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Parteitag der britischen Tories: Verloren auf den Brexit-Festspielen

Die Festland-Europäer gegen die Insel: Der Parteitag der britischen Konservativen in Birmingham sollte die Einheit der Briten feiern. Stattdessen aber bejubelten sie nur die (künftige) Kluft zwischen Großbritannien und Europa.

Von Michael Streck, Birmingham

Brexit Theresa May Auftritt bei Tories

Auftritt der zornigen Schuldirektorin: Theresa May behauptet, ihre Partei sei für alle da

Am Mittwoch las die neue britische Premierministerin Theresa May den Eliten des Landes ordentlich die Leviten. Sie hielt ihre große Rede zum Abschluss des Parteitages in Birmingham und wirkte dabei in etwa so angenehm wie eine zornige Schuldirektorin. May beschuldigte Kommentatoren und Politiker-Kollegen, sie würden auf Millionen von liebenswerten Briten niederschauen, weil die für den gestimmt hätten. Schluss damit, sagte Frau May. Die Konservativen wollen ja für alle da sein, "a country that works for everyone", ein Land das für jeden da ist. Das war das Motto der großen Versammlung in Birmingham. Ein schönes Motto. Aber selten lag zwischen Worten und Wahrnehmung eine größere Kluft. Man konnte das Gefühl haben, dass am 23. Juni nicht 52 Prozent der Briten für den EU-Abschied gestimmt hätten, sondern SED-mäßige 99.

Wir Festland-Europäer fühlen uns fehl am Platz

In wurden die großen Brexit-Festspiele gegeben, und für Kontinental-Europäer waren das Tage von zweifelhaftem Genuss. Man fühlte sich seltsam fehl am Platz, zuweilen unwohl und ziemlich oft nicht willkommen. Das Land, das für jeden da sein will, ist für uns irgendwie nicht mehr da. Die neue Innenministerin Amber Rudd warnte vor zu vielen ausländischen Studenten, Firmen sollen überdies künftig melden, wie viele Fremdkräfte sie beschäftigen. Der Handelsminister Liam Fox sieht in den EU-Bürgern im Land ein prima Faustpfand für die bevorstehenden Verhandlungen. Wir dürfen bleiben, wenn auch die Briten auf dem Kontinent bleiben können.

So ungefähr war die Stimmung.

Ich trieb mich von Debatte zu Debatte, von Diskussion zu Diskussion. Die meisten hatten mit Brexit zu tun. Man hörte ständig, wie wunderbar jetzt alles sei. Endlich frei. Endlich Handel mit China ohne die Fesseln aus Brüssel. Große Tage lägen vor dem Königreich. Alles werde gut. Nein, sehr gut. Alles. Endlich. Der inoffizielle Star-Redner in Birmingham war der Europa-Abgeordnete Daniel Hannan, der als geistiger Architekt des Brexit gilt und ein fraglos schlauer Mensch ist.

Wer hat eigentlich den Krieg gewonnen, damals?

Hannan wurde gefeiert wie ein Popstar. Er war wie Genscher früher, er war überall. Einmal saß er auf einem Podium, und neben ihm ein paar rechtsgewirkte Nebendarsteller aus der Schweiz, Island und den Niederlanden. Die Herren schimpften sehr eifrig über die EU, der Schweizer, ein Journalist, gratulierte den Anwesenden zum Ausstieg, der Niederländer sagte voraus, auch sein Land werde die dem Untergang geweihte Union verlassen. Er sagte auch noch, dass er sich manchmal frage, wer eigentlich den Zweiten Weltkrieg gewonnen habe. Denn die Deutschen würden ja immer noch den Ton diktieren in der EU. Es gab viel Applaus für diese Einlassung.

Aus Furcht vor sofortiger Deportation verließ ich den Raum und begab mich zurück ins Kongresszentrum, wo Delegierte Schlange standen vor einem "Shooting Simulator". Man konnte dort mit einem Gewehr Moorhühner virtuell vom Himmel ballern.

Abseits standen zwei Pro-Europäer

Ich brauchte dann dringend eine Pause, verließ das Konferenzgebäude und schlenderte am hohen Zaun mit den Sichtblenden vorbei. Draußen patrouillierte die Polizei, drinnen sprachen sie vom Land, das für jeden da ist.

Brexit EU-Flagge

Die unbeugsamen Zwei: Dick Rodgers und Paul Taylor haben für Remain gestimmt und protestieren nun einsam vor dem Tory-Parteitag in Birmingham

Etwas abseits standen zwei ältere Herren, Dick Rodgers und Paul Taylor. Sie hielten eine EU-Flagge in die Höhe, sie klammerten sich regelrecht daran. Dick sagte, es sei ihr subversiver Protest. Während der Kampagne hatten sie für Remain geworben, waren als Landesverräter beschimpft worden und hatten am Ende verloren. Inzwischen werden sie nicht mehr als Verräter beschimpft. Menschen wie Dick und Paul heißen nun "Remoaner". Das sind diejenigen, die immer noch der nachtrauern und den Austritt für einen Fehler halten. Das ist streng genommen fast die Hälfte aller Briten, in der neuen Tory-Zählweise tauchen sie aber nicht auf. Birmingham war der Parteitag der 52 Prozent, der Siegerparteitag. Die anderen 48 Prozent Remoaner. Oder Labour. So viel zu Mays Einheit der Nation.

