingesetzt waren. Die Reiter Müller und Meier erzählten nun ihren Kameraden, was da los war: dass die SS Frauen vergewaltigt und Leute erschossen hatte; lauter scheußliche Sachen. Das sagte mir mein Bursche, der es von einem anderen gehört hatte. Das war einem unangenehm. Man konnte es nicht verifizieren, und wir haben uns gefragt: Stimmt das?

Vor dem Überfall auf die Sowjetunion hat Hitler den Generälen klar gesagt, dass dies ein anderer Krieg werden würde als im Westen. Er sagte, der Kommunist sei vor der Schlacht kein Kamerad und nach der Schlacht kein Kamerad. Die militärischen Führer wussten, dass es um Vernichtung ging.

Das war uns nicht klar. Wir haben am Anfang im Osten auch keinen anderen Krieg geführt als im Westen. Ich bin 1941 in die Nähe von Wilna gekommen. Das war genauso ein Krieg wie im Frankreichfeldzug. Wir haben unglaublich viele Gefangene gemacht. Ein Spähtrupp mit 16 Mann kam mit 2000 Gefangenen zurück. Da sehen Sie: Anfangs wollten die Russen nicht kämpfen. Die haben Stalin gehasst und haben gedacht, die Preußen sind anständige Leute. Erst als sie gemerkt haben, dass sie nicht anständig waren, haben sie angefangen zu kämpfen, aber richtig.

Später haben Sie sehr eng mit Henning von Tresckow zusammengearbeitet, der einer der führenden Männer des Widerstandes war. Tresckow selbst hatte bei der Heeresgruppe Mitte mit der Partisanenbekämpfung zu tun, die ja Teil und Vorwand des Terrors gegen die Zivilbevölkerung war.

Der Tresckow hat solche Sachen natürlich abgezeichnet, aber die Heeresgruppe hatte bis Sommer 1942 keine Befehlsgewalt über das rückwärtige Gebiet. Er hat erfahren, wenn so und so viele Partisanen umgebracht worden sind - aber er hatte nichts damit zu tun. Das wird immer unterschlagen. Genauso gut hätte da stehen können, Rommel hat 1000 Mann gefangen. Da hatte er auch nichts mit zu tun. Er hat einfach jedes Schriftstück abgezeichnet, das über seinen Schreibtisch ging.

Dennoch muss doch einem Mann wie Tresckow früh klar gewesen sein, was geschieht. Als engster Mitarbeiter von Feldmarschall von Kluge bekam er doch alles mit. Trotzdem hat er über Jahre mitgemacht. Wie viele andere aus dem Widerstand. Wie war das bei Ihnen? Wann wuchsen Ihre Zweifel?

Zweifel gab es schon sehr früh. 1938 wurde einer meiner Vettern, der als Diplomat in Wien war, umgebracht. Den haben SS-Leute in der Badewanne ersäuft. Das war einer der Stolpersteine. Dann kamen die Geschichten aus Polen, die hatten einen Hautgout. Dann kam heraus, dass die SS Zigeuner und Juden erschoss. Da kam eines zum anderen.

Ihre Kritik richtete sich aber immer nur gegen einzelne Vorfälle oder Nazi-Gruppen, nie gegen das Regime selbst. Das Regime - der Staat - schien Ihnen heilig und über jeden Zweifel erhaben zu sein.

Ich gebe gerne noch einmal zu, sehr naiv gewesen zu sein. Aber wir glaubten einfach nicht, dass der Staat selbst verbrecherisch gehandelt hat. Das war lange unvorstellbar. Geändert hat sich das bei mir ab 1942.

Im Jahr darauf waren Sie an einem ersten Plan für ein Attentat auf Hitler beteiligt. Im Juli 1944 gehörten Sie dann erneut zu denen, die Hitler töten wollten. Das war mehr eine Verzweiflungstat als ein Staatsstreich. Haben Sie damit gerechnet, hingerichtet zu werden?

Ich habe gedacht, wenn das Attentat scheitert, bringen einen die Nazis um. Und wenn es nicht scheitert, bringen einen die Ostpreußen, Schlesier und Pommern um. Denn die glaubten bis zum Schluss an Hitler. Die hätten eine Kapitulation nach dem Tod Hitlers nicht akzeptiert und gesagt, der hätte mit seinen Wunderwaffen das Blatt noch gewendet.

