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Berlin vertraulich!: Silvana Superstar

Sie ist die attraktivste Kandidatin aller Parteien für das Europaparlament: Silvana Koch-Mehrin. Eine Frau, die es versteht, sich zu vermarkten. Mit der Marke FDP klappt es allerdings weniger gut. Und auch im Europaparlament hat sie sich mit einem "Schmuddelthema" keine Freunde gemacht.

Von Hans Peter Schütz

Küsschen gab es reichlich für Silvana, mal links, mal rechts. Und obendrein Blumen, FDP-gelbe natürlich, von Parteichef Guido Westerwelle, natürlich mit FDP-blauer Krawatte dekoriert. Das Ergebnis auf dem FDP-Europaparteitag am Samstag in Berlin stimmte. Die Liberalen ziehen mit der Vorsitzenden der FDP-Fraktion im Europaparlament, Silvana Koch-Mehrin, als Spitzenkandidatin auf der Bundesliste in die Europawahl.

526 Delegierte (95,9 Prozent) gaben ihr die Stimme. Sie ist mit Abstand die attraktivste Kandidatin aller Parteien fürs Europaparlament. 1,84 Meter groß, und dann stöckelt sie auch noch in ganz hohen Schuhen einher - da überragt die 38-Jährige jeden. Drei Töchter hat sie mit ihrem irischen Lebensgefährten, im stern enthüllte sie während der ersten Schwangerschaft ihren Babybauch, und Kickboxerin ist sie auch noch. Silvana Superstar.

Eine die sich darauf versteht, sich selbst glänzend zu vermarkten. Mit der Marke FDP kann sie es weniger gut, murren allerdings viele in der FDP, nicht nur die Männer. Welches Europa-Thema hat sie eigentlich?, knurrten manche Delegierten auf dem Europaparteitag hinter vorgehaltener Hand. Was ist denn ihre Botschaft? Doch nicht ihr Geschimpfe, dass Brüssel die Glühbirne aus ökologischen Gründen verbieten will?

Seither empfindet Koch-Mehrin "besondere Gefühle" für das Leuchtmittel. Noch mehr zucken viele in der FDP zusammen, wenn Koch-Mehrin, wie jetzt in Berlin, wieder einmal den "Reisezirkus" zwischen Brüssel und dem Parlament in Straßburg beklagt. Zwölf Wochen im Jahr sitze man in Straßburg, 29 in Brüssel. 200 Millionen Euro im Jahr koste die Rumreiserei. Das überlagere das Ansehen Straßburgs. Von wegen. Rufschädlich für die Stadt im Elsass war vor allem das Gerede Koch-Mehrins. In Straßburg, so plauderte sie, wimmele es nur so von Prostituierten, die immer Hochsaison hätten, wenn die Europaabgeordneten dort tagten. Viele handelten nach dem Motto "Hier kennt mich keiner, hier kann ich machen, was ich will." Natürlich erregte der Vorwurf, die Europaabgeordneten förderten die Prostitution, die Kollegen Koch-Mehrins. "Wer an politischen Themen nichts zu bieten hat, muss auf solche Schmuddelthemen aufspringen", rügte der deutsche SPD-Abgeordnete Martin Schulz. Noch härter attackierte der bayerische CSU-Spitzenmann bei der Europawahl, Markus Ferber. Wer im Brüsseler Villenviertel statt bei den Wählern wohne und in den Ausschüssen meist fehle, habe kein Recht die Arbeit von Kollegen in den Dreck zu ziehen.

Was alle Abgeordneten erbittert (und manche amüsiert): Seit den Vorwürfen von Koch-Mehrin werden sie von Besuchern oft gefragt, wie schön es denn sei, in "StrapsBurg" zu arbeiten. Die FDP-Abgeordnete hat sich inzwischen zwar für ihre "überspitzte" Wahrnehmung der Stadt entschuldigt. Ihr Ansehen im Europaparlament hat sie damit nicht gebessert. Beschwerdebriefe aus Brüssel wurden sogar an die FDP-Führung in Berlin geschickt. Die Dame beschäftige sich vor allem mit "Selbstdarstellung" heißt es darin, nicht mit Politik.

Ein weiteres Ärgernis: Parteiamtlich gilt die FDP-Spitzenkandidatin als Baden-Württembergerin, womit der aussichtsreichste Platz auf der Bundesliste dem FDP-Landesverband angerechnet wird. Tatsache aber ist, dass sie aus Nordrhein-Westfalen kommt und von ihren Wählern im "Ländle" so gut wie nie gesehen wird. Koch-Mehrin ist den Schwaben vor der Europawahl 2004 in einer dubiosen innerparteilichen Operation von Westerwelle und dem früheren baden-württembergischen Landeschef Walter Döring als Landsmännin untergeschoben worden. Manche sagen auch "aufgeschwätzt worden." Dabei hatte sie nur kurz in Heidelberg studiert. Immerhin hat ihr inzwischen ein echter Schwabe, der stellvertretende Chef der Landes-FDP Michael Theurer und ebenfalls Europakandidat der Liberalen ein Kompliment gemacht: "Die Frau ist nicht so blond, wie sie aussieht." Die CDU-Europaabgeordnete Inge Gräßle kommentiert Silvana weniger charmant. Zuweilen seien auch schon Popstars wegen der Optik hoch gemanagt worden, "die nicht singen konnten." Das erlebe man jetzt auch in der Politik.

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Interessant ist die FDP-Liste zur Europawahl auch aus anderem Grund. Auf Platz 2 wurde Alexander Graf Lambsdorff gewählt, ein Neffe von Otto Graf Lambsdorff. Auf Platz 3 Jorgo Chatzimarkakis. Wolf Klinz bekam Listenplatz 4, Gesine Meißner Platz 5, Alexander Alvaro Platz 6, Holger Krahmer Platz 7. Auf Listenplatz 8, der noch aussichtsreich sein dürfte, wird Theurer in den Wahlkampf ziehen. Nur bei flüchtiger Betrachtung kann das als faire regionale Aufteilung durchgehen. Denn von den acht Kandidaten kommen vier per Geburt bei näherem Nachsehen aus Nordrhein-Westfalen, wo Westerwelle das Sagen hat: Koch-Mehrin, geparkt in Baden-Württemberg, Graf Lambsdorff (offizieller NRW-Vertreter), Jorgo Chatzmarkakis (geparkt bei der saarländischen FDP) und Alexander Alvaro (offiziell platziert auf der Liste als Vertreter der Jungen Liberalen). Das ist eine von vielen in der FDP mit Ärger betrachtete ausgeprägte regionale Schieflage.

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Politisch nichts mehr zu hören ist vom bayerischen SPD-Abgeordneten Otto Schily, mit 76 Jahren ältester Volksvertreter im Bundestag. Er tritt bei der nächsten Wahl ja auch nicht mehr an. Gut unterhalten hat er die Polit-Szene rund ums Bundeshaus jetzt allerdings mit einem Interview in der Bundestag-Wochenzeitung "Das Parlament." Dass er einst mit Rudi Dutschke auf der Straße gegen die so genannten Notstandsgesetze demonstriert habe, sei falsch gewesen, räumte Schily in einem seiner seltenen selbstkritischen Momente ein. "Wir waren auf dem Holzweg." Noch ein Geständnis des SPD-Seniors: "Der Otto Schily der 50er Jahre war in seinem Weltbild viel begrenzter, als er das heute ist." Na ja, einige in der bayerischen SPD sehen das genau anders herum.