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Dieter Althaus in Thüringen: Wahlkampf der Geisterfahrer

Ministerpräsident Dieter Althaus eine Woche vor der Thüringen-Wahl: Ihm droht nicht nur der Verlust der absoluten Mehrheit, sondern sogar die Opposition. Doch er findet nicht in den Kampf.

Von Hans Peter Schütz

Der Mann nimmt die Blondine auf der Bühne in die Arme. Küsst sie links, küsst sie rechts. Und schwärmt sie an: "Schön, dass du da bist und für Stimmung sorgst!" Die Blondine greift zum Mikro, schmachtet den Mann mit Augenaufschlag ebenfalls an, verspricht ihm "dein Lieblingslied" und singt "Simply The Best". Und jubelt nach dem letzten Ton: "Das wünschen wir unserem Ministerpräsidenten."

Die vielleicht 150 Menschen an den Biertischen zu Füssen der Bühne auf dem Marktplatz zu Füßen von Schloss Sonderhausen klatschen vier Sekunden. Ob für Dieter Althaus oder ob für Gerda Gabriel bleibt offen. Vermutlich für die Gerda, denn die kennen sie schon länger. Mal als Rockröhre, mal als Volksmusikantin, aus den Zeiten des "Bong", der DDR-Hitparade und natürlich als Sängerin des Liedes "Heimweh nach Thüringen," der heimlichen Landeshymne.

Rücksturz ins politische Nichts

Die Thüringer lieben ihre Gerda. Nach der Wende wie davor. An ihren Dieter Althaus, der erst nach der Wiedervereinigung auf die Bühne kam, die politische, müssen sie sich offenbar immer noch gewöhnen. Oder sind sie ihn vielleicht schon wieder leid nach gut sechs Jahren auf dem Stuhl des Ministerpräsidenten in Erfurt?

Die Umfrage, die Althaus an diesem Tag serviert wird, lässt ihn jedenfalls ziemlich schmallippig werden. Nur noch 34 Prozent wollen seine CDU bei der bevorstehenden Landtagswahl wiederwählen. Eine schlimme Nachricht für den Mann, der vor fünf Jahren noch 43 Prozent kassierte und damit die absolute Mehrheit einfuhr, weil nur drei Parteien ins Landesparlament kamen. Jetzt droht ihm sogar ein Rücksturz ins politische Nichts der Opposition. Denn für eine bürgerliche schwarz-gelbe Koalition reicht es in dieser Infratest-Dimap-Umfrage auch nicht. Nur 9 Prozent für die FDP. Die SPD rangiert bei 20, die Linkspartei bei 24 und die Grünen bei 6 Prozent. Rot-Rot-Grün wäre locker möglich.

Unübersichtlicher Sandkasten im Kindergarten

Theoretisch. Die Thüringer Blätter beschreiben die politische Zukunft des Landes allerdings eher als sehr unübersichtlichen Sandkasten im Kindergarten. Zwar könne der Bodo gut mit dem Christoph, aber der will nur mit Bodo spielen, wenn der nicht das größte Schäufelchen verlangt. Der Uwe will zwar gemeinsam mit dem Dieter Förmchen füllen, aber nur, wenn er mindestens die Hälfte davon bekommt. Astrid wiederum kann den Dieter nicht ab und mit Bodo spielt sie nur, wenn Christoph die Regeln bestimmt. Und der Dieter würde, wenn er nur könnte, am liebsten ganz alleine seine Sandburg bauen.

Die koalitionspolitische Ausgangslage im Klartext: Wenn es nicht wieder zur absoluten Mehrheit für die CDU reicht, was als völlig ausgeschlossen gilt, will Dieter Althaus mit der FDP und derem Spitzenkandidaten Uwe Barth koalieren; aber nur, wenn die Liberalen nicht gleich vier und damit die Hälfte der Ministerposten im Kabinett fordern. Christoph Matschie wäre mit seiner SPD zu einem Bündnis mit der Linkspartei unter der Führung von Bodo Ramelow bereit, doch dann müsse der Linke auf den Posten des Regierungschefs verzichten, selbst dann, wenn die Linken mehr Stimmen als die Genossen hätten. Ob die Linkspartei da mitmacht, ist ungewiss. Ramelow lässt rätseln. Und die grüne Führungsfrau Astrid Rothe-Beinlich lehnt einen Ministerpräsidenten Althaus ebenso rigoros ab wie einen Regierungschef Ramelow, würde aber mit SPD und Linkspartei paktieren, wenn die SPD den Koalitionschef stellt.

Ein Wahlkampf der Verrenkungen

"Herr Ministerpräsident, wie sehen Sie die Lage im thüringischen Sandkasten?" Althaus zu stern.de: "Die jüngste Umfrage ist ein Motivationschub für die CDU." stern.de: "Wir interessieren uns für die Koalitionsfrage." Althaus: "Wir wollen eine klare Gestaltungsmehrheit." Was das heißt? Althaus: "Mehr als SPD und Linkspartei zusammen." Und falls es mit der FDP nicht reicht, kommt dann auch eine große Koalition in Frage, die von der SPD nicht ausgeschlossen wird? Althaus zu stern.de: "Ohne uns geht es nicht. Ich bleibe Ministerpräsident!"