Ich fragte Dick, wie es denn so laufe mit der Fahne und der EU und ihrem subversiven Protest. Er sagte "hoffnunglos." Dann lachte er.

Keine Brexit-Festspiele bei Labour

Eine Woche zuvor hatte ich mich bereits recht ausgiebig mit Hoffnungslosigkeit beschäftigt. Beim Parteitag von Labour in Liverpool war das. Die gute alte Labour-Party ist bedauerlicherweise in einem sehr jämmerlichen Zustand. Liverpool erlebte das Kontrastprogramm. Keine Brexit-Festspiele, sondern Trauerspiele. An einem Abend diskutierten Abgeordnete in einem Keller des Beatles-Museums über den dramatisch schwindsüchtigen Zustand der Linken. "Das 25 Prozent-Problem" hieß die Veranstaltung. Labour, das ließ sich an diesem symbolträchtigen Ort exemplarisch beobachten, ist weit davon entfernt, an die Macht zurückzukehren. Beim Rausgehen lief "Yesterday" vom Band.

Labour litt in diesem Jahr gleich an mehreren Dingen: An Bedeutung, an Macht - und am Brexit. Immerhin lieferte die kräftigste Zustandsbeschreibung der Post-Brexit-Ära der Europaabgeordnete Seb Dance. Er sagte, sein Land habe in Wahrheit die Wahl zwischen drei Tellern kalter Kotze. Harter Brexit. Weicher Brexit. Irgendwas dazwischen Brexit. Aber am Ende eben doch alles Kotze, schlimmer noch: kalte Kotze. Auch dafür gab es viel Applaus.

Wir teilten das Leid, das auf uns niederprasselte

Bei den Tories in Birmingham musste ich ein paar Mal an Seb Dance denken, während ich von EU-Beschimpfung zu EU-Beschimpfung eilte, und allerorten vernahm, wie großartig es Großbritannien gehe und wie furchtbar den Europäern. Am dritten Tag schleppte ich mich in einem sadomasochistischen Anfall abends zu einer Diskussion in einem nahe gelegenen Hotel. Im Raum die üblich freudig erregten Konservativen und ein paar Auslandskorrespondenten. Wir Festland-Europäer saßen in einer Reihe und teilten das Leid, das auf uns niederprasselte. Es sprachen die selbst für Tory-Verhältnisse unausstehlich rechten Abgeordneten Jacob Rees-Mogg und John Redwood. Rees-Mogg hatte bereits im Vorjahr bei einer ähnlichen Debatte die Pretiose vorgetragen, er wisse nichts mit Franzosen anzufangen. Denn was hätte Frankreich der Welt schon geschenkt außer stinkendem Käse und Pornofilmen? Applaus und Gelächter damals schon.

Brexit Moorhuhn

Wenn einem nach all zuviel Brexit-Festspielen mal nach Ballern ist - bitte schön. Dank dem Moorhuhn-Simulator kein Problem auf dem Tory-Parteitag 


In diesem Jahr überboten sich die beiden nun an Irrsinn. Es fielen die Vokabeln Empire und Kolonien. Wobei mit Kolonie vor allem Indien gemeint war, großer Handelspartner der Zukunft. Redwood und Rees-Mogg sagten obendrein das Übliche: Die Deutschen wollen ihre BMWs verkaufen und die Franzosen ihren Schampus und Käse. Alles wird gut. Besser. Am besten.

Ich dachte mehrmals an Seb Dance und die drei Teller Kotze.

Fragen durften auch gestellt werden, und ein Mann in der ersten Reihe stand auf und wollte wissen, warum die Briten überhaupt verhandeln müssten. Sollten doch die Europäer kommen. Das gefiel Jacob Rees-Mogg. Er näselte am Stehpult, dass er sich schon auf den Tag freue, da Jean-Claude Juncker zum Betteln nach Westminster käme - "und das mit Visum".

Tosender Applaus und größtes Gelächter. Noch mehr als beim Stinkkäse und Pornos im Vorjahr.

Wir Kontinentalen gehörten zu den wenigen im Raum, die bei den Tiraden nicht klatschten und johlten und waren insofern verhaltensauffällig. Ein Pärchen hinter uns entschuldigte sich für die Ausfälligkeiten. "Wir sind nicht alle so." Die beiden sahen wirklich peinlich berührt aus.

"Vive l’Europe"

Eine französische Kollegin sagte, sie brauche jetzt auf der Stelle einen Gin Tonic. Sodann beschlossen wir, den Anti-EU-Festspielen noch am selben Abend etwas entgegenzusetzen und gingen gemeinsam essen. Drei Franzosen, ein Belgier, drei Deutsche. Wir waren so etwas wie die Speerspitze der EU. Saßen zusammen in einem indischen Restaurant, umzingelt von lauter und lauten Tories. Unser Tisch wie ein gallisches Dorf. Ein Kollege hob sein Glas, wir stießen an und riefen "Vive l’Europe". Die Tories an den Nebentischen verstummten für einen Moment und drehten sich um und schüttelten den Kopf.

Es fühlte sich verdammt gut an.