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Reportage

Gefangen in Bangladesch : Die verratenen Rohingya: Ein Bericht aus dem größten Flüchtlingslager der Welt

Kutupalong heißt das größte Flüchtlingslager der Welt. Hier ist ein vergessenes Volk gestrandet: Hunderttausende Rohingya, die aus dem buddhistischen Myanmar geflohen sind. Für sie ist das Lager zu einer Falle geworden. 

stern-Reporter Tilman Gerwien reist mit Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nach Bangladesch

"They can‘t move forward, they can’t move back", sagt eine Helferin, die hier arbeitet – "sie können nicht vor, sie können nicht zurück". Sie stecken hier fest. Es gibt kein Entkommen für die Menschen aus Kutupalong, dem größten Flüchtlingslager der Welt, aus dieser Hölle aus Schlamm, Gestank und Dreck.

Rund 850.000 Männer, Frauen, Kinder sollen hier leben, wie viele es wirklich sind, weiß keiner so genau. Eine Großstadt, zusammengepfercht auf einem hügeligen Areal, der Zugang ist strikt reglementiert. Auf der Fahrt hierher, einer Irrfahrt über buckelige Lehmpisten, passieren wir ein halbes Dutzend Checkpoint der Polizei von Bangladesch. Der ganze Distrikt "Cox’s Bazar", in dem das Riesencamp liegt, ist Sperrzone – wer rein will, braucht eine Sondergenehmigung der Behörden. Gerd Müller, Entwicklungsminister aus Deutschland, kann natürlich rein, und mit ihm ein Tross aus weißen SUVs der Vereinten Nationen.

Bei der Fahrt ins Lager: ein Meer von kleinen Verschlägen, soweit das Auge reicht. Die Flüchtlinge haben sie sich aus Bambus, Zeltplanen, Brettern, Wellblechteilen zusammengezimmert. Beliebt zum Abdichten sind vor allem die weißen Plastikplanen mit der blauen Aufschrift "UNHCR". Das Label des Flüchtlings-Hilfswerkes der Vereinten Nationen ­– hier wird es zum Label der Heimatlosen.

Kinder, die nichts anderes gesehen haben 

Ein vergessenes, ein verratenes Volk, ist hier gestrandet: hunderttausende Rohingya, Angehöriger einer muslimischen Minderheit, die aus dem benachbarten, mehrheitlich buddhistischen Myanmar hierher geflohen sind, ins muslimische Bangladesch. Als wir ankommen, ist es kurz nach 13 Uhr. Der Muezzin ruft gerade zum Mittagsgebet. Die Botschaften des Propheten schallen aus großen Lautsprechern, sie haben etwas sehr Tröstliches angesichts des höchst diesseitigen Elends, das den Besucher hier erwartet.

Es stinkt aus den offenen Abwasserkanälen, in denen träge der Müll schwimmt, überall Kinder, Hunderte, Tausende, viele von ihnen sind hier geboren und haben in ihrem Leben nichts anderes gesehen. Frisches Trinkwasser gibt es nur aus Gemeinschaftsbrunnen, zu denen man hunderte Meter laufen muss, gleiches gilt für eine Dusche oder eine saubere Toilette. In der Hitzeperiode mit 35 bis 40 Grad wird es unter den Zeltplanen unerträglich heiß. In der alljährlichen Monsun-Zeit steht der Schlamm bis zu den Knien in den armseligen Bretterverschlägen. Und wenn erst ein Zyklon über das Lager und seine zusammengebastelten Behausungen hereinbricht? "It would be a desaster" – "es wäre ein Desater", sagt Karen Reidy, eine Irin, die hier für UNICEF arbeitet, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen.

Zwei kleine Mädchen im größten Flüchtlingslager der Welt

Zwei kleine Mädchen im größten Flüchtlingslager der Welt

Wie Aussätzige der Völkergemeinschaft

Im mehrheitlich buddhistischen Myanmar wurde die muslimischen Minderheit verfolgt, die Häuser der Rohingya wurden abgebrannt, viele Männer getötet, die Frauen vergewaltigt, die Kinder misshandelt, hunderte Rohingya wurden erst von Schlepperbanden ausgebeutet und dann auf dem offenen Meer hilflos sich selbst überlassen. Die Uno spricht von "ethnischer Säuberung" und stuft die Rohingya als die "am stärksten verfolgte Minderheit der Welt" ein. Allein nach der letzten großen Vertreibungsaktion des Militärs von Myanmar im August 2017 flohen über 600.000 Rohingya nach Bangladesch – und das in nur zwei Monaten.

Und jetzt sitzen sie hier, im Dreck von Kutupalong. Myanmar will sie nicht zurücknehmen, Bangladesch sie nicht dauerhaft behalten. Sie werden behandelt wie Aussätzige der Völkergemeinschaft. "They can’t move vorward, they can‘t move back."

