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Kanzler-Duell: Überraschungserfolg für Steinmeier

Herausforderer Frank Walter Steinmeier hat sich nach Zuschauerumfragen überraschend gut gegen Angela Merkel geschlagen. Ein echtes Duell lieferten sich die beiden indes nicht.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat nach einer ersten ZDF-Umfrage in dem Fernsehduell besser abgeschnitten als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bei einigen Zuschauern hat Steinmeier offensichtlich die Nase vorn: In einer ersten Umfrage der ARD finden 45 Prozent Steinmeier überzeugender, nur 23 Prozent Merkel. Andere Umfragen sehen dagegen Merkel und ihren Herausforderer in einer Patt-Situation. So oder so: Steinmeiers Auftritt könnte den Wahlkampf am Ende noch einmal spannend machen. Mit 48 Prozent meinte fast jeder Zweite, Steinmeier habe besser abgeschnitten als erwartet. Nur 13 Prozent fanden ihn schlechter. Merkel übertraf die Erwartungen von nur zehn Prozent der Befragten. 24 Prozent meinten dagegen, sie sei schlechter gewesen als erwartet.

Das ist ein Überraschungserfolg für Steinmeier in einem ansonsten eher lahmen Konfrontation. Angela Merkel und Steinmeier hatten bei ihrem TV-Duell auf persönliche Attacken verzichtet. Zeitweise machte die Sendung den Eindruck von "Ehen vor Gericht." Dabei machte der Merkel-Herausforderer in der ersten Hälfte die beste Figur. Gleich bei der Beantwortung der ersten Frage setzte er auf Angriff. Es gebe "eine bessere Alternative" als Angela Merkel im Amt des deutschen Regierungschefs – "nämlich mich".

Der SPD-Außenminister sprach Merkel nicht als Kanzlerin an, sondern als "Kandidatin". Zumindest der Start des Duells fällt überraschend munter aus. Merkel wollte sich aber nicht auf einen direkten Schlagabtausch einlassen. Sie lobte die Arbeit der großen Koalition. in den vergangenen vier Jahren. "Die Große Koalition hat gute Arbeit gemacht", sagte Merkel. Steinmeier stimmte darauf in das Lob mit ein, wodurch die Auseinandersetzung sofort an Schwung verlor.

Das Moderatoren-Quartett Peter Kloeppel, Peter Limbourg, Maybrit Illner und Frank Plasberg gab sich alle Mühe, die beiden Kontrahenten in die Enge zu treiben Maybrit Illner sagte, sie würde es hier an die Sendung "Ehen vor Gericht" erinnern. Zwei, die sich trennen, aber nicht streiten wollen. In den ersten 15 Minuten kämpften Merkel und Steinmeier eher gegen die Moderatoren als gegeneinander. Die häufigste Äußerung beider war die Bitte, ungestört ausreden zu dürfen. Mit kurzen Zwischenfragen versuchten die Moderatoren, Merkel und Steinmeier aus der Reserve zu holen.

Patzig weist die 55-Jährige Merkel Sat1-Moderator Peter Limbourg zurecht. Die Frage, warum Steinmeier der schlechtere Kanzler wäre, mag Merkel nicht beantworten. Sie passt nicht zu ihrem Wohlfühl-Wahlkampf. Limbourg hakt nach, das sei doch nun ein Duell und kein Duett der bisherigen Großkoalitionäre. Doch Merkel blafft zurück: "Die Frage, was ein Duell oder ein Duett ist, überlassen wir mal den Zuschauern."

Differenzen wurden dann doch noch ausgemacht. Vor allem bei den Themen Mindestlohn, Managergehälter, Steuerpolitik und Atomausstieg. Der SPD-Spitzenkandidat wies auf die Versäumnisse hin: "An vielen wichtigen Stellen sind wir gescheitert, weil die CDU Vorschläge nicht mitgetragen hat", sagte der Vizekanzler. Als Beispiele nannte er die offene Mindestlohnfrage und Begrenzung von Managergehältern, die seiner Meinung nach von der Union zu zaghaft betrieben wird. Bestrebungen der Union, den Atomausstieg zu verzögern, erteilte Steinmeier eine klare Absage: "Ich halte den Rückweg in die Atomenergie ... für nicht verantwortbar und politisch auch für falsch", sagte er.

