Teil 4: Überleben in den Trümmern Hunger in Deutschland


Sommer 1945, der Krieg ist aus, das Land besetzt, geteilt und runiniert. In den Trümmern kämpfen und feilschen die Menschen um Brot, Kohlen und einen Schlafplatz. Erfahrungen, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägen.

Am 14. August 1946 schrieb die 13-jährige Ilse aus Hamburg einen Brief, in dem sie sich für einen Reisbrei bedankte. "So wurden wir heute das erste Mal seit etwa einem Jahr wieder richtig satt", malte sie in krakeliger Kinderschrift auf graues Papier und dankte der "hierfür zuständigen Behörde, in der Hoffnung auf eine baldige, nochmalige Reiszuteilung". In den Trümmern des von ihnen angezettelten Krieges kämpften die Deutschen ums Überleben. Bis kurz vor der Niederlage hatten die Nazis die besetzten Gebiete ausgeplündert, um die Deutschen vor dem Hunger zu bewahren und die so genannte Heimatfront zu stabilisieren. Jetzt kam die Not nach Deutschland. Das Leid war nicht so vernichtend wie im Osten des Kontinents, aber auch unter den Deutschen forderte es Opfer. Kinder wuchsen auf mit dem Hunger. Die Schwachen oder Kranken mussten fürchten, an den Lebensbedingungen in Nachkriegsdeutschland zugrunde zu gehen.

Christa Füllenbach wurde geboren, als der Krieg schon aus war. Sie starb mit zwei Jahren. "Pneumokokken waren ins Bauchfell gewandert", erzählt ihre Mutter Emmi. "Es lag wohl auch an der schlechten Ernährung." Ein Bild von Christa beim Weihnachtsfest 1949 hat sich der alten Frau eingebrannt. Da läuft die Kleine auf den Baum zu und fängt an zu singen. "So was Schönes habe ich nie mehr erlebt", sagt Frau Füllenbach. Sechs Kinder hat sie bekommen. Heute, mit 83, entdeckt sie noch immer Neues in der Welt. Zum Beispiel Tai-Chi, die alte chinesische Kampf- und Meditationstechnik. "Das mache ich immer montags."

Der Krieg, die Hungerjahre, das tote Kind

- all das scheint in ihrer Hamburger Wohnung weit weg. "Nie hätte ich gedacht, dass es mir einmal so gut geht wie heute." Aber das Lebensgefühl ihrer Generation haben die Jahre vor und nach 1945 für immer geprägt.

Die Lebensmittelrationen in den ersten Nachkriegsjahren waren so niedrig, dass der Ernährungsrat der Deutschen Ärzte klagte, sie würden innerhalb einiger Monate zum Tode führen. "Nur mit äußerster Anstrengung und unter Einsatz aller Ersparnisse aus früheren Jahren, oft unter Preisgabe der mühsam geretteten Reste der beweglichen Habe, unter Missachtung von Gesetzen und behördlichen Bestimmungen" könnten sich die Menschen durchschlagen. Genaue Zahlen über die Opfer von Unterernährung und Kälte gibt es nicht. Wie bei der kleinen Christa kam zur Schwächung durch die schlechte Versorgung oft eine Krankheit.

Offensichtlich ist, dass die Not Menschenleben gekostet hat. In Leipzig starben von den 7273 Lebendgeborenen des Jahres 1945 fast 16 Prozent - 1138 Kinder - vor ihrem ersten Geburtstag. 1946 kamen noch zehn Prozent ums Leben. In Hamburg waren im Juli 1946 von 14 091 Krankenhausbetten 1189 von Patienten mit Hungerödemen belegt. In Aachen hatten 1947 fast 70 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Kinder Untergewicht. Die "Süddeutsche Zeitung" in München kolportierte damals den Witz, dass der Fragebogen zur Entnazifizierung erweitert worden sei: "Gedenken Sie im Jahr 1948 noch zu leben? Wenn ja, wovon?"

Wer satt werden wollte,

war auf zusätzliche Nahrungsquellen neben der amtlichen Zuteilung angewiesen. Emmi Füllenbach erzählt, ihr Mann habe in den kalten Wintern bei seinem Chef Kohlen "besorgt, oder soll ich sagen: geklaut". Ein Schwager arbeitete im Kalkwerk und hat Kalk besorgt. "Den konnte man tauschen." Äpfel besorgte die Schwägerin. "Die Kinder bekamen einen Tag Kartoffeln mit Apfelmus, einen Tag Kartoffeln mit Möhren. Etwas anderes hatten wir nicht", erinnert sich die alte Dame. "Wir wollten nur überleben."

Nahrung war die größte Sorge der Menschen in den ersten Nachkriegsjahren. Der Hunger, schrieb die "Kölnische Rundschau", wurde für viele zum "schlimmsten Diktator". Die einzige Sorge war er nicht. Mehr als zweieinhalb Millionen Wohnungen waren im Bombenkrieg zerstört worden, weitere vier Millionen beschädigt. Aus dem Osten drängten Vertriebene in die vier Besatzungszonen; bis 1948 kamen im Westen 6,4 Millionen Menschen an, im Osten des verkleinerten Deutschlands 4,4 Millionen. Sie alle brauchten Unterkunft.

Die ersten Jahre nach 1945 lebte Familie Füllenbach in einem Lokschuppen in Bamenohl im Sauerland. Vorn stand die Lokomotive, da kam man nicht durch. Emmis Mann, der Maurer war, hatte im zweiten Raum ein paar Stufen ans Fenster gemauert, das so zum Ersatzeingang wurde. Herd und Bett waren geliehen, dann gab es noch eine Kiste. Das war der Hausrat.

Der Hauptausschuss des Deutschen Städtetages nannte Deutschland damals ein "überfülltes Elendsviertel Europas". In München etwa hatte noch Ende 1946 von den einheimischen Kindern jedes vierte kein eigenes Bett. Bei den Flüchtlingskindern war es sogar jedes zweite.

Die Vertriebenen, die ihre alte Heimat in Schlesien, Pommern, Ostpreußen oder im Sudentenland verlassen mussten, waren in der neuen keineswegs immer willkommen. Erika Bernhardt floh 1945 mit ihrer Mutter aus Tenkitten bei Königsberg in den Westen. Sie war 19 Jahre, an der Hand hatte sie den kleinen Bruder. Als sie in Jeddingen in Niedersachsen ankam, war für sie die Kindheit ebenso vorbei wie der Krieg. In der Gastwirtschaft "Markwart" suchten sich die Bauern ihre künftigen Dienstboten aus. Erika kam zu einem Mann, der seine kranke Frau mit dem Stiefel schlug und die neue Magd von morgens bis abends schuften ließ. Nachts um eins stand Erika oft noch am Bügelbrett. Frühmorgens gab es eine Schnitte Brot für den Tag. Gut, dass der Bauer schwarz geschlachtet hat - "damit wir den Mund hielten", bekam Erikas Mutter manchmal eine Tüte mit Fleisch.

Heute lebt Erika Bernhardt in Düsseldorf. Sie fühlt sich wohl im Rheinland. Dass sie dorthin kam, lag an einer speziellen Kriegsfolge: Ihr Vater hatte im Siebenbürgenweg ein Haus mit Krediten gebaut, die es nur gab, wenn man Flüchtlinge aufnahm. Der Vater hätte also einen Teil des Neubaus an Vertriebene vermieten müssen. "Da haben die Eltern uns geholt, bevor fremde Leute einziehen."

Wildfremde Leute

auf engstem Raum - zumindest in den ersten Nachkriegsjahren war das eine behördlich verordnete Überlebensstrategie. Helene Bornkessel, die im Mai 1945 aus der sowjetischen Zone nach Hamburg gekommen war, schlief erst auf einem Notbett in der Wohnung ihres Bruders, dann wurde ihr das Wohnzimmer in einem Einfamilienhaus zugewiesen. "Die Leute, die da wohnten, sind mit der Situation nicht fertig geworden", erinnert sie sich. Es sei so unerträglich gewesen, dass sie sich um eine neue Unterkunft bewarb. Bekommen hat sie das Kinderzimmer einer Dreizimmerwohnung. "Ich kam mir vor wie ein Einbrecher", sagt die 84-Jährige. "Wenn die gebadet haben am Samstag, dann sagte der Mann: Ist noch ein bisschen Wasser drin. Dann bin ich rein."

Ihr späterer Mann Fritz lebte nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft 1947 in einer Vier-Quadratmeter-Hütte, an die er aus Abbruchsteinen einen Raum anbaute. Nach der Hochzeit 1948 haben sich die beiden ein Behelfsheim ausgebaut - Gesamtfläche 42 Quadratmeter. Dort lebten sie bis 1965 mit zwei Kindern.

