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Parteien zur Europawahl: "Mach mir ein Mädchen"

Der Europawahlkampf treibt in Deutschland seltsame Blüten: Die SPD plakatiert "Finanzhaie" und die Linke wirbt mit einem kopulierenden Pärchen. Die Kampagnen wirken trotz Millionenetats bisweilen reichlich lieblos. Und Europa scheint die Parteien nur am Rande zu interessieren.

Von Sebastian Christ

Irgendwie muss man ja im Europawahlkampf auf sich aufmerksam machen. Und Sex geht immer. Irgendwie. So ähnlich dürften sich das auch die Verantwortlichen bei der Linken gedacht haben, als sie ihren Radiospot zur Europawahl geschaltet haben. "Ahhhh", "Ahhhh", "Ohhhh", schallt es jetzt regelmäßig aus den Empfängern der Republik. "Hoffentlich klappt es diesmal", sagt eine Frauenstimme - woraufhin ein Dialog zwischen zwei offensichtlich politisch interessierten Geschlechtspartnern beginnt, inwiefern Kinderwunsch und ideologische Orientierung von jungen Eltern miteinander zusammenhängen. "Ist das Kind ein Mädchen, tendieren die Eltern ganz deutlich nach links. Verstehst du? Die Solidarität, die soziale Sicherheit, die Gleichberechtigung.", sagt der Erzeuger in spe. Die Frau antwortet: "Ach ja, komm, mach mir ein Mädchen. Zwei, viele Mädchen." Der Mann: "Also, ab zwei Mädchen, stand im Internet, werden die Eltern fast schon linksradikal." Seiner Liebsten ist das schnuppe. Sie antwortet: "Ach, das ist mir jetzt auch egal. In Europa sollen Linke was zu sagen haben."

Ob man im Karl-Liebknecht-Haus schon einmal den grandiosen ersten Teil der Rocky-Saga gesehen hat? Der anfangs orientierungslose, junge Boxer Balboa muss sich von seinem Trainer Mickey sagen lassen: "Bumsen macht die Beine schwach". Und so wirkt der Sex-Spot der Linken - den der WDR nicht vor 22 Uhr ausstrahlen will - wie ein Versprechen ohne Wahl: Viel Geklingel um nichts. Aber damit steht die Partei der Oskar- und Gregor-Sozialisten nicht allein. Werbung für die Europawahl klingt im Krisenjahr 2009 entweder semipolitisch oder europabefreit. Es ist, als hätten die Parteien vergessen, worum es eigentlich geht.

CDU investiert zirka zehn Millionen

Die Wahl am 7. Juni gilt als erster Testlauf für die Bundestagswahl. Dementsprechend groß ist auch der Einsatz der Parteien: Die CDU will immerhin bis zu zehn Millionen Euro in ihre Kampagne stecken - das ist drei- bis viermal soviel wie bei einem durchschnittlichen Landtagswahlkampf. Die SPD hält sich bedeckt, was ihren Etat angeht. Er dürfte sich jedoch ungefähr auf dem Niveau von 2004 bewegen. Damals investierten die Sozialdemokraten neun Millionen Euro.

Besonders für die CSU wird es eng: Sie darf nur dann Abgeordnete nach Straßburg und Brüssel entsenden, wenn sie bundesweit über fünf Prozent liegt. Da sie aber nur in Bayern antritt, muss sie dort ihr Landtagswahlergebnis aus dem vergangenen Jahr um etwa drei bis vier Prozentpunkte steigern. Umso erstaunlicher, mit wie wenig Liebe der CSU-TV-Spot gestaltet wurde. Horst Seehofer steht als bajuwarischer Erklärbär vor der Kamera und hält mit erkennbarem Dialekt einen anderthalbminütigen Monolog darüber, warum Bayern unter CSU-Führung keine Angst vor Europa haben muss. Immerhin hat die CSU damit noch eine erkennbare europapolitische Botschaft. Aber die Kameraführung wirkt, als hätte der Pförtner der bayerischen Staatskanzlei selbst Regie geführt.

Wo ist Helmut Kohl?