Das schließt nichts aus. In Thüringen ist alles möglich, fast alles. Ein Wahlkampf der Verrenkungen läuft. Die SPD schimpft Althaus einen "politischen Geisterfahrer." Aber das ist hier kein Alleinstellungsmerkmal. Wo genau die Beteiligten hinwollen, wissen sie wohl selbst noch nicht. Außer an die Macht natürlich.

Nichts schäumt, außer in den Biergläsern

Auf dem Sonderhausener Marktplatz, über sich die mächtige Schlosskulisse, wo 800 Jahre lang die Grafen und Fürsten von Schwarzburg opulent residierten, erfahren die Menschen an den Biertischen keine Silbe Klarheit. Ein bisschen vermag Gerda Gabriel sie mit ihren Songs aufzuheitern. Aber nichts schäumt - außer den Biergläsern. Vor ihnen steht ein fast schon dürrer Mann im grauen Anzug und macht Wahlkampf. Begrüßt den Bürgermeister, "meinen Freund Joachim." Begrüßt den Landrat, "meinen Freund Peter." Begrüßt "meinen Freund Johannes", den lokalen CDU-Bundestagsabgeordneten.

Was will er denn nun politisch, dieser Mann, der da immer mal wieder mit seinem Schlips ein wenig herumwedelt, den das thüringische Wappen schmückt? Er blickt vor allem zurück. "Es geht bei dieser Wahl darum, dass wir das Erreichte bewahren." Also werde es keine Änderung der thüringischen Schulstrukturen geben, sagt der Mann, der vor der Wende selbst als Mathematiklehrer gearbeitet hatte. "Unsere Bildungslandschaft ist deutschlandweit hoch anerkannt", ruft der Mann, der sich damit selbst lobt, war er doch zuvor auch schon mal Kultusminister. Dann sagt er: "Ich kenne und liebe dieses Land bis in die Westentasche hinein."

Die verschwiegene Krise

Jetzt schlendern die ersten Zuhörer zum Bratwurststand. Sie verpassen nichts. Außer dass dieser Mann ihnen zuruft: "Dieses wunderbare Land." "Diese wunderbaren Buchenwälder." "Diese wunderbare Wirtschaft." Dass auch in Sondershausen die Arbeitsplätze weg brechen, weil die Zulieferer der Autoindustrie in der Krise sind, erwähnt Althaus nicht. Dann singt er mit Gerda und einem kleinen Mädchen ein Liedchen mit dem Text "Ich bin so stolz, dass ich im Herzen Deutschlands lebe." Und Gerda bewundert ihn: "Ich staune, wie du das konditionell durchhältst."

Dann wandert Althaus durchs Publikum über den Marktplatz, gibt Autogramme, lässt sich fürs Familienalbum knipsen, tätschelt Schultern und malt Herzchen in die CD "Thüringen, das sind wir", die seine Helfer verteilen. Ab und an bittet er um eine "klare Gestaltungsmehrheit", wozu, sagt er nicht. Inhaltsleerer kann ein Wahlkampf nicht sein. Andere Parteien kommen namentlich in seinem Mund nicht vor, das sind allenfalls "politische Mitbewerber."

Kein Angreifer mehr

Dieser Dieter Althaus ist kein Angreifer mehr. Er wirkt, als stünde er neben sich und versuche, sich an den zu erinnern, der er einmal war. Er lächelt, als müsse er sich dazu überwinden. Begleitet ihn noch immer die Erinnerung an die Frau, deren Tod er beim Skifahren verursacht hat? Oder lässt er sich von dieser Tragödie auch absichtlich im Wahlkampf begleiten, indem er sie immer wieder in Interviews thematisiert? Will er auch auf diesem Wege Stimmen sammeln? Jedenfalls redet er mehr darüber als seine politischen Konkurrenten.

Auf Fragen, wieweit hier auch Selbstinszenierung läuft, reagiert Dieter Althaus schmallippig. "Quatsch", sagt er zu stern.de. "Ich beantworte in den Medien doch nur Fragen, die mir Journalisten stellen." Dass diese Interviews von ihm dann aber Satz für Satz genehmigt werden müssen, dazu sagt er nichts.

Schmerzhafte Kritik

Auf seinem Schreibtisch in der Thüringer Staatskanzlei liegt ein Brief. Darin will Annemarie Wiemer wissen, weshalb auf dem "Grab der verunglückten Frau ein Kranz mit einer Schleife der 'thüringische Ministerpräsident' prankte." Glaube er denn wirklich, dass es der Familie helfe, "dass der thüringische Ministerpräsident die Frau zu Tode gefahren hat?" Frau Wiemer bedauert es sehr, wie Althaus "das schlimme Schicksal einer anderen Familie, für das er die Verantwortung trägt, in Wahlkampfzeiten und zu Wahlkampfzwecken instrumentalisiert."

Annemarie Wiemers Kritik müsste Althaus schmerzen. Sie ist seit vielen Jahren CDU-Mitglied und Ministerialdirigentin im sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit.

  • Hans Peter Schütz