Der SPD-Spitzenkandidat warnte in dem Duell mehrfach vor einer schwarz-gelben Regierung, verzichtete aber trotz einiger Vorlagen der Interviewer darauf, Merkel persönlich anzugreifen oder mit Polemik gegen die Union in die Offensive zu gehen. Der SPD-Kanzlerkandidat ließ beispielsweise die Frage offen, ob er Merkel für eine "Marktradikale" halte. Das könne er nicht mit Sicherheit sagen, antwortete er auf eine entsprechende Frage. Auch die Kanzlerin blieb im Verlauf des Duells auf der sachlichen Ebene. In der derzeitigen Krise müsse aber "eine entschiedene Politik für mehr Arbeit" gemacht werden, sagte sie. Deswegen sei mehr Union in der Regierung notwendig.

Merkel verteidigte die von CDU und CSU geplanten Steuersenkungen gegen die Kritik Steinmeiers und stellte die Bewältigung der Wirtschaftskrise erneut als wichtigstes Wahlkampfthema heraus. Steinmeier nannte die Steuerpolitik Merkels unglaubwürdig. Um die von Union und FDP versprochenen Steuersenkungen zu realisieren, bräuchte man ein Wachstum von neun Prozent im Jahr, sagte er.

TV-Duell Merkel gegen Steinmeier - wer hatte aus Ihrer Sicht die Nase vorn?

Beim Thema Opel zeigten sich Merkel und Steinmeier einig. Beide stellten sich hinter die Magna-Lösung. "Hier ist einem Unternehmen, das tolle Autos baut, eine Chance gegeben worden", sagte Merkel. Auch Steinmeier erklärte, er sehe die Zukunft Opels zuversichtlich. Allerdings: Opel hätte unter einer Koalition aus Union und Liberalen nach seiner Meinung keine Überlebenschance gehabt. Unter Schwarz-Gelb wäre Opel "mausetot", sagte Steinmeier. Die Kanzlerin wies diese Darstellung zurück und machte deutlich, dass sich mehrere Landesregierungen aus Union und FDP um die Rettung von Opel verdient gemacht hätten. Sie verteidigte erneut das Vorgehen und den geplanten Verkauf von Opel an Magna und russische Investoren.

Merkel kritisierte scharf den Vertreter des Bundes in der Opel- Treuhand, Ex-Conti-Chef Manfred Wennemer. Dieser hatte gegen den Verkauf an Magna gestimmt und Opel keine Wettbewerbsfähigkeit bescheinigt. Merkel sagte dazu, sie glaube, dieser Experte habe die Aufgabe falsch verstanden. Er sei Treuhänder der Regierung gewesen.

In seinem Schlusswort appelliert Herausforderer Steinmeier an die Bürger, sie mögen eine Richtungsentscheidung treffen, gegen Schwarz-Gelb. Die Kanzlerin, die in dem akribisch ausgehandelten Ablaufplan das letzte Wort hat, hat am Schluss ihren präsidialen Ton wiedergefunden und ruft den Bürgern zu: "Gemeinsam können wir viel erreichen." Das klingt schon wieder irgendwie nach großer Koalition.

Auch wenn sich Merkel und Steinmeier im Verlauf der 90 Minuten Mühe zu mehr Konfrontation gegeben haben: Es blieb am Ende ein zahmes Gegeneinander. Die Zuschauer sahen es offenbar genauso: Nach Umfrage von Infratest gaben 94 Prozent der Zuschauer an, kein wirkliches Duell gesehen zu haben, sondern ein sachorientiertes Gespräch.