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"Fünf Minuten Smart" Die ewigen Reiter der Apokalypse – warum die Rente mit 68 das System nicht retten wird

Hand hält ein Schreiben der Deutschen Rentenversicherung in der Hand
Der Rentenbescheid soll in Zukunft immer später kommen. Doch ist das berechtigt?
© Felix Kästle / DPA
Seit Jahren fordern diverse Experten, dass die Deutschen länger arbeiten sollen, um das Rentensystem zu retten. Am besten arbeiten die Menschen bis 68 oder 70 Jahre. Doch diese Vorschläge führen in die Irre. Es gibt bessere Ideen um die Altersversorgung zu reformieren. Ein Blick ins Ausland reicht.  
Schon mal diese Sätze gehört: "Das System der staatlichen Alterssicherung droht aus den Fugen zu geraten." Und: "Die Deutschen ziehen immer weniger Kinder groß, in den nächsten Jahrzehnten wird die Bevölkerungszahl erheblich sinken." Und: "Die Zahl der Berufstätigen wird drastisch abnehmen." Schließlich: "Die Arbeitnehmer werden ohne Ende immer höhere Beiträge zahlen."
Richtig. Das ist der Sound der Apokalypse. Läuft als Endlosschleife. Die Rente ist marode, das System nicht mehr zu retten, eine Komplettsanierung nötig. Und doch sind diese Sätze etwas Besonderes. Sie haben Patina. Sie stammen aus einer Ausgabe des "Spiegel" von 1985.

1985 – gefühlt ein Jahr aus der Steinzeit

Was für ein Jahr, dieses 1985. Boris Becker eroberte zum ersten Mal Wimbledon, Deutschland bekam den ersten grünen Landesminister, nämlich Joschka Fischer, ein Herr namens Bill Gates wartete mit der Software Windows auf, und Queen-Sänger Freddy Mercury hauchte mit einem Auftritt beim größten Benefiz-Konzert aller Zeiten, Live Aid seiner Band neues Leben ein. Was später Hollywood verfilmte. Das Jahr 1985 fühlt sich 2021 wie Steinzeit an.
36 Jahre sind seitdem vergangen. 36 Jahre, in denen der Sound der Apokalypse nicht verstummte, das Desaster aber zeigte sich einfach nicht. Die Rentner bekommen jeden Monat pünktlich ihr Geld, der Rentenbeitrag ist nicht in die Höhe geschossen, er lag zuletzt bei 18,6 Prozent, 1985 waren es 19,2 Prozent Es gibt nicht weniger, sondern mehr Deutsche (plus 5,5 Millionen), und auch nicht weniger, sondern mehr Beschäftigte (allein in Westdeutschland über sieben Millionen), und nebenbei hat die Rentenversicherung die deutsche Einheit bewältigt. Millionen Ostdeutsche erhalten eine viel höhere Rente als zu  DDR-Zeiten.
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Deutschland ergraut

Komisch. Wo doch Deutschland seit 1985 ergraut ist. Auf 100 20- bis 65-Jährige kamen damals 24 über 65-Jährige, heute sind es 36. Wir haben mehr Alte, aber wir haben keinen Gau. Nirgends. Warum er ausfiel? Die Politiker haben das System teilweise reformiert, was, sagen wir, mittelprächtig gelang. Vor allem aber wuchs die hiesige Wirtschaft, neue Stellen entstanden, Löhne stiegen, und das spülte Geld in die Rentenkasse.
Warum ich das alles erzähle?
Wegen der Wanderprediger, die unterwegs sind. Sie tarnen sich als Professoren, Verbandsvertreter oder Experten und sehen den Untergang nahen. Viel zu viel Geld fresse die Rente, weswegen wir alle länger arbeiten müssten, vielleicht bis 68 oder sogar 70. Überhaupt müsse sich die Rente stärker an den Finanzmärkten orientieren, und dann reden sie über "Kapitaldeckung" oder "Aktienrente".
Bloß, wer kann denn länger arbeiten? Die Putzfrau, die mit 68 Jahren die Fußböden schrubben soll? Oder der Krankenpfleger, der mit 70 Jahren, den 75-Jährigen aus dem Bett wuchten müsste? Meinen diese Herren das ernst?  

