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Last Call: Deutschland ist raus, England noch dabei - ein Naturgesetz vor dem Aus

Wahrlich wunderliche Zeiten: Es ist WM, die Deutschen sind raus, aber England noch dabei. Die Menschen auf der Insel glauben deshalb seit gefühlten Ewigkeiten wieder an ihre Mannschaft. Die so spielt wie einst die Deutschen an guten Tagen.

WM-England

Duell-Trio bei England gegen Panama. Die Three Lions haben zwei Vorrundenspiele nacheinander gewonnen. Zwei!

Getty Images

In geschehen zurzeit wundersame Dinge. Es ist Ende Juni, Fußball-WM, und die Nationalmannschaft ist immer noch dabei. Das grenzt an ein Wunder.

Auf eines war bei großen Turnieren schließlich stets Verlass: England fliegt raus, entweder schon in der Vorrunde, spätestens im Halbfinale, dort bevorzugt im Elfmeterschießen und gerne gegen . Weshalb das amerikanische "Time"-Magazin vor Jahren in einer Titelgeschichte Englands Team zur miesesten Fußballmannschaft des Planeten erhob. Auf der Insel regte sich darüber im Übrigen niemand auf. Die Menschen stimmten, im Gegenteil, mit dem Verdikt aus den früheren Kolonien überein. Englisches Versagen bei großen Turnieren war so etwas wie ein Naturgesetz. Ebbe und Flut. Tag und Nacht. Heiß und kalt. So was in der Art.

Zwei Siege nacheinander!

Und nun? Gewinnt England zwei Vorrundenspiele hintereinander gegen die, zugegeben, nicht eben Fußball-Großmächte und Panama, und schon sind mehr als fünfzig Jahre Schmerz vergessen.

Zum frischen Glücksgefühl tragen ausgerechnet die Deutschen mit ihrem sagenhaft peinlichen Ausscheiden bei. Schadenfreude überall, im Netz sowieso ("Don't mention the VAR"), vor allem aber in den bunten Zeitungen. Die "Sun" druckt blatthoch die Tabelle, die Deutschland als Letzten ausweist und schreibt da drunter: "Ausschneiden und behalten für Tage, wenn Sie sich schlecht fühlen", wohingegen die "Daily Mail" den Landsleuten spöttisch empfiehlt, die Badetücher rauszulegen, denn "die Deutschen fahren früher in die Ferien".

Deutschland - die englische Nemesis

Man muss wissen, dass die Teutonen so etwas wie die englische Nemesis waren - seit 52 Jahren. 1966 gewann England zum ersten und einzigen Mal die Fußball-Weltmeisterschaft. 4:2 nach Verlängerung gegen Deutschland, Wembley-Tor, und nach dem Wembley-Tor schon jubelnde Fans auf dem Platz, und das vierte Tor damit streng genommen irregulär wie das berühmte dritte. Welches die Engländer, wie alle wissen, einem augenkranken Linienrichter aus dem heutigen Aserbaidschan verdanken. Der Mann hörte auf den Namen Tofik Bachramow, verblich 1993 und glaubte bis zum Ende seiner Tage, dass der Ball hinter der Linie war. Diese exklusive Sicht der Dinge nahm er mit ins Grab.

Geschenkt.

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Wie überhaupt, alles geschenkt. Ein lächerliches Sternchen ziert seither die englischen Leibchen, einsam sieht es aus. Aber wenn es nach dem Glauben vieler Briten geht, wird am 15. Juli ein zweites dazu kommen. Sie sind weiß Gott nicht verwöhnt mit ihrem Nationalteam. Aber erstaunlich zäh und immer noch auf eine merkwürdige Weise verliebt und alle Jahre wieder hoffnungsfroh. Denn alle Jahre wieder, heißt es, eine goldene Generation sei am Ball und ergo "jetzt oder nie". Aber dann spielt die goldene Generation doch nur Blech zusammen, und die Jahre der Schmerzen gehen weiter. So war das immer, zuletzt Island, Europameisterschaft 2016, nur Tage nach dem Brexit. Seinerzeit Schadenfreude überall auf dem Kontinent.

England spielt wie Deutschland an guten Tagen

Diesmal ist das anders. Die neue goldene Generation, eine Ansammlung von vielen jungen Hochbegabten, spielt irgendwie goldig. Sie erinnern ein bisschen an die deutschen Welpen, die vor acht Jahren in Südafrika die Welt verblüffen, dort Dritter wurden und vier Jahre später Weltmeister.

So ändern sich die Zeiten. England spielt wie Deutschland an guten Tagen, und der sympathische Trainer Gareth Southgate macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er sich am alten Rivalen orientiert hat. Von Deutschland lernen, heißt siegen lernen. Seine junge Mannschaft macht Spaß, und die Landsleute staunen und glauben. Sie haben sogar den alten Song "Football's Coming Home" wieder ausgegraben, der zur Europameisterschaft 1996 im eigenen Land von den Comedians Frank Skinner und David Baddiel geschrieben wurde. Nutzte nichts. Eben jener Southgate verschoss im denkwürdigen Halbfinale gegen, na klar, Deutschland den entscheidenden Elfer. Den Pokal nahmen die Teutonen dann auch noch mit und sangen, Gipfel der Demütigung, "Football's Coming Home" vom Rathausbalkon in Frankfurt.

In diesem Sommer aber wirkt es fast so, als könnten Naturgesetze für ungültig erklärt werden. Auch, weil die durch herzlich wenig gedeckte Großspurigkeit der vergangenen Generationen verflogen ist und sich Team und Trainer statt dessen (und wohlweislich) eine angenehme Bescheidenheit auferlegt haben. 

Der WM-Titel als Krönung des Brexit

Natürlich gibt es die üblichen Verdächtigen, die den üblich verdächtigen Stuss schreiben. Die "Daily Mail" macht zwar auch eine neue Leichtigkeit aus, freut sich aber besonders darüber, dass der Kapitän Harry Kane ein weißes Rollenmodell ist, ohne Tattoos und seit Ewigkeiten zusammen mit seiner Jugendliebe. Und das Blatt erinnert in Zeiten des Brexit an ein anderes Fußball-Wunder, Dänemark 1992, und die Worte des damaligen dänischen Außenministers Uffe Ellemann-Jensen, nachdem die Skandinavier kurz zuvor dem Maastricht-Vertrag der EU nicht beigetreten waren: "If you can't join them, beat them."

So hätte das die Mail gerne. Der WM-Titel als Krönung des Brexit und die Botschaft an alle: Es geht ohne euch und zwar so gut wie nie zuvor.

Noch mal: geschenkt.

Bei uns um die Ecke hat sogar das kleine libanesische Restaurant komplett englisch geflaggt, obschon dort nur arabische Männer drin sitzen, die an Wasserpfeifen nuckeln. Gegenüber ist ein Wettbüro, die Quoten für England steigen Tag für Tag.

Weltmeister? Dafür brauchte es immer noch ein kleines oder sogar großes Wunder. Andererseits leben wir in wunderlichen Zeiten. Es ist Fußball-WM, Deutschland ist zu Hause und England weiter dabei. Das hat's noch nie gegeben. Und ist den meisten schon Wunder genug.