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Kommentar

Kurz vor den Herbstferien: Wie Thomas Cook in Deutschland noch zu retten wäre

Der Weiterbetrieb von Condor scheint gesichert, doch Millionen Deutsche bangen kurz vor den Herbstferien noch um ihren Urlaub. Noch ist nicht alles verloren, sofern alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Video: Condor fliegt - Thomas Cook Deutschland kämpft

Die Pleite des britischen Thomas-Cook-Konzerns ist der Super Gau für Millionen europäischer Urlauber kurz vor den Herbstferien. Nach dem Aus für den Mutterkonzern mussten inzwischen auch die deutschen Töchter mit Marken wie Thomas Cook, Neckermann, Bucher, Öger oder Air Marin Insolvenz anmelden. Alle Reisen bis einschließlich Donnerstag wurden storniert.

Die Lage war unübersichtlich, Hotels kassierten Gäste doppelt ab, Airlines akzeptierten Tickets nicht mehr, Chaos breitete sich aus. Nur die britische Regierung von Boris Johnson schien auf den Fall vorbereitet, hatte zur Evakuierung von rund 150.000 britischen Urlaubern schon zum Wochenende Flugzeuge aus der ganzen Welt auf die Insel geordert, um gleich nach der Pleite zu Rettungsmissionen zu starten.

Doch damit endete die Fürsorge Johnsons für urlaubende Wähler. Eine Konzernrettung komme nicht in Frage, hieß es schlicht. Ganz anders in Deutschland: Da einigten sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier, das Land Hessen und die konzerneigene Fluggesellschaft Condor in Rekordzeit auf einen Überbrückungskredit von 380 Millionen Euro. Condor beantragte einen sogenannten Rettungsschirm, der verhindert, dass das Geld zu den Briten abfließt, und fliegt weiter.

Das rettet vielen Touristen den Urlaub, denn Condor flog keineswegs exklusiv für Konzernmutter Thomas Cook: 40 Prozent der Fluggäste buchten Einzelflüge direkt bei Condor, weitere 40 Prozent kamen von anderen Veranstaltern wie TUI. Bloß die restlichen 20 Prozent schauen in die Röhre: Die Pauschalreisenden von Thomas Cook, Neckermann und Co.

Schnelle Lösung gefragt

Für sie muss jetzt schnell eine Lösung her, denn ohne diese verhagelt es wohl hunderttausenden Familien die Herbstferien. Bei einer Insolvenz bekommen sie zwar vielleicht irgendwann ihr Geld zurück, doch der Urlaub dürfte dahin sein, denn die Reisen sind bisher nicht storniert. Wer auf eigene Faust neu bucht, hat das Risiko, am Ende zwei Tickets zu haben.

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Die Maschine auf dem Flugfeld

Der Beginn: Mit einer Vickers Viking ging es am 29. März 1956 zum Erstflug ins Heilige Land, eine Pilgerreise zu Ostern von Frankfurt nach Beirut , Damaskus, Jerusalem, Luxor und Kairo

Bei Thomas Cook wird deswegen gerade hektisch verhandelt: Der Insolvenzverwalter ist jetzt vor Ort, Beihilfen beim Bund wie im Fall Condor wurden beantragt und auch der Insolvenzversicherer spielt eine Rolle. Denn schließlich ist der nur zahlungspflichtig bis zur Schallgrenze von 110 Millionen Euro. Problem: Das ist zwar viel Geld, doch ob es angesichts der Massen an Kunden für alle Ansprüche reicht, ist zweifelhaft.

Eine bessere Lösung wäre es, den Geschäftsbetrieb, der angeblich in Deutschland doch profitabel war, möglichst schnell wieder aufzunehmen und die Kunden in den Urlaub zu schicken. Dazu bräuchte es aber viel Goodwill von allen Seiten:

  • Einen Insolvenzverwalter, der harte Verhandlungen nicht scheut und die Branche kennt.
  • Einen Versicherer, der akzeptiert, dass er so oder so zahlen muss.
  • Hotels, die angesichts der Pleite Zugeständnisse machen, um wenigstens etwas Umsatz zu machen und Stammkunden zu halten.
  • Airlines, die keine leeren Sitze herumfliegen wollen.
  • Eine Bundesregierung, die auch den Veranstaltermarken von Thomas Cook in Deutschland hilft.
  • Einen Investor, der die geordnete Übernahme des Unternehmens zusichert und schnell investiert, so dass die Kredite zurückgezahlt werden könnten.

Ein mögliches Szenario

Käme all das zusammen, wäre folgende Lösung denkbar: Der Insolvenzverwalter erklärt kurzfristig, dass alle Buchungen weiterhin gelten und die Reisen von der insolventen Thomas Cook und seinen Marken durchgeführt werden. Dazu zahlt der Insolvenzversicherer einen Teil der Versicherungssumme aus, um verlorene Anzahlungen zu decken. Gleichzeitig akzeptieren Hotels und andere Leistungserbringer Zahlungsaufschub und einmalige Abschläge.

Die Urlauber fühlen sich seit Bekanntgabe der Insolvenz völlig alleingelassen

Die Bundesregierung steigt außerdem mit einer schnellen Brückenfinanzierung ein, um den Betrieb am Laufen zu halten, bis die Restzahlungen der Reisekunden in den nächsten Wochen wieder Fahrt aufnehmen und sogar neue Buchungen eingehen. Am Ende müssten nur wenige Reisekunden auf Ihren Urlaub verzichten und sie würden zumindest entschädigt, weil die Deckungssumme der Versicherung am Ende reichen könnte.

Doch dass es so kommt, ist längst nicht sicher. Wie gesagt: Es würde Goodwill von allen Beteiligten erfordern und die Zeit ist knapp. Aber andererseits: Wer will schon Millionen verärgerter Nicht-Urlauber, die dann reichlich Zeit hätten, sich auch bei der Politik zu beschweren? Einen Versuch wäre es wert – zumal, wenn bei Condor die Rettung mit Staatshilfe schon beschlossen ist.

Eine weitere Blamage

Gleichzeitig wäre es eine weitere Niederlage für Großbritanniens Premier Boris Johnson, der sich zunächst als schneller Retter gestrandeter Reisender feierte: Während mit der über 150 Jahre alten Thomas Cook plc. ein weiterer britischer Traditionskonzern verschwinden würde und Touristen auf der Insel blieben, könnten europäische Urlauber weiter verreisen – denn auch in Skandinavien und Frankreich arbeitet der Staat an der Rettung lokaler Tochterfirmen. 

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