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M.Streck: Frischluft Ausgerechnet jetzt wird der "Kicker" 100! Glückwunsch an eine urdeutsche Konstante

Der Niederländer Frank Rijkaard (r.) spuckt auch in der Wiederholung immer noch Rudi Völler an
Der Niederländer Frank Rijkaard (r.) spuckt auch in der Wiederholung immer noch Rudi Völler an, wie unser Autor Michael Streck feststellt
© Martina Hellmann / DPA
Unserem Autor Michael Streck fehlt neben vielen Dingen der Fußball sehr. Und er verspürt großes Mitgefühl und Sympathie mit den Kollegen des "Kicker“, die ausgerechnet jetzt ihren 100-jährigen Geburtstag feiern.

Neulich und eher aus purer Not schaute ich sechs Folgen der neuen Netflix-Serie "The English Game". Es geht um die Ursprünge des professionellen Fußballs Ende des 19. Jahrhunderts. Die Herren trugen damals noch lange Hosen und Straßenschuhe und stürmten im Pulk einem unförmigen, schweren Ball hinterher. Die Herren, und es waren zunächst tatsächlich Herren aus Eton, traten und bolzten rüde, Knochen splitterten. Aus rein sportlicher Sicht kein Hochgenuss. In Zeiten des kalten Entzugs war ich dennoch begeistert über diesen Rumpelfußball der ganz frühen Sorte. Ein bisschen Sozialkritik war auch drin, eine Art Downton Abbey mit Ball.

So weit bin ich schon.

Der Fußball in der Zwangspause

Von den vielen Dingen, dir mir fehlen, fehlt mir Fußball mit am meisten. Nur Nebensache, gewiss. Aber ich stehe dazu. In der Sportschau zeigen sie mangels Frischware samstags Konserven, DFB-Pokalspiele oder WM-Endspiele. Das wirkt aus dem Heute ein wenig verstörend: volle Stadien, Fan-Gesänge, Torjubel. All das eine gefühlte Ewigkeit her, in etwa so lang her wie die Herren in langen Hosen aus "The English Game".

Vor Corona war schon die Sommerpause furchtbar. Acht lange Wochen nichts. Nach diesen acht langen Wochen reagierte ich auf Grünflächen im Fernsehen ungefähr so hechelnd wie Pawlows Köter. Meine Familie konnte ich damit regelmäßig zum Wahnsinn treiben, ganz speziell mit meiner Passion für Borussia Dortmund. Auf einer Reise durch Südamerika im Herbst mussten wir die Trips so legen, dass ich kein Spiel des BVB verpasste. Nicht, dass es sich gelohnt hätte. Meine Frau ist glücklicherweise sehr geduldig.

Und nun Zwangspause. Meine Frau kommt damit deutlich besser klar als ich.

Schlechtes Timing fürs Geburtstagskind

Besonderes Mitgefühl empfinde ich in dieser Extremsituation für die sehr geschätzten Kollegen des Fußball-Fachorgans "Kicker", die ausgerechnet in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiern. 100 Jahre! Der "Kicker" ist eine urdeutsche Konstante. Was für die Briten die Königin sein mag, ist für mich der "Kicker". Er sieht seit hundert Jahren auch ungefähr gleich aus. Kein Schnickschnack, keine Experimente, nix. Wer den "Kicker" montags und donnerstags kauft, wird nie enttäuscht und nie überrascht. Das ist sein offenes Geheimnis. Der "Kicker" ist der Volkswagen des teutonischen Pressewesens, ohne Dieselgate, nur noch älter und noch verlässlicher. Über Ostern lief eine Dokumentation über die Kollegen im Fernsehen. Darin sagte Uli Hoeneß, den "Kicker" würde es eben nicht mal interessieren, ob Profis goldene Steaks essen. So ist es. Statt Steaks: Statistiken, Analysen, manchmal herrlich abgegriffene Metaphern oder Wortspiele. Es gibt sogar einen Professor, der sich mit der Sprache des "Kicker" befasst und darüber ein Buch geschrieben hat. Auch das muss man erst mal schaffen.

Und nun ruht der Ball, aber die Not macht erfinderisch, und also spielen sie auf der Homepage jetzt einfach die Saison 2001/2 nach. Das ist in etwa so wie ein Bäcker, der ohne Mehl backen muss.

Wir müssen weiter Konserven gucken

Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, dass ich sogar Geisterspiele gucken würde, würde es welche geben. Obwohl ich sehr genau weiß, dass Geisterspiele höchst unanständig sind und per Definition asozial und der letzte Beweis dafür, dass der Fußball die Fans nicht mehr braucht. Geisterspiele wären darüber hinaus gesellschaftlich und moralisch natürlich unverantwortlich. Man müsste die Profis und Verantwortlichen wochen- oder monatelang isolieren. Der einzige aus der Branche, der mit solchen Dingen Erfahrung hat, ist meines Wissens nach Uli Hoeneß. Das ist also auch keine Lösung.

Weshalb wir uns gedulden und Konserven gucken müssen. Am Sonntag lief Deutschland gegen Holland, Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Es ging wie damals 2:1 aus. Und wieder blieb dem Niederländer Frank Rijkaard nicht die Spucke weg. Der Mann ist offenbar nicht lernfähig. Vermutlich wird Deutschland 1990 Weltmeister.

Notfalls könnte man das im "Kicker" nachlesen. Glückwunsch nun an die Kollegen zum runden Geburtstag. Macht weiter so. Ändert bitte nichts, gar nichts. Wenn schon nicht auf den Fußball muss auf irgendwas verdammt noch mal Verlass sein.


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