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Merkels Deutschlandtour: Nullwahlkampf im Nostalgiezug

Es sollte der Höhepunkt ihres Wahlkampfs werden: Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt mit Konrad Adenauers Rheingold-Express durch Deutschland. Doch einmal mehr wurde klar, dass die CDU dabei ist, sogar ihre eigenen Wähler einzulullen.

Von Sebastian Christ

Drei Banker stehen in faltenfreien Anzügen im Frankfurter Hauptbahnhof und essen Pommes. Der erste schaut sich um. Der zweite grinst. Und der dritte sagt: "In Offenbach war es voller, damals, als die Eintracht da war."

Sie warten auf die Kanzlerin. Angela Merkel fährt gleich mit dem Rheingold-Express ein. Und plötzlich ist da wieder dieses taube Gefühl: Die Bundesrepublik ist derzeit ein Land, das - politisch gesehen - nur durch Handschuhe tastet. Nach vier Jahren Großer Koalition scheint den Menschen egal, wer sie da besucht. "Wollen wir uns mal nach vorne durchdrängeln?", fragt einer der Anzugträger. "Nein, das ist nicht nötig. Wirst merken, wir sehen schon genug."

Adenauer war auch für Schwarz-Gelb

Als Angela Merkel um zehn vor eins mit dem blank polierten Nostalgiezug aus der Adenauer-Ära in die Bahnhofshalle einfährt, warten vielleicht hundert Menschen am Gleiskopf. Ein Passant schreit: "Was will ich? Was willst du? Das Verbot der CDU!" Sonst ist es friedlich.

Draußen stehen deutlich mehr Leute, wohl etwas mehr als zweitausend. Hier demonstrieren auch Aktivisten von Attac, einer Umweltschutzgruppe sowie der Linkspartei. Gastgeber Roland Koch nimmt ihnen bei seiner Anmoderation für Merkel den Wind aus den Segeln. "Und wir begrüßen auch die Demonstranten, auch das gehört in einer Demokratie dazu", gibt sich Hessens Ministerpräsident staatsmännisch. Die Demonstranten pfeifen und buhen zwar gewissenhaft, werden aber von der Mehrheit der anwesenden Unionsmitglieder niedergeklatscht.

"Warum mache ich diese Reise?", setzt Merkel an. "Um daran zu erinnern, dass Konrad Adenauer vor 60 Jahren zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde." Die Kanzlerin will ihren Wahlkampf in einen historischen Kontext setzen. Das ist eine nette Idee. Sie tourt mit der Familie Adenauer durch Deutschland. Libeth Werhahn-Adenauer, die Tochter des "Alten", ist auch mit auf der Bühne. Immer wieder verweist Merkel darauf, dass ja auch Adenauer sich 1949 bewusst für eine schwarz-gelbe Koalition entschieden habe.

Streifenwagen, Gleisänderungen, Verspätungen

Doch klare inhaltliche Ansagen blieb sie auch diesmal schuldig – obwohl sie so tut, als ob das nicht so sei. Ein Beispiel. Eine vom Merkels Lieblingswendungen, die sie in beinahe jeder Rede bringt, geht so: "Jeder muss Regeln beachten. Wenn sie ein Auto anmelden wollen, brauchen sie Tüv, dann brauchen sie eine Haftpflicht. Auch die internationalen Banken brauchen Regeln." Das finden dann jene gut, die sich Lehren aus der Finanzkrise erhoffen. Aber ein konkretes Versprechen steht noch nicht dahinter. Es ist eine Tendenzaussage.

Nach knapp einer Stunde setzt der Rheingold-Express seine Reise fort. Unterwegs wartet Polizei, überall, an jedem Bahnübergang steht ein Streifenwagen. Und wo immer Merkels Wahlkampftour Station macht, ärgern sich Fahrgäste in den Bahnhöfen über Gleisänderungen und Verspätungen.

"Das geht hier ja zu wie bei Margot Honecker"

Erfurt ist eine ehrliche Stadt, deren Farben pünktlich zur Einfahrt des Kanzlerinnenzuges in Waschbetongrau versinken. Die beige-rote Lokomotive gleitet durch wasserschwere Luft, in der nichts so recht strahlen will. Eine Luft, die Bilder tötet. Mit langem Sperrband haben Bahnangestellte einen Merkelkäfig auf den Bahnsteig gebaut. Drinnen dürfen sich nur Politiker und einige wenige Journalisten aufhalten, die auf den CDU-Tross warten. Aus den Lautsprechern scheppert eine Frauenstimme: "Am Gleis acht bekommt jetzt Einfahrt der Sonderzug Rheingold im Rahmen des Deutschlandtages der CDU. Zustieg nur für geladene Gäste.

Merkel steigt aus, schüttelt Hände, schreitet durch die Bahnsteigunterführung Richtung Haupthalle. Auf dem Weg nach draußen entscheidet sie sich, einer dunkelhaarigen Bäckereiverkäuferin die Hand zu schütteln. Die kann den Moment gar nicht fassen und geht im Augenblick danach so fassungslos auf ihre Kollegin zu, als hätte sie gerade eine Schönheitskonkurrenz gewonnen.

Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz warten etwa 500 Menschen. Auch die Umweltschutzaktivisten sind wieder da. Merkels Rede ist eine gekürzte Version ihrer Ansprache in Frankfurt, die bereits nach 15 Minuten zu Ende ist. Kaum mehr als eine halbe Stunde, nachdem der Expresszug in den Erfurter Hauptbahnhof eingefahren ist, macht sich Merkel wieder zurück zu ihrem Wagon.

Eine ältere Frau mit Kurzhaarschnitt möchte den Zug sehen, wird aber von einem baumlangen Bahnangestellten an der Absperrung zurück gewiesen. "Was? Ich soll meinen Ausweis zeigen? Das ist ja wie früher!", ärgert sie sich. "Aber ich habe diese Frau doch gewählt!" Einer ruft: "Dann wählen sie halt jemand anderen!" Sie sagt: "Das mache ich auch. Das geht ja hier zu wie bei Margot Honecker."

Kein Jubel, keine Parolen, keine Transparente

In Leipzig hält Merkel keine Rede. Sie wird direkt aus dem Bahnhof herausgeleitet, läuft durch die Innenstadt und besucht das Zeitgeschichtliche Forum in der Innenstadt. Noch in der Bahnhofshalle versucht ein Mann mit lautem Klatschen Stimmung für sie zu machen. Doch es hört sich wie das Klackern einer Murmel in einem endlos langen Gang an. Niemand macht mit.

Am Eingang des Zeitgeschichtlichen Forums stehen schließlich wohl um die 200 Menschen. Die meisten tragen Einkaufstüten. Sie haben Merkel nicht erwartet. Sie wurden von ihr und den zahlreichen Kamerateams überrascht. Die Kanzlerin dreht ein paar Pirouetten für das Fernsehen, dann geht sie zusammen mit Kanzleramts-Chef Thomas de Maizière in das Gebäude. Draußen bleiben jene übrig, die den Blick auf die Prominente verpasst haben. Es gibt keinen Jubel. Keine politischen Parolen. Keine Transparente. Nichts. Die Menschen halten ihre Fotohandys parat, so als könne ihnen im nächsten Moment genauso gut Paris Hilton oder Madonna vor die Linse laufen. Kein Wunder. Denn welche Themen vertritt diese Kanzlerin schon so konsequent, dass es ihre Themen wären? Für was könnte man sie schon feiern, außer für ihre pure Kanzlerschaft?

Berlin ist die Endstation. Um viertel nach acht trifft der Zug ein. Die Umweltaktivisten sind hinterhergereist, stehen vor dem Bahnhof. Merkel sagt kurz: "Euch sieht man ja auch überall". Dann steigt sie in ihre Limousine. Reiseschluss für heute.

Schon Minuten später sieht der Hauptbahnhof so aus, als hätte es nie einen Kanzlerinnenbesuch gegeben.