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Die SPD nach der Wahl: Es war einmal ... Franz Müntefering

Er sollte einer der besten Wahlkämpfer der Republik sein. Ist er nicht. Dass Franz Müntefering nach dem Wahldebakel nicht schon weggespült wurde, hat nur einen Grund: Die SPD ist in der Schockstarre.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Es war einmal ein Mythos: der Mythos vom Superwahlkämpfer Franz Müntefering. Vom Mann, der aussichtslose Situationen in Siege verkehren kann oder wenigstens in gefühlte Siege. Der immer behauptet hat: Wahlkampf können wir. Dieser Mythos ist dahin. Ach, was heißt dahin? Er ist pulverisiert.

Sicher, das Desaster des heutigen Wahlabend ist nicht allein seine Schuld. Es ist auch ungerecht, wenn man nur auf die Arbeit der SPD in der Großen Koalition blickt. Ginge es allein darum, hätte die SPD weit besser abschneiden müssen. Aber Wahlen sind kein Dank für die Arbeit der Vergangenheit. Sie sind Boni auf die Zukunft. Und SPD und Zukunft - diese Paarung existiert für die Deutschen offenkundig nicht mehr.

Auch das gehört zur Bilanz, die man am Ende der Zeit des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering ziehen wird. Diese Bilanz ist verheerend. Seit 1998, als das Zugpferd Schröder die Menschen in Scharen zur Sozialdemokratie zurückholte, hat die SPD zehn Millionen Wähler verloren. Zehn Millionen! Von der damals umworbenen und gewonnenen Neuen Mitte ist nichts mehr übrig geblieben. Nur eine neue Leere.

Ein Drittel der Mandate weg

Ein Minus von elf Prozent von einer Bundestagswahl zur anderen, die Fraktion um ein Drittel dezimiert, das hat in der Geschichte der Bundesrepublik noch keine Partei geschafft. So gesehen, ist das Wirken von Franz Müntefering tatsächlich historisch. Dafür hätte man Kurt Beck nicht wegputschen müssen.

2005 war die SPD eigentlich schon oppositionsreif. Sie hat sich, noch ein letztes Mal mit Hilfe des Wahlkampftieres Gerhard Schröder, in die Große Koalition gerettet. Auf Augenhöhe mit der Union, wie Müntefering immer betonte. Er hat sie hineingeführt und als Vizekanzler angeführt. Vier Jahre später sind die Sozialdemokraten mit der politischen Konkurrenz nur noch auf Bauchnabelhöhe. Volkspartei mag man sie kaum noch nennen.

Die Wähler haben ihr die durchaus erfolgreiche Arbeit in der Großen Koalition nicht gedankt. Weder die Rettung von Banken (was linke Wähler nun wirklich nicht so ohne weiteres dankenswert finden) noch die Rettung von Arbeitsplätzen. Sie haben nur übel genommen. Und sie haben ihr nicht mehr geglaubt: Nicht einmal mehr, dass Schwarz-Gelb eine andere Republik bedeutet.

Furchterregender Zustand der SPD

Schwarz-Gelb zu verhindern, das war am Ende das einzige Wahlziel, das die SPD überhaupt noch hatte. Das ist erbärmlich wenig. Wer gewählt werden will, muss mehr anbieten. Aber Münteferings SPD hatte nichts mehr. Keine Kandidaten mit Charisma und Siegchancen. Keine Machtperspektive. Und auch keinen Plan.

Es ist keine Schande, abgewählt zu werden. Nach elf Jahren Regierung ist das meisten sogar nötig. Es tut einem Land nicht gut, wenn es zu lange von einer Partei regiert wird. Es tut übrigens auch dieser Partei nicht gut. Die Union und die FDP haben diese Lektion schon gelernt.

Eine ganz andere Sache ist es allerdings, in welchem Zustand man in die Opposition wechselt. Der Zustand der SPD ist genauso furchterregend wie das Wahlergebnis: Sie weiß nicht, wohin sie will. Sie weiß nicht, mit welchem Partner. Und sie weiß nicht, mit welchem Personal.

Die Diskussion über Müntefering wird kommen

Es ist ein Wunder, dass Franz Müntefering die ersten Stunden nach dieser Katastrophe im Amt überlebt hat. Normalerweise übernimmt man nach solchen Wahlergebnissen von sich aus die politische Verantwortung und tritt zurück - oder man wird zurückgetreten. Dass es ihn nicht sofort hinweggefegt hat, hat zwei Gründe: Es drängt sich kein Nachfolger auf, der eine stabile Mehrheit hinter sich brächte.

Und, der zweite und weit entscheidendere Grund: Die SPD hat noch schlechter abgeschnitten, als die Genossen in ihren albtraumhaftesten Träumen gefürchtet haben. Sie befinden sich in Schockstarre. Aber irgendwann wird dieser Schock auch nachlassen. Und dann wird die Diskussion über Müntefering beginnen. Über den Mann, der den Parteivorsitz erst abgab, weil er Andrea Nahles nicht als Generalsekretärin ertragen wollte, dann seine beiden Nachfolger - Matthias Platzeck und Kurt Beck - zermürbte oder zumindest dabei half und dann, zum zweiten Mal als Parteichef gewählt, den Untergang nicht aufhielt, sondern beschleunigte.

Wahrscheinlich beginnt diese Diskussion schon morgen.

Wir werden auch die Krise überstehen, betet Frank-Walter Steinmeier, der nun Oppositionsführer, aber offenbar noch nicht Parteichef werden will, nun mantrahaft herunter. Man kann es der SPD nur wünschen. Vorstellen kann man es sich im Moment noch nicht. Jedenfalls nicht dauerhaft mit diesem Vorsitzenden.