Serie Teil 3 Die Befreiung


Hitler und seine Generäle glauben noch an eine Landung bei Calais, als die Invasion in der Normandie in vollem Gange ist. Ihr Zögern nimmt den Deutschen die letzte Chance, den Vormarsch zu stoppen - der Anfang vom Ende des Dritten Reichs.

Am Morgen danach war der deutsche Widerstand nur noch gering an den Stränden der Normandie. Heroische Fußnote zu einem Kapitel Weltgeschichte, mehr nicht. Da hielt sich eine Funkeinheit der Luftwaffe mit ein paar Panzerabwehrkanonen und Maschinengewehren in ihrer unterirdischen Stellung "Distelfink" gegen die kanadische Übermacht und kapitulierte erst zehn Tage später. Da verteidigten die Soldaten des Artillerieregiments 736 in Merville ihren Bunker und ihre Kanonen bis zum letzten Mann - und der schoss sterbend noch den Kommandeur der Angreifer nieder. Stunden später war die Batterie von Merville wieder in deutscher Hand. Eine Gegenattacke hatte die Alliierten erneut vertrieben, und die Deutschen verschanzten sich noch auf Wochen in dem mächtigen Betonklotz.

Doch von historischer Bedeutung war solcher Widerstand nicht. Vom 7. Juni 1944 an zählte nur eins: Unternehmen "Overlord" hatte Fuß gefasst. Der Wehrmacht war es nicht gelungen, die gelandete Armee ins Meer zurückzuwerfen, obwohl Hitler das am 6. Juni gegen 17 Uhr Generalfeldmarschall Rundstedt ultimativ befohlen hatte: "Der feindliche Strandkopf muss bis zum Abend beseitigt sein." Doch die Invasionstruppen hatten sich an der Küste in mehreren Abschnitten festgekrallt, und mit jeder Stunde wurden sie stärker. Die deutschen Soldaten sahen entsetzt, wie aus den Landefahrzeugen Menschen und Material in einem scheinbar nicht endenden Strom ans Ufer kamen.

"Der Feind ist zu seiner eigenen Beerdigung gekommen"

In der hermetischen Welt des Obersalzbergs bei Berchtesgaden redete Hitler weiter sich und seinen Getreuen die bedrohliche Lage schön: "Solange sie (die Alliierten) in England waren, kamen wir nicht an sie ran. Jetzt sind sie da, wo wir sie vernichten können." Das deutsche Volk nahm seinem Führer das Prahlen mit dem unbezwinglichen Atlantikwall und den in Kürze einsatzfähigen Wunderwaffen immer noch ab. Nicht nur das: Es teilte auch seine Meinung über das Schicksal der Invasionstruppen. Wie ein "reinigender Gewitterschlag", so ein vertraulicher Stimmungsbericht des Reichssicherheitsdienstes, werde die Invasion von den meisten empfunden. "Der Feind ist zu seiner eigenen Beerdigung gekommen", so Volkes Stimme. In die Weitsicht des Führers setzten die Deutschen ebenso viel Vertrauen wie in die strategischen Qualitäten Erwin Rommels.

Generalfeldmarschall Rommel war erst am Abend des 6. Juni nach einem Heimaturlaub wieder in Frankreich eingetroffen. Er wusste so gut wie sein Feldherrn-Kollege Gerd von Rundstedt: Die letzte und mit jedem Tag geringere Chance, die Invasion noch zum Scheitern zu bringen, ist eine massive deutsche Panzerattacke auf die weiter unorganisierten alliierten Brückenköpfe. Am ersten Invasionstag hatte es diesen Großangriff nicht gegeben - in den Tagen darauf sollte er auch nicht stattfinden.

Denn wie schon vor der alliierten Landung war die deutsche Führung auch nach dem 6. Juni hartnäckig der Meinung, Unternehmen "Overlord" sei trotz seiner Dimension nur ein Ablenkungsmanöver oder höchstens ein Nebenkriegsschauplatz. Doppelagent Brutus in London, der für die Briten arbeitete, den Hitler aber unerschütterlich für seinen Mann hielt, hatte nach Beginn der Invasion riesige Truppenbewegungen an der englischen Küste gegenüber von Calais gemeldet. Bei diesen Divisionen unter Befehl des US-Generals George Patton handelte es sich um eine Geisterarmee, die nur aus Attrappen und regem Funkverkehr bestand.