Die schlechte Versorgung führte zu Streiks und Protesten. In Hamburg stand bei einer Kundgebung von 200 000 Menschen im Mai 1947 auf Plakaten: "Mit 800 Kalorien kann niemand arbeiten." Wenige Wochen zuvor hatten die Arbeiter im Ruhrgebiet wegen der Hungerrationen einen Tag lang gestreikt. Die Beschäftigten von Krauss Maffei in Bayern rebellierten dagegen, dass ihnen das ohnehin sehr dünne Bier gestrichen wurde.

Mit der Währungsreform im Juni 1948 wurde keineswegs alles über Nacht besser: Vor der Einführung der D-Mark horteten Bauern und Händler ihre Waren, um sie später gegen echtes Geld verkaufen zu können. Nach dem Stichtag waren zwar die Auslagen voll, aber den Leuten fehlte das Geld zum Kauf. Darüber klagten im August 1948 von den Bewohnern der amerikanischen Zone 59 Prozent. Im November des Jahres kam es gar zu einem kurzen Generalstreik. Aber da vermischten sich die aktuellen Nöte schon mit der Hoffnung: Nach einer Umfrage der "Public Opinion Survey Unit" in der US-Zone erwarteten fast drei von vier Deutschen nach der Einführung der D-Mark, dass es nun bergauf gehe.

In der kollektiven Erinnerung der Deutschen ist das Kriegsende 1945 die Stunde null. So wie drei Jahre später bei der Einführung der D-Mark, als jeder zunächst 40 und dann noch einmal 20 Mark bekam, scheinen alle mit nichts oder doch gleich wenig angefangen zu haben. Dabei unterschieden sich die Lebensbedingungen und Chancen dramatisch.

Auf dem Land waren Lebensmittel längst nicht so knapp wie in den Metropolen - auch wenn da, wie im Berliner Tiergarten, auf jedem freien Fleck Gemüse angebaut wurde. Wer einen kleinen Garten besaß, war meist besser ernährt als die Bewohner von Mietwohnungen. Viele Bauern wurden durch die Not der Städter wohlhabend.

Ilse Behling, die 1945 in der sowjetisch besetzten Zone lebte, erinnert sich an den relativen Reichtum der Landbevölkerung: "Bei einem Bauern haben meine Freundin und ich 17 Perlonstrümpfe auf der Leine gesehen. Der hatte die eingetauscht gegen Butter, Speck, was weiß ich." Sie selbst hat ihre Schuhe immer außerhalb der Ortschaften ausgezogen, um die Sohlen zu schonen.

In ihrem Beruf als Verkäuferin erlebte sie die Mangelwirtschaft in der ostdeutschen Variante. Sie erzählt, dass alle Beschäftigten der von ihr geleiteten Verkaufsstelle in Grevesmühlen Waren geklaut haben. Aber bei der 14-täglichen Inventur durften nicht mehr als 300 Mark fehlen. "Wir haben dann den Quark mit Wasser verlängert."

Ihre Mutter brachte

es zur staatlich prämierten Heldin des Kartoffelausbuddelns. "Sie war Sammelbeste. Da hat sie drei Zentner Kartoffeln bekommen." Zeitweise ernährte sich die Familie von Zuckerrübensaft. Als Ilse dann auch noch schikaniert wurde, weil sie ein Paket aus dem kapitalistischen Teil Deutschlands bekommen hatte, entschloss sie sich 1951, in den Westen abzuhauen.

Gisela Nöckel war bei Kriegsende 16 Jahre alt. In der Schule, die schon im August 1945 wieder anfing, gab es so viele dünne Suppen zu essen, dass die Berlinerin bis heute keine Rote Bete mag. Sauerampfer und Löwenzahn holte sie von den Wiesen, im Wald sammelte sie Tannenzapfen zum Feuermachen. Ihre Mutter arbeitete beim Bauern und klaute Kartoffeln, die sie in den zugeknoteten Ärmeln ihrer Jacke versteckte. Sie selbst fuhr mit einer Freundin über Land durch die Prignitz, um von der Mutter genähte Kleidchen einzutauschen. "Frisches Brot hatten wir immer schon halb aufgegessen, wenn wir zu Hause ankamen." Einmal gab es Futtermischgetreide, das der Vater hatte mitgehen lassen. Obwohl die lila eingefärbten Körner unzählige Male gewaschen waren, wurde sie krank: "Wir glühten alle, ich habe Pickel gekriegt."

