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Deutsche Bahn: Die verrückten Tweets einer Bahnreise aus der Hölle

Twitter-User "Olympique Marcel" war in einem Rumpel-Zug mit Verspätung und Glutofen-Heizung gefangen. Seine Tweets dokumentieren Technik aus dem vorigen Jahrhundert, die Verzweiflung der Zugbegleiter und das Leiden des Reisenden und sind zum Brüllen komisch.

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Die Deutsche Bahn hat es auch nicht leicht. Nichts funktioniert, dafür ist alles verspätet und keine einzige Schneeflocke kann zum Schnee-Inferno erklärt werden. Twitter-User "Olympique Marcel" - darunter verbirgt sich der Schauspieler Marcel Lindenau - hat sich und sein Weihnachtsfest in die Hände des einstigen Staatsunternehmens gelegt.

Eine mutige Entscheidung, die er alsbald bereuen sollte. Aber wo andere an dem defekten Rumpelzug und einer glutheißen Heizung  verzweifeln würden, machte er mit seinen Tweets das Beste aus seiner höllischen Reise.

Danke, Marcel. Die Bahn braucht mehr Kunden wie dich, dann könnte auch Bahnchef Richard Lutz mal wieder entspannte Weihnachten haben.

Lesen Sie selbst die Abenteuer des Bahnreisenden des Jahres:

‏"24. Dez. Mein IC Richtung Münster ist ein uraltes Ding (gefühlt von 1920). Wagen 14 & 6 fehlen. Sitze und Ausstattung sind historisch. Statt wlan gibt es einen alten Mann mit Brille und Sonnenschutz-Schirm auf dem Kopf in einem extra Raum mit Morse-Gerät. Er wirkt gestresst."

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"Es macht sicherlich Sinn, auf dieser wichtigen, viel genutzten Hauptroute Hamburg-Bremen-Münster-Düsseldorf einen IC (keinen ICE), der von 3 Pferden und nem Hamster gezogen wird, einzusetzen. Ich sitze auf einer Holzpalette und habe ein Huhn auf dem Schoß. Es wirkt gestresst."

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"Zwei Wagen fehlen. Umgekehrte Wagenreihung. 25 min Verspätung. Unterhaltung zweier Zugbegleiter: "Die Kollegen haben vergessen (nicht verständlich), deswegen müssen wir langsamer fahren. Mal schauen wie es weitergeht. Sie wirken sehr gestresst."

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"Business-Frau mit teurem Koffer stratzt durchs Abteil, räumt alles ab, was ihr in den Weg kommt und sagt sehr laut und aggressiv: "WAS FÜR EIN SCHEISSVEREIN HIER!

Ob sie den HSV meint, oder die deutsche Bahn, weiß ich nicht. Sie wirkt extremst gestresst."

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"Der Feuerkessel wurde gezündet und die Heizung gibt alles. Es gibt offensichtlich nur die Stufen "Nordpol" und "Feuersbrunst direkt aus dem Arsch der Hölle".

Ich habe nur noch ein Handtuch locker um die Hüfte und mache den ersten Aufguss. Ein korpulenter Mann nickt mir zu."

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"Wir passieren das Städtchen Sprötze. Die Pferde geben alles & wir erreichen gleich die magischen 100 km/h. Nie zuvor ist der Mensch so schnell gereist. Viele weinen vor Freude. Alexander Gerst gratuliert & hält eine Rede. Er ist tief beeindruckt: "Das ich DAS noch erleben darf"."

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"Der korpulente Mann, der mir zunickte, bin ich selber gewesen. Durch die Mischung aus Hitze und Geschwindigkeit (101 km/h) habe ich meine menschliche Hülle verlassen, schaue mich selbst an und frage: "wo siehst du dich in 5 Jahren?"

"Noch immer in diesem Zug.", denke ich leise."

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 "WER HAT DAS GESAGT?!" rufe ich laut & schrecke auf. Habe ich geträumt? Bin ich verrückt geworden? Ich zweifle.

"Sind wir nicht alle etwas verrückt?" antwortet eine ältere Dame. Während sie sich hysterisch lachend in einen Raben verwandelt und davon fliegt. Ich brauche Urlaub."