Ältere gelten als teuer und unflexibel

Gut, nicht jeder muss schuften. Wer aber mit 55 Jahren einen neuen Job sucht, stellt fest: Das wird schwer. Einen solchen Bewerber halten viele Arbeitgeber oft für unflexibel, teuer und wenig belastbar – was nicht stimmt. Der Bayer-Konzern zum Beispiel, der hierzulande 32.000 Menschen beschäftigt, hat im Jahr 2018 – bitte festhalten – 52 Leute über 55 Jahren eingestellt. Wer dagegen bei dem Chemieriesen 57 Jahre alt ist, wird mit viel Geld in den Vorruhestand gelockt. Viele Ältere können, selbst wenn sie wollten, gar nicht länger arbeiten. Die Unternehmer spielen nicht mit. Sie wollen junge Leute. 
Dass die Börse die Rente retten wird, glaube ich auch nicht. Dieses Luftschloss haben diverse Experten schon früher aufgebaut. Bei der Riester-Rente. Vier und mehr Prozent Rendite versprachen damals manche, doch am Ende haben sich die Taschen vor allem Banken und Versicherer gefüllt. Den heutigen Modellen ist die Riester-Rente in einem Punkt sogar überlegen. Das eingezahlte Geld, also Beiträge und staatliche Hilfen, muss erhalten bleiben. Mindestens. Nicht einmal das ist bei neuen Ideen sicher. Solche Garantien hindern nur, wenn man spekulieren will, sagen diese Experten.  Die FDP will dafür sogar  30 Milliarden Euro aus der Rentenkasse opfern, das Ganze vermarktet sie als "enkelfitte Rente". Zocken für die Zukunft.
Ich habe nichts gegen die Börse. Ich finde jeder sollte an der Börse mitmischen. Zum Beispiel mit einem Sparplan, über den er für 20, 30 Euro oder mehr jeden Monat Anteile an einem Indexfonds kauft. Für den Einzelnen kann daraus ein Finanzpolster entstehen, aber darauf sollten wir nicht unser Rentensystem stützen.

Ein Blick ins Ausland ist nötig

Natürlich muss sich das System ändern. Die Arbeitswelt wandelt sich, das lässt die Rente nicht unberührt. Aber warum nicht vom Ausland lernen? Zum Beispiel von Österreich. Dort zahlen die Arbeitgeber in die Rentenkasse mehr ein als die Arbeitnehmer. Wohlstand und Wachstum hat das nicht geschadet, allzu viel mehr Arbeitslose gibt es auch nicht. Und weil sich die Österreicher nicht dem Irrsinn der Riesterrente hingegeben haben, erhält der Durchschnitts-Österreicher, verglichen zum Deutschen, 800 Euro mehr Rente.
Oder die Niederlande. Dort bekommt jeder über 1200 Euro Grundrente, egal wie viel er eingezahlt hat. Hauptsache, er hat die meiste Zeit in dem Land gelebt. Gut, ein solch radikaler Schnitt funktioniert hier vielleicht nicht. Aber warum müssen bei uns Geringverdiener im Alter mit Stütze rechnen? Wer 45 Jahre lang nur 2000 Euro brutto im Monat verdient hat, bekommt knapp 900 Euro Rente. Ruhestand heißt dann, Kämpfen gegen die Armut. Andere Länder sind da weiter. Sie haben ihr System so umgebaut, dass Geringverdiener höhere Renten, und Besserverdiener etwas niedrigere Renten erhalten. Wir kleben lieber an Prinzipien Grundrente Kommentar 1608
Einen Rat habe ich noch für Sie. Wenn Sie wieder einen Experten über die Rente wettern hören, schauen Sie sich seinen Beruf an. Redet da ein Beamter, Politiker oder Uni-Professor? Dann hören sie weg. Der Mann muss sich um seinen Ruhestand nicht sorgen, für ihn gelten Sonderregeln. Ein Uni-Professor etwa bekommt im Alter monatlich knapp 4000 Euro, wovon der Durchschnitts-Rentner nur träumen kann. Ein Mann kann mit 1170 Euro rechnen, eine Frau nur mit 700 Euro
Ansonsten denken Sie an 1985. War übrigens ein ziemlich gutes Jahr.

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