Die vier Besatzungszonen konnten unmöglich produzieren, was ihre Bewohner an Lebensmitteln benötigten. Es fehlte an Saatgut und landwirtschaftlichem Gerät. Vor dem Krieg waren ein Viertel des Getreides und 30 Prozent der Kartoffeln aus den Provinzen östlich von Oder und Neiße gekommen. 1947 ernteten die Bauern auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik nur gut die Hälfte der Mengen von vor 1939. Zudem fehlten Lastwagen, waren Zugstrecken unpassierbar, und es mangelte an Benzin, um die Ernte zu transportieren.

Die westlichen Siegermächte versprachen den Deutschen zunächst 1550 Kalorien pro Tag, im Osten waren es 1500. Tatsächlich sanken die Zuteilungen für den Normalbürger zeitweise unter 1000 Kalorien, in Köln waren es im April 1947 gar nur 737. Das lag an objektiven Schwierigkeiten; aber zumindest unmittelbar nach dem Krieg steckte eine Strategie dahinter: Die Besatzer wollten, dass die Deutschen weniger zu essen hatten als die von ihnen überfallenen Nachbarn. Sie sollten gerade so viel bekommen, dass Seuchen und Aufstände vermieden wurden. Wie erwartet blieben die Proteste begrenzt. Die Ausbreitung von Krankheiten führte zu unzähligen Tragödien, aber nicht zu Epidemien - ein Erfolg, um den die Siegermächte oft bangen mussten.

Hans Schlange-Schöningen, einer der Organisatoren der Lebensmittelzuteilungen im Westen, schrieb in seinen Erinnerungen: "Es gab in diesen Jahren Augenblicke, wo niemand wusste, ob sich nicht am nächsten Tage die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets nach Westfalen in Marsch setzen und sich dort mit Gewalt von den Bauern holen würde, was ihr ihrer Meinung nach zu Unrecht vorenthalten blieb."

Bald nach Kriegsende erkannten die westlichen Alliierten, dass ohne Lebensmittelimporte die Situation nicht unter Kontrolle zu halten war. Später kamen umfangreiche Hilfsprogramme hinzu (siehe Kasten links). Trotzdem blieb die Versorgung bis Ende der 40er Jahre problematisch.

Vergleichsweise gut ging es allen, die etwas hatten oder konnten, was auf dem Schwarzmarkt begehrt war. Philipp Schubert kam Mitte Juni 1945 aus kurzer, aber harter amerikanischer Gefangenschaft in Bad Kreuznach ("Da sind viele verhungert") zurück in seine Heimatstadt Lohr im Spessart. Das Haus seiner Familie, die eine Glaserei besaß, stand noch. "Man hat nicht viel entbehrt", sagt seine Schwester Maria Steger. "Unser Glück war das Geschäft. Wir haben viel für die Amerikaner geschafft, haben im US-Quartier Fenster eingesetzt. Bei denen gab es, was wir nicht hatten: Bohnenkaffee, Doughnuts, Suppe mit Fleischwurst, Zucker. Alles im Überfluss. Wir haben auch mal was mitgehen lassen." Die Mutter hat für die Amerikaner gewaschen und wurde dafür in Naturalien bezahlt.

Schubert fuhr mit dem Handwagen über Land und tauschte Glasscheiben gegen Eier und Mehl. Die Scheiben hatte er von Leuten, die ihm gerahmte Bilder brachten, damit er das Glas entfernt, um es - genauer gesagt: einen Teil davon - für Fensterscheiben zu verwenden. "Der Schwarzhandel hat geblüht", sagt er. Nach der Währungsreform 1948 war für ihn die Nachkriegszeit vorbei. "Da war alles da", erinnert er sich - zumindest für jene, die wie Schubert Geld hatten...

Als ehemaliger Soldat weiß der 83-Jährige die Not der Deutschen nach dem Krieg einzuordnen. Bei der Belagerung Leningrads, heute wieder St. Petersburg, hatte die Wehrmacht den Hunger als Waffe eingesetzt. Auch in der Ukraine oder Weißrussland gehörte der Hungertod von Millionen Zivilisten zur Strategie der Aggressoren. "Was die russische Bevölkerung mitgemacht hat, das geht auf keine Kuhhaut", sagt Schubert. "Die Bilder habe ich bis heute nicht vergessen."

Stefan Schmitz Mitarbeit: Kristina Pezzei und Claas Pieper

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