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"Plötzlich, wie aus dem nichts, ein kleines Dorf. Es scheint keinerlei Zivilisation zu geben, die Menschen sind einfaches Volk, essen rohes Fleisch und sind verwundert über das Stahlungetüm vor ihren Augen. Eine Frau grunzt. Ein Mann kaut auf einem Fischkopf. Der Zug hält. Bremen."

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"Eins der drei Pferde, die den Zug ziehen, lahmt. Es wird auf der Stelle erschossen. 45 min später gibt es spontan Hackbraten im Bordbistro. "Witzig, was ein Zufall.", denke ich. Schmackofatz!"

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 "Wie haben aktuell 25 min Verspätung, das ist aber noch nicht alles, es wird noch mehr werden. Wir haben einen Defekt an einem Wagen & dürfen nicht schneller fahren. *lange, emotionale Pause* Es geht einfach nicht."

"In diesen Worten liegt der Weltschmerz der gesamten Menschheit."

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 "Es geht einfach nicht." Die Stimmlage der Zugbegleiterin war eine Mischung aus "Papa kommt nicht mehr wieder." und "Wir können nichts mehr für Ihren Hund tun."

"Betroffenes Schweigen im Wagon. Stille kann manchmal lauter sein als jeder Schrei. Ich akzeptiere mein Schicksal."

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"Osnabrück. Jemand spielt ein WhatsApp Video ab, auf dem Mäuse mit verstellter Stimme ein Lied singen. Daraufhin erwürgt sich das zweite Pferd umständlich selbst. Ein quälend langer, hässlicher Tod. Aber immer noch besser mitanzusehen, als noch ein Mäusevideo. Oder Osnabrück."

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"Begrüssungs-Durchsage: Tja, was fehlt uns alles? Wagen 14 & 6 fehlen & wir haben einen Defekt. Ich kann ihn leider nicht reparieren. Die Zugbegleiterinnen kämpfen sich einmal durch den Zug & helfen Ihnen. Wir sind wenig und sie viele, aber wir schaffen das."

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"11:19 Uhr. Typ gegenüber von mir zimmert sich eiskalt, ohne mit der Wimper zu zucken, nen halben Liter Weizen in den Korpus. Jetzt hab ich auch Bock! Es gibt aber nur Bitburger. Versuche mich daraufhin umständlich selbst zu erwürgen. Klappt nicht. Ich hasse mich."

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"Münster! Mehr Fahrräder als Menschen. Selbst der Bürgermeister ist ein Holland-Rad. Am Bahnsteig stehen Lisa, Merle, Tom. Schwer verkatert von gestern, auf dem Heimweg zu den Eltern. Ihre Sachen in den großen Trekkingrucksack (für Australien Reise nachm Abi gekauft) gestopft."

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"Bösensell. Appelhülsen. Nottuln. Dülmen. Mit der Regionalbahn die Metropolen des Münsterlandes erkundschaften. Fahrt ihr ma ruhig alle nach Thailand (günstig!), Australien (X-Mas am Strand!), Island (Landschaft!) und macht euer Ding. Ich mache hier meins. Ciao mit V, ihr Trottel!"

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"Schweinepest. Christoph Metzelder. Germans Wings Absturz. Willkommen in meiner Heimat, Haltern am See.

(Nicht das mit dem Festival, das ist HALDERN.)

Zuhause ist, wenn Vatter dich rauchend vom Bahnhof abholt."

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Und zum Beweis, dass alles wahr ist zitiert "Olympique Marcel" am Ende noch Nutzer @taigagruen: 

Antwort an @MarcelLindenau

"Begeisterung. Ekstase. Meine Tante saß in dem Zug & ich holte sie vorhin in MS ab. Könnte sie so gut schreiben, sie hätte ähnliches zu Papier gebracht. Stattdessen hat sie es frei von der Leber erzählt. Als ich ihr soeben diesen Thread vorlas hatte sie Tränen in den Augen."

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Klingt recht selbstverständlich, macht man aber doch zu selten: Lesen – die Wochenzeitung, die sonst liegen bleibt, das Buch vom letzten Geburtstag. Und warum machen wie es im Zug nicht einfach mal wie im Urlaub: einfach lesen, worauf man Lust hat. Dann geht auch die Zeit viel schneller rum. Für alle, die vor lauter Geschenken keinen Platz mehr im Koffer haben, eignet sich ein E-Book-Reader. Er spart Platz und man kann sogar zwischen mehreren Büchern entscheiden, je nach Stimmung.

Getty Images
kra

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