Hitlers Fehleinschätzung

Aus den "Informationen" von Brutus und abgehörten falschen Funksprüchen schloss die deutsche Führung, die eigentliche Landung der Alliierten werde in Kürze bei Calais oder weiter nördlich in Belgien beginnen. Abwehroffizier Oberst von Roenne meldete drei Tage nach dem D-Day aus Paris: "Deshalb wäre es selbstmörderischer Wahnsinn, ausgerechnet in diesem Augenblick unsere Infanterie und die Panzer aus dem Raum Pas de Calais und Belgien in Marsch zu setzen, um die Front in der Normandie zu stärken." Hitler teilte diese Einschätzung und untersagte kategorisch, Verstärkungen von der Kanalküste loszuschicken.

Am 10. Juni war aus den fünf Landeabschnitten ein einziger zusammenhängender Brückenkopf geworden. Briten und Amerikaner konnten jetzt fast ungestört anlanden und ausladen. Ihre Überlegenheit wurde immer erdrückender. Die wenigen deutschen Panzerdivisionen, denen Hitler den Gegenangriff erlaubte, standen trotz höherer Feuerkraft auf verlorenem Posten. Sie konnten immer wieder einmal Einzelerfolge erzielen. Doch für jeden feindlichen Tank, den die Deutschen abschossen, rollten zwei neue an.

Vor allem aber war es die absolute Luftüberlegenheit der Alliierten, die jeden deutschen Gegenschlag im Keim erstickte. Ritterkreuzträger Volkhard Eitner schrieb nach Hause: "In der Luft gibt es mehr amerikanische Jagdbomber als Vögel. Schade, dass man nie deutsche Flugzeuge sieht. Dadurch ist natürlich auch der Nachschub fast ganz unterbrochen." Panzergrenadier Josef Primus erinnerte sich Jahre später: "Bei schönem Wetter wurden wir von den Ami-Tommy-Jagdfliegern wie die Hasen im Herbst gejagt, und sie haben Freude gehabt, uns wie auf der Schießstätte einen nach dem anderen abzuknallen."

Weder Sprit noch Munition

Allein in der ersten Invasionswoche, so der polnische Historiker Janusz Piekalkiewicz, flogen die Alliierten rund 35000 Einsätze. Die Luftwaffe brachte es auf nicht einmal 2000. Den deutschen Bodentruppen, auch an Zahl inzwischen weit unterlegen, gingen Sprit und Munition aus. Ike Eisenhower, der Oberkommandierende von "Overlord", stellte lapidar fest: "Der Feind versuchte, zäh kämpfend, uns auf unseren Landekopf zu beschränken, war aber niemals imstande, genügend Streitkräfte zusammenzubringen, um uns ernsthaft zu bedrohen."

Die amerikanischen und britischen Flugzeuge hingegen waren in der Lage, sogar die Kommandostellen der Wehrmacht auszuschalten. Am 10. Juni, dem Vorabend eines geplanten Gegenangriffs aller deutschen Panzertruppen in der Normandie, bombardierten Jagdbomber den Gefechtsstand von General Geyr von Schweppenburg, dem Oberbefehlshaber der Panzerdivisionen im besetzten Frankreich. Die Alliierten hatten den deutschen Funkverkehr mitgehört und so den Standort lokalisiert. 13 Stabsoffiziere starben, von Schweppenburg wurde schwer verletzt. Der Angriff - möglicherweise die letzte noch halbwegs realistische Chance, "Overlord" zu stoppen - musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Als am 14. Juni General Charles de Gaulle, Chef der französischen Exilregierung, an Bord eines Zerstörers in Frankreich eintraf und im bereits befreiten Bayeux von der Bevölkerung jubelnd empfangen wurde, war jedem nüchternen Beobachter klar: Die Invasion ist nicht mehr rückgängig zu machen. Da zog Hitler seinen vermeintlich letzten Trumpf aus dem Ärmel: die V1. Triumphierend erklärte der stellvertretende Reichspressechef Sündermann am 16. Juni, London wäre in der Nacht zuvor mit einer Geheimwaffe angegriffen worden von "der operativen Bedeutung einer starken Luftflotte". Das Superding war aber nichts weiter als ein ferngesteuertes, unbemanntes Flugzeug mit einem Sprengkopf und sehr mäßiger Zielgenauigkeit. V-Einschläge richteten in London nur wenig Schaden an.

