Sotschi am Schwarzen Meer Ski und Rubel gut


Mit sehr viel Geld und einigen guten Worten hat Wladimir Putin es geschafft: Zum ersten Mal werden Olympische Winterspiele 2014 in subtropischem Klima stattfinden, in Sotschi am Schwarzen Meer. Die Hafenstadt ist jetzt schon ganzjährig Austragungsort russischer Urlaubsträume.
Von Andreas Albes

Wenn man mit dem altersschwachen Sessellift die imposante Bergkette rund um Krasnaja Poljana hinaufzuckelt, hängt irgendwo am 6. oder 7. Liftpfosten, etwa auf 1500 Metern, ein Schild: "Noch fünf Minuten bis zu dem Restaurant, in dem der Präsident zu Mittag aß." In Krasnaja Poljana weiß man, wem man zu huldigen hat. Denn nur Wladimir Putin ist es zu verdanken, dass die Olympischen Winterspiele 2014 in Russland stattfinden werden, genauer in Sotschi am Schwarzen Meer - und damit auch in dem 50 Kilometer nördlich liegenden idyllischen Kaukasus-Bergdorf, dem Austragungsort der alpinen Wettkämpfe.

Wenn es so weit ist, daran zweifeln die 3969 Einwohner nicht, wird das Örtchen zur ernst zu nehmenden Konkurrenz für St. Moritz, Zermatt und Kitzbühel geworden sein. Heute allerdings sieht es noch nicht danach aus. Okay, es gibt ein paar nette Pensionen und auch eine gut ausgebaute Hauptstraße, an der linker Hand sogar ein Radisson-Hotel liegt, aber das strahlt - bei westlich-luxuriösen Zimmerpreisen - eher den Charme eines sowjetischen Naherholungsheims aus. Ach ja, und ein französisches Restaurant namens "Atmosphera" gibt es noch. