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Nichtwähler Germany's Next Merkel

Im Superwahljahr 2009 fürchten Merkel und Steinmeier vor allem eines: Nichtwähler. Wie kriegt man diese politikverdrossenen No-Future-Punks, denen alles bis auf den nächsten Gewinner von "DSDS" egal ist, an die Urnen? Wie wäre es mit einer Castingshow?
Von Sophie Albers

Natürlich wählen die Deutschen gern! Sei es das nächste Topmodel, der übernächste Superstar, das schönste Tor, der zickigste Kochlöffel-Promi oder auch der begabteste Känguruhhoden-Esser. Der Bürger ist dabei, votet, fiebert mit und hat definitiv eine Meinung. Nur wenn es um Politik geht, halten viele plötzlich lieber still. Bei der Bundestagswahl 2005 sind knapp 14 Millionen der Wahlberechtigten zu Hause geblieben. Ein Drittel davon war unter 30 Jahre alt. Eine echte "challenge" für die Möchtegern-Kanzler 2009.

Dass dem beliebten Wort Politikverdrossenheit in diesem Lande meist auch bald das Wort Jugend folgt, ist echt "ein competition" und ähnlich traurig wie die erste Runde bei "Deutschland sucht den Superstar". Indifferent sei der Nachwuchs, uninformiert und ablehnend eingestellt gegenüber seiner demokratischen Verantwortlichkeit, so die gängige Meinung. Und sowieso die meiste Zeit damit beschäftigt, Musik zu stehlen, Killerspiele zu spielen oder besagte "Superstars" rauszuwählen. Letzteres sei überhaupt das einzige Engagement der jungen Leute, schimpfte einst "Generation Golf"-Autor Florian Illies, altersjovial, ohne das Alter zu haben - und bekam dafür viel Applaus von den echten Alten.

Was bleibt einem da anderes übrig, als den "Jugendlichen" (verächtlich ausgesprochen à la Wolfgang Bosbach) einfach "ihre Wahl" zu geben, wenn sie es doch nicht anders wollen und können: Ab dem 19. Juni castet das gute alte ZDF in der Show "Ich kann Kanzler" neue politische Talente. Vier "unverbrauchte Gesichter mit frischen Ideen" dürfen der Jury - bestehend aus politischen Schwergewichten wie der Deutschen liebster Kanzler, wenn sie ihn denn wählen könnten, Günther Jauch, und Ladykracher Anke Engelke - beweisen, dass sie leidenschaftlich kämpfen können. Etwas, das in der aktuellen politischen Arena fehle, wie der etwas holperige Spot zur Sendung suggeriert. Doch wenn Politiker nur wieder aufs Pult schlagen und fluchen, so die Botschaft, wecke das bei den Wahlverschläfern die Lust, am 27. September doch den Hintern vom Sofa und ins Wahllokal zu hieven.

"Wahlkampfzentralen-Camp"

Nur SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat keiner Bescheid gesagt: Der versuchte ausgerechnet zum Wahlkampfauftakt mit der Aussage zu punkten, dass das Leben keine Castingshow sei. Kinder sollten lernen, dass es im Leben noch etwas anderes gebe, als Gewinner und Verlierer. Wir werden ihn daran erinnern, wenn Merkel die internationalen Glückwünsche entgegennimmt.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist aber auch schon in die Eisen gestiegen: Natürlich sei das "keine Castingshow nach Topmodelart". "Es werden keine Leute vorgeführt, die sich verbal nicht so fantastisch ausdrücken können". Es gehe ja schließlich um den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Also zurück zum Killerspiel, denn es wird doch wieder nur Politiker-Stadl anstatt "Germany's Next Merkel", "Big Kanzler" oder "Wahlkampfzentralen-Camp". Warum hat eigentlich noch keiner an ein "Pimp My Chancellor" gedacht. Oder, damit es schneller geht: "Dismissed from Bundestag".

"drama, baby"

Aber jetzt mal ehrlich: Wäre es nicht das Einfachste, die Nichtwähler einfach abzuschreiben? Dann wählen sie eben nicht. Wer nicht will, der hat schon! Sollen sie doch alle bei "Einer muss gehen" landen, der neuen Show des US-Senders Fox, in der Mitarbeiter eines Unternehmens entscheiden, wer in diesen harten Zeiten gefeuert wird.

Das Gute an solch einer Egal-Haltung der Wahl-Motivatoren wäre nämlich der darin enthaltene Mut aus Fatalismus. Dem entspringt ein letzter Vorschlag: Name der Show "You don't know what you've got, till it's gone". Ziel: Der Wähler muss sich die Berechtigung, ein Kreuz zu machen, überhaupt erst einmal verdienen. Erste "challenge": Finden Sie heraus, wie viele Menschen im Kampf um das Recht, wählen zu dürfen, ihr Leben lassen mussten. Das wäre wirklich mal "drama, baby".


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