Hitler erlebte die Unzuverlässigkeit seiner Wunderwaffe fast am eigenen Leibe. Er besuchte am 17. Juni das erste und einzige Mal nach Beginn der Invasion die Generäle Rundstedt und Rommel in Soissons bei Paris, immerhin 300 Kilometer von der Front entfernt. Schroff lehnte er erneut ab, Divisionen aus dem Raum Calais in die Normandie zu verlegen, ließ sich aber überreden, am nächsten Tag die Front zu besuchen. Doch am Nachmittag schlug nur ein paar Kilometer von Soissons entfernt eine verirrte V1-Rakete ein, die eigentlich für London bestimmt war. Hitler reiste hastig ab und nahm noch die schlechte Nachricht mit auf den Weg, dass der Feind Cherbourg, den wichtigsten Hafen der Normandie, eingeschlossen hatte. Von nun an zog es der größte Feldherr aller Zeiten vor, die Schlacht in Frankreich aus dem fernen Berchtesgaden zu dirigieren.

"Letzter Kampf entbrannt. General kämpft bei der Truppe"

Wie eineinhalb Jahre zuvor in Stalingrad, befahl er auch den Verteidigern von Cherbourg, "den Kampf bis zur letzten Patrone zu führen". Im unterirdischen Gefechtsbunker von General Karl-Wilhelm von Schlieben, dem Kommandeur Cherbourgs, drängten sich fast tausend Soldaten. Die Hälfte davon war verwundet. Das Lüftungssystem war durch den unaufhörlichen Artilleriebeschuss ausgefallen. Viele der Eingeschlossenen erstickten an dem Gemisch aus Stickstoff und Pulverdampf, das durch die berstenden Entlüftungsschächte eindrang. Amerikanische Pioniere kämpften sich mit Flammenwerfern bis auf 100 Meter an den Stolleneingang heran. Schlieben setzte am 26. Juni einen Funkspruch ab: "Letzter Kampf entbrannt. General kämpft bei der Truppe." Vom Oberkommando kam die Antwort: "Wir sind bei Ihnen." Da beschloss Schlieben zu kapitulieren, bevor er die letzte Patrone verschossen hatte. Er rettete so ein paar hundert Soldaten das Leben.

Einige Tage später telefonierte General Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, mit General Rundstedt in Frankreich. Auf Keitels Frage, welche Konsequenzen aus der Lage in der Normandie zu ziehen seien, blaffte Rundstedt ins Telefon: "Frieden schließen, ihr Narren, was denn sonst!" Hitler löste Rundstedt sofort ab und ernannte Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge zum neuen Oberkommandierenden an der Westfront. Kluge führte sich gleich nach Ankunft als Hitlers Paladin ein. Laut Piekalkiewicz beschimpfte er die Stabsoffiziere, weil sie einen ungeschminkten Lagebericht weitergereicht hätten. "Er sagte, so ein pessimistischer Bericht dürfe nicht an den Führer weitergeleitet werden, ohne vor der Absendung gemildert zu werden", erinnerte sich General Blumentritt. Am Tag darauf landet der millionste alliierte Soldat in Frankreich.

Am 10. Juli fiel nach erbittertem Häuserkampf die Stadt Caen. Laut Plan hätten die Briten sie schon am ersten Invasionstag erobern sollen. Doch die blutjungen Soldaten der SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" - ihre Gegner nannten sie "Baby-Division" - verteidigten die Ruinenstadt gläubig und sinnlos über einen Monat.

Verzweifelte Fernschreiben von der Front

Dann verlor auch Erwin Rommel die Wertschätzung Hitlers. Der Volksheld aus dem Afrikafeldzug schickte seinem Führer ein Fernschreiben von der Front: "Wie die Kämpfe gezeigt haben, wird bei dem feindlichen Materialeinsatz auch die tapferste Truppe Stück für Stück zerschlagen. Die Truppe kämpft allerorts heldenmütig, jedoch der ungleiche Kampf neigt sich dem Ende entgegen. Ich muss Sie bitten, die Folgerungen aus dieser Lage unverzüglich zu ziehen."

Noch bevor ihn Hitlers Zorn voll treffen konnte, wurde Rommel am 17. Juli, zwei Tage später, auf der Rückfahrt von der Front bei einem Tieffliegerangriff aus seiner Limousine geschleudert. Mit einem Schädelbruch blieb er bewusstlos auf der Straße liegen. Sein Posten als Chef der deutschen Einheiten an der Küste wurde nicht neu besetzt. General von Kluge, der Rommels Funktion mit übernahm, gab sich optimistisch: "Wir erwarten in den nächsten Tagen schwere Angriffe des Feindes, aber wir werden ihn entsprechend empfangen. Wir werden ihm Schläge versetzen, an die er zeit seines Lebens denken wird."

Doch in der Heimat hatte sich die Euphorie, die bei Beginn der Invasion zu spüren war, verflüchtigt. Die Wunderwaffe hatte keine Wunder vollbracht. "V1 wurde jetzt vielfach gleichgestellt mit Versager 1", so die österreichischen Historiker Günter Bischof und Rolf Steininger. Hitlers Erklärungen über den unbezwingbaren Festungsgürtel am Meer wurde laut vertraulicher Berichte des Reichssicherheitsdienstes kaum mehr Glauben geschenkt. Ein Arbeiter in der Rüstungsindustrie: "Der Atlantikwall ist zum größten Teil Bluff."

Ausgeblutete Armee

Die ausgeblutete Armee der Deutschen wurde Tag für Tag weiter zurückgedrängt. Die Landser mussten lernen, dass die "Amis" und "Tommies" entgegen ihrer ursprünglichen Meinung auch im Nahkampf gefährliche Gegner waren. Im Zweifel aber konnten sich die Alliierten stets auf ihre Materialüberlegenheit verlassen. Ein deutscher Fallschirmjäger: "Zuerst hat es immer stundenlang Trommelfeuer gegeben, und dann kamen sie an mit unheimlichen Mengen von Panzern und Jagdbombern."

Am 17. Juli setzten die Amerikaner erstmals in Europa Napalmbomben ein. Dieses gallertige, lodernd brennende Gemisch aus Naphta und Palmöl sollte in zukünftigen amerikanischen Kriegen noch eine berüchtigte Rolle spielen. Bei ihren Bombardements deutscher Stellungen und Nachschubwege kalkulierten die Alliierten vom ersten Tag an den Tod französischer Zivilisten ein. Nach der Eroberung von Caen meldete die Presseagentur der Nazis: "Die Zahl der unter den Trümmern von Caen begrabenen Franzosen wird auf 40000 geschätzt." Das war sicher eine Übertreibung. Doch auch die britische Agentur Reuters berichtete aus der befreiten Stadt: "Es scheint, dass fast allen englischen Presseleuten von abgehärmten Männern und Frauen die Frage gestellt wurde: ,War das notwendig?" - nämlich das schwere Bombardement der Stadt." Im Verlauf des Unternehmens "Overlord" kamen mit Sicherheit mehrere tausend Franzosen um. Ein bedauerliches, aber notwendiges Opfer, wie ein Mitglied der französischen Exilregierung vor der Invasion erklärt hatte: "Das ist ein Krieg, und in einem Krieg werden nun mal Menschen getötet. Wir nehmen diese voraussichtlichen Verluste in Kauf, um die Deutschen loszuwerden."

Hinter der Front spukte noch immer Brutus herum. Mitte Juli berichtete der Agent seinen deutschen Führungsoffizieren, die Divisionen General Pattons würden in Kürze von der südenglischen Küste bei Dover in die Normandie verlegt. Ausnahmsweise berichtete er die Wahrheit, denn dieses Mal sollte Patton, den die Deutschen zu Recht als den verwegensten US-Panzergeneral fürchteten, nicht mit einer Geisterarmee operieren. Dieses Mal kam er mit Panzern aus Stahl statt aus Gummi.

Hitler wurde langsam klar, dass sein Glaube an die "wirkliche" Invasion nahe Calais eine fixe Idee gewesen war. Doch nun war es zu spät. Bei Saint Lo hielt die deutsche Front den Luftangriffen der Amerikaner nicht länger stand. Mehr als 2000 Bomber hatten einen Abschnitt von sieben Kilometern systematisch umgepflügt. Von der Panzerdivision Lehr blieb nur ein rauchender Schrotthaufen. Trotzdem schickte General Kluge auf Hitlers Geheiß einen Boten an die Front: "Stellungen halten unter allen Umständen." Der Kommandeur der Division antwortete: "Halten können nur noch die Toten."