Der Minister aus Deutschland will sich ein Bild von der Lage machen, wie es so schön bei Politikern heißt, Gerd Müller sagt: "Ich gehe da grundsätzlich immer dahin, wo es wehtut." Er spricht mit vergewaltigten Frauen, er verteilt Fußbälle an die Jungs im Camp und versichert Ihnen: "Ihr seid nicht vergessen. Es gibt eine Zukunft für Euch." Alle lächeln, auch die Erwachsenen, die drum herumstehen: so hoher Besuch, endlich mal Abwechslung und dann noch die Fußbälle. Vielleicht hat das Lächeln der Bewohner von Kutupalong auch mit Würde zu tun. Wer lächelt, hat sich noch nicht aufgegeben. Wer lächelt, ist noch Mensch und nicht Tier.

Ventilator wird zum Privileg 

Auch Hamid Hussein, 30, lächelt, er sitzt vor seiner Hütte und bittet uns freundlich herein. Im Innern ist es dunkel, er zeigt die Isomatten, auf denen er, seine Frau Anuara Beghum und die Kinder, zwei Mädchen im Alter von sieben und vier Jahren, die Nächte verbringen. Zwei kleine Kammern, dazu noch ein winziger Nebenraum mit einem Gaskocher, zusammen vielleicht 30 Quadratmeter: Das ist jetzt das Zuhause der kleinen Familie. Zum Glück hat er einen Ventilator gegen die unerträgliche Hitze, das ist hier ein großes Privileg. In Myanmar verdiente Hussein gutes Geld als Markthändler, er hatte ein richtiges Haus, bis man es ihm wegnahm. Er würde gerne in sein altes Leben zurück, aber ob es jemals einen Weg dorthin gibt, das weiß er nicht.

Der Entwicklungsminister aus Deutschland bebt vor Zorn, als er bei seinem Rundgang eine kurze Pause macht. Müller spricht von einer Tragödie, er nimmt sogar, gegen jede diplomatische Vorsicht, das schwer kontaminierte Wort von der "ethnischen Säuberung" in den Mund. "Die Weltgemeinschaft weiß das, aber sie schreitet einfach nicht ein. Das ist etwas, was wir nicht akzeptieren können." Er fordert Wirtschaftssanktionen gegen Myanmar und will die Entwicklungshilfe für das Land jetzt aussetzen.

Frauen in bunten Gewändern legen weiße Schuhsohlen auf ein Fließband zwischen ihnen

Gesetze der globalen Aufmerksamkeitsökonomie

Aber die Gesetze der globalen Aufmerksamkeitsökonomie sind unerbittlich. Wir sind alle Charlie Hebdo und ein paar Wochen später sind wir alle Rohingya und dann ist es uns auch schon wieder egal. Hinzu kommt, dass sich die Tragödie der Rohingya den üblichen Kategorien entzieht.  Muslime, die verfolgt werden? Und dann noch von einem Land, in dem Aung San Suu Kyi Präsidentin ist, die Freiheitsheldin mit dem Engelsgesicht? Buddhisten, die eine Minderheit verfolgen, wo die doch immer so sanft daherkommen, dass viele im Westen denken, es handle sich dabei nur um eine flauschige Wellness-Religion.

54 Prozent der Bewohner von Kutupalong sind unter 18 Jahren. Sie haben ihr Leben eigentlich noch vor sich. Eigentlich. Viele sitzen apathisch vor ihren Hütten oder auf Lehmhügeln herum. Wir sehen bei unserem Besuch aber auch andere, in einem "cash-for-work"-Programm finden einige Arbeit und etwas Lohn, wir sehen Flüchtlinge, die im Lager die holprigen Wege ausbessern, andere versuchen, einen der Abwasserkanäle vom zähen, schmutzig-schwarzen Schlamm zu befreien.

Wir hören aber auch Berichte über Drogenhandel im Lager und zunehmender Prostitution. Die Geduld der einheimischen Bevölkerung von Bangladesch schwindet, erzählt unser Fahrer. Die Rohingya waren anfangs willkommen, aber die Hilfsleistungen, die sie empfangen, wecken Neid im Aufnahmeland. Es gab bereits erste Demonstrationen und Übergriffe aus Hilfsorganisationen, die für das Lager arbeiten. Niemand weiß, wie lange die Rohingya hier noch sicher sind.

Zwei kleine Jungs im Lager: 54 Prozent der Bewohner von Kutupalong sind jünger als 18 Jahre 

Zwei kleine Jungs im Lager: 54 Prozent der Bewohner von Kutupalong sind jünger als 18 Jahre 

"Fast jeder hier hat eine persönliche Geschichte zu erzählen", sagt Shairose Mawji aus Bangladesch, die für UNICEF im Lager ein Kinderschutzzentrum leitet. "Und es sind keine schönen Geschichten." Viele Kinder seien von dem, was sie auf Flucht und Vertreibung erlebt hätten, schwer traumatisiert. Aber die kleinen Bewohner von Kutupalong sprechen nicht gern über das, was sie erlebt haben. Shairose Mawji lässt sie daher Bilder malen. Oft malen sie brennende Häuser oder Männer mit Gewehren.

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