Ganz und gar gefühlig kommt die große Schwesterpartei daher. Im Spot der CDU geht es vor allem um ein Wort: "Wir". Das prangt, schwarz-rot-golden unterlegt, auf Containern und Einkaufstüten. Eine Stimme aus dem Off sagt: "Wir brauchen die soziale Marktwirtschaft, die menschlich ist." Oder: "Wir überwinden schwere Zeiten nur gemeinsam." Am Ende tritt Angela Merkel auf, doch eigentlich hätte man fest mit Helmut Kohl gerechnet: So sehr auf Gemüt fixiert war die CDU schon seit den späten 90er Jahren nicht mehr.

Die Grünen führen den optisch modernsten Wahlkampf - der mitunter aussieht, als sei er einer an einem bionadeschwangeren Abend in Prenzlauer Berg erdacht worden. Ihr Spot ist durchaus innovativ - die Finanzkrise als globales Dominospiel in Collageoptik. Die europapolitische Aussage bleiben allerdings auch die Grünen schuldig.

Der Hai und Silvana Koch-Mehrin

Einen echten Coup haben die Sozialdemokraten gelandet. Mit der SPD hält die krawallige und garantiert bundespolitisch motivierte Anti-Werbung Einzug in den Europawahlkampf. Auf Plakaten und in Spots tauchen animierte Comicfiguren auf: Ein dröhnender Fön, der für die "heiße Luft" der Linken stehen soll. Ein Männchen mit 50-Cent-Kopf, pfeifend, das die "Niedriglohn-Partei" CDU madig macht. Am öffentlichkeitswirksamsten war die Erfindung des "Finanzhais", der angeblich FDP wählen würde. Die Liberalen waren nicht gerade amüsiert darüber, plakatieren die doch überall das Gesicht ihrer Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin. Doch damit nicht genug. Der Spitzenkandidat der SPD für den Europawahlkampf, Martin Schulz, kartet im Gespräch mit stern.de nach: "Eine schöne Frau zu kleben, ist noch kein politische Botschaft." Sein Vorschlag: "Man könnte neben jedes Plakat von Silvana Koch-Mehrin ja eines mit dem Finanzhai hängen." Schulz gibt aber selbst zu, dass die SPD zu drastischen Mitteln greifen muss, um die eigenen Anhänger überhaupt zur Wahlurne zu bewegen. Die SPD habe stets große Mobilisierungsprobleme bei Europawahlen, daher ziele man jetzt auf Konfrontation. So prangere die SPD jetzt die "Finanzhaie" an, weil bei diesem Wahlkampf auch die Gewerkschaften ihre Mitglieder anhalten sollen, zur Europawahl zu gehen.

Mauerbau als Aufbauleistung

Die derart angekleffte FDP setzt in der Tat stark auf die Strahlkraft ihrer charismatischen Spitzenkandidatin. In der ganzen Republik lächelt Silvana Koch-Mehrin von den Wänden - daneben haben nur noch platte Slogans Platz. Im FDP-Spot, der bei Youtube abrufbar ist, geht es wenigstens noch um das liberale Wertegerüst: Freiheit und Leistung als Grundlage für eine Europapolitik. In Erinnerung bleiben könnte aber nur ein Faux-Pas, der den Wahlkampfmanagern bei der Produktion des TV-Spots unterlief. Koch-Mehrin preist darin die Verdienste der Partei im europäischen Einigungsprozess. An einer Stelle spricht sie dabei auch die Rolle der FDP in der bundesdeutschen Politik an: "Liberale Politik hat die Aufbauleistung vor 60 Jahren maßgeblich mitgetragen." Gleich im nächsten Augenblick sind im Bild Soldaten zu sehen, die Stacheldraht ausrollen und die Mauer an der innerdeutschen Grenze hochziehen.

Wetten, dass Koch-Mehrin gerade diese Aufbauleistung nicht gemeint hat?

Die in Fotostrecke gezeigten EU-Wahlplakate werden von Christoph Everke rezensiert, Kreativdirektor und Geschäftsleiter der Münchner Agentur Serviceplan. Everke ist vielfach preisgekröntes Mitglied im Art-Directors-Club