In die Lücke stieß George Patton. "Fahren Sie", schnauzte er seine Tankbesatzungen an, "und scheren Sie sich um Ihr Ziel und nicht um Ihre Flanken." Innerhalb von drei Tagen trieb Patton sieben Divisionen durch den Flaschenhals zwischen St. L™ und der Stadt Avranches.

Freier Weg nach Paris

General von Kluge schickte Anfang August alles los, was an Panzern noch Ketten hatte, um Pattons Panzerspitzen den Weg abzuschneiden. Die Deutschen hatten zunächst Erfolg. Doch dann ging die Sonne an einem strahlend blauen Himmel auf, und die Flieger kamen. Sie hatten neuartige Raketenwaffen an Bord, die selbst die Panzerung der "Tiger" durchschlugen. "Hätten unsere Flugzeuge nicht in den Kampf eingreifen können, wäre es dem Feind vielleicht gelungen, Avranches zu nehmen", kommentierte Eisenhower. So blieb der deutsche Angriff liegen. Pattons Panzer stürmten 300 Kilometer vor. Der Weg nach Paris war frei.

Aus der Schlacht um die Normandie war eine Schlacht um Frankreich geworden. Und die war für die Deutschen verloren. Das hatte auch Generalfeldmarschall von Kluge erkannt. Hitler misstraute seit dem Attentat vom 20. Juli fast jedem, also auch seinem Spitzenmann im Westen. Tatsächlich hatte Kluge vor dem 20. Juli Kontakte zu den Verschwörern gehabt, sich ihnen aber nie richtig angeschlossen.

Am 15. August wollte der General eine Fronteinheit besuchen, kam aber erst mit stundenlanger Verspätung an. Im Führerhauptquartier glaubte man zu wissen, wo sich Kluge wirklich aufgehalten hatte: "Er ist zu geheimen Kapitulationsverhandlungen mit dem Feind gefahren." Bis heute ist nicht geklärt, ob es Kontakte zwischen Kluge und Patton gab oder der Deutsche wirklich durch Tieffliegerangriffe aufgehalten wurde, wie er behauptete. Für Hitler war er jedenfalls erledigt. Er setzte Kluge zwei Tage später ab. Mit preußischer Disziplin nahm der General die Degradierung hin. Dann nahm er Gift.

Zuvor schrieb er Hitler "mit aller Ehrerbietung" einen Abschiedsbrief: "Ich kann den Vorwurf, das Schicksal des Westens durch falsche Maßnahmen besiegelt zu haben, nicht tragen und begebe mich dahin, wo schon Tausende meiner Kameraden sind. Das Leben hat für mich keine Bedeutung mehr." Dann zählte er die Gründe für die deutsche Niederlage auf und beschwor Hitler: "Sollten Ihre neuen heiß ersehnten Kampfmittel, insbesondere die der Luftwaffe, nicht durchschlagen, dann, mein Führer, entschließen Sie sich, den Krieg zu beenden. Das deutsche Volk hat so namenlos gelitten, dass es Zeit ist, dem Grauen ein Ende zu machen. Wenn das Schicksal stärker ist als Ihr Wille und Ihr Genie, so ist das Fügung. Heil mein Führer!"

Getreu bis in den Tod

Ein deutscher Offizier, getreu bis in den Tod. Kein Wort über Hitlers Verbrechen, kein Bedauern über das namenlose Leid derer, die sein Führer angegriffen hatte. Die erfolgreiche Invasion als tragisches Ende eines titanenhaften Kampfes. Dwight D. Eisenhower sah die Landung in Frankreich anders. 20 Jahre nach dem D-Day erklärte er am Strand von "Omaha" mit für ihn sonst untypischem Pathos: "Unsere Jungs kämpften und litten hier, nicht um Eroberungen zu machen oder eigene ehrgeizige Ziele zu verfolgen. Sondern um sicherzustellen, dass Hitler nicht die Freiheit auf der Welt zerstören konnte. Die Invasion zeigt, was freie Menschen zu tun bereit sind, um nicht als Sklaven zu enden."

Teja Fiedler / Mitarbeit: Sabine Fiedler print

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