Stauffenberg hatte lange die Vorstellung, Deutschland etwa in den Grenzen von 1938 zu erhalten. Die Wehrmacht sollte intakt bleiben. Das war doch völlig weltfremd.

Das war die Vorstellung bis 1942. Danach war klar, dass das nicht geht und dass die Ostgebiete verloren waren und Deutschland besetzt werden würde. Es ging nicht darum, den Krieg zu gewinnen, sondern nur noch darum, die Verbrechen zu stoppen. Tresckow hatte mir gesagt, jeden Tag werden 16 000 Menschen umgebracht. Da konnten Sie sich nicht ins Bett legen und nichts machen.

Die Haltung der Alliierten war eindeutig: Die wollten nicht, dass Hitler durch die Deutschen beseitigt wird, sondern sie wollten ihn militärisch besiegen.

Die wollten Deutschland vernichten. Und dann Deutschland möglichst in vier Teile aufteilen. Keine Konkurrenz mehr. Die dachten: Jetzt ist Schluss.

Ist es nicht verständlich, dass sie keine neue Dolchstoßlegende wollten, sondern einen klaren Sieg?

Nur sind täglich viele Tausend Menschen gestorben. In den Konzentrationslagern, an der Front, in den bombardierten Städten. Darum ging es uns. Das wollten wir stoppen.

Hatten Sie eine Vorstellung, wie es nach einem erfolgreichen Attentat politisch weitergehen sollte?

Nein. Wir wollten das auch nicht wissen. Ich wusste bloß, es gibt einen Kreisauer Kreis, da sitzen Juristen drin, die machen eine Verfassung, die besser sein soll als die alte, republikanische.

Aber Sie waren sich einig in der Ablehnung der Weimarer Republik?

Ja.

Sind Sie davon ausgegangen, dass das Militär die führende Rolle im Staat einnimmt?

Nur ganz am Anfang. Dann sollte der Krieg beendet werden und freie Wahlen kommen.

Stauffenberg hat das anders gesehen. Noch wenige Wochen vor dem Attentat hat er einen Schwur niedergeschrieben, in dem es ausdrücklich heißt, er glaube nicht an die Gleichheitslüge - also nicht an die parlamentarische Demokratie. Jeder gehöre an seinen naturgegebenen Platz.

Das war Stauffenberg, der ja aus dem Kreis um den Dichter Stefan George kam. Aber für Tresckow, Schlabrendorff und die Gruppe um sie, zu der ich gehörte, war klar, dass es eine Demokratie und freie Wahlen geben solle.

In dem Hollywoodfilm mit Tom Cruise über das Attentat wird Stauffenberg der strahlende Held und die Identifikationsfigur sein. Ist das angemessen?

Zu dem, was Stauffenberg gemacht hat, gehört unglaublich viel Mut. Er ist die Galionsfigur. Ich habe diese Bomben ja zum Teil geliefert. Das war eine komplizierte Sache, diese Zünder mit den Glasröhrchen in Gang zu setzen. Da gehört schon was dazu. Gerade mit seiner Behinderung.

Ist der Scientologe Tom Cruise der Richtige für die Rolle?

Wenn er ein guter Schauspieler ist, spielt er Stauffenberg und will uns nicht missionieren. Dann sehe ich das Problem nicht.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg ist der militärische Widerstand für so ziemlich alles in Anspruch genommen worden. Die Attentäter wurden ab den späten 50er Jahren als eine Art Urväter des Grundgesetzes dargestellt, die für die Werte der Bundesrepublik - Freiheit, Frieden und Menschenrechte vor allem - eingetreten sind. Finden Sie das gerechtfertigt?

Finde ich nicht. Ich mache der Bundesrepublik keine Vorwürfe, aber ich bin sehr skeptisch. Der Nationalsozialismus hat alle Werte zerstört. Wenn Sie heute eine Zeitung aufschlagen, wimmelt es von Korruptionsfällen. Korruption hat es früher auch gegeben - aber wenn es herauskam, war der Mann erledigt. Heute sagt man, er hat sich nicht geschickt genug angestellt. Das ist der Unterschied: Es geht nur noch ums Verdienen, nicht mehr ums Dienen. Das war früher anders.

Interview: Stefan Schmitz / print