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Berlin vertraulich! Merkel sitzt im falschen Zug


Angela Merkel fährt diese Woche von Bonn über Leipzig nach Berlin. Im gleichen Express, den einst Adenauer benutzte. Bei dieser symbolischen Wahlkampfaktion hätte sie besser den Wagen genommen, mit dem Willy Brandt 1970 nach Erfurt gereist ist.
Von Hans Peter Schütz

Auf den Tag genau 60 Jahre nach der Wahl des "Alten" zum Bundeskanzler will Angela Merkel am 15. September dokumentieren, dass sie politisch auf der Schiene Adenauers fährt. Historisch betrachtet taugt der einstige "Rheingold-Express" des ersten Kanzlers, mit dem sie nun von Rhöndorf über Bonn und Leipzig nach Berlin fährt - weil diese Stationen die Wiedervereinigung symbolisieren sollen - überhaupt nicht. Denn Tatsache ist, dass Adenauer in Sachen Deutschlandpolitik und Wiedervereinigung ganz gewiss kein Vorbild sein dürfte. Ihm ging die Westbindung stets über die Einheit. Und er war auch dagegen, das "heidnische" Berlin wieder zur Hauptstadt zu machen.

In Erfurt hat Merkel nur einen kurzen Halt eingeplant. Sie hätte die thüringische Landeshauptstadt jedoch zu Endstation machen sollen. Es wäre das bessere Symbol gewesen. Und dorthin hätte die Kanzlerin in jenem Salonwagen fahren müssen, in dem 1970 Willy Brandt zu Willi Stoph, Vorsitzender des DDR-Ministerrats, gefahren ist. Tausende Erfurter durchbrachen damals die Polizeikette vor dem Hotel "Erfurter Hof" und riefen "Willy, Willy" bis sich Brandt vorsichtig am Fenster eines Eckzimmers im ersten Stock zeigte und mit seinen Händen um Zurückhaltung bat.

Aus diesem Erlebnis hat Brandt die Kraft zu seiner Politik der Öffnung der Bundesrepublik für die neue Ostpolitik und zur Annäherung gegenüber der DDR geschöpft, gegen die die CDU dann noch ein Jahrzehnt lang opponiert hat. Im März 1990 ist Brandt dann noch einmal im gleichen Salonwagen nach Erfurt zurückgekehrt, wo die Wiedergewinnung der Einheit ihren Anfang nahm. Ganz ohne Adenauer, seine CDU und seinen Zug.

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Was wählen die SPD-Bundestagsabgeordneten bei der Bundestagswahl? Nicht in jedem Fall SPD. Wer sich etwa erkundigt bei den Genossen, hört überraschende Geständnisse, vor allem bei Abgeordneten, die jetzt den Bundestag verlassen. "Ich wähle Linkspartei!" Bei Abgeordneten aus Baden-Württemberg gehört ein zweiter Satz oft zu diesem Geständnis: "Trotz Uli Maurer."

Begründet wird von diesen Abweichlern das Votum oft mit der baden-württembergischen SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt. Sie sei eine Zumutung. Maurer dagegen, einst SPD-Chef in Baden-Württemberg, heute Parlamentarischer Geschäftsführer der Linkspartei im Bundestag, sei zehnmal so fähig wie Vogt. Doch leider spiele er jetzt im Bundestag in einer ganz anderen Liga. Maurer selbst zitiert, angesprochen auf den späten Trend zu seiner Person, ein Bibelwort: "So wird im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der sich bekehrt, als über 99 Gerechte, welche Buße nicht mehr nötig haben."

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Der CDU-Wahlkampf erreicht jetzt sein optisches Finale: Bundesweit wird groß Angela Merkel plakatiert. Die Botschaft ist politisch inhaltsleer wie gewohnt, aber eindeutig: "Wir wählen die Kanzlerin." Sie selbst wird im frühlingsgrünen Jacket präsentiert. Kann man sich störungsfreier zur Wahl anbieten? An sich nicht. Aber die deutsche Textilindustrie findet doch noch einen schweren modischen Makel: "Die Kleidung hat zu dicke Knöpfe." Und die CDU zu wenig Köpfe?

Die Textiler kommen in ihrer Fachzeitschrift "Textilwirtschaft" im übrigen zu einem insgesamt negativen Urteil übers Modebewusstsein unserer politischen Elite. 57 Prozent der Mode-Einzelhändler halten ihren modischen Auftritt für verbesserungsfähig. Als modischer Tabellenführer rangiert, natürlich, Wirtschaftsminister von Guttenberg (CSU). Auf Platz 2 liegt Guido Westerwelle (FDP). Familienministerin von der Leyen (CDU) gilt als bestangezogene Politikerin, Merkel rangiert auf Platz 7. Auf der 22 Politiker umfassenden Rangliste liegt Bundesinnenminister Schäuble (CDU) auf dem letzten Platz. Was den Schluss zulässt, dass die Modemacher keine Ahnung haben, wie schwierig es ist, im Rollstuhl auch noch modisch eine gute Figur zu machen.

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Der schärfste Zwischenruf in der Bundestag-Sondersitzung vergangener Woche gelang Finanzminister Peer Steinbrück. Der rief in Richtung Guido Westerwelle: "Sie schmeißen mit Steinen und versuchen, mir meine Klappe vorzuhalten, wo sie jemand sind, der selber 'ne Maulsperre braucht." Da versteht man, weshalb Steinbrück liebster SPD-Mann Merkels ist. Der kann Sachen zum FDP-Chef sagen, die sie nur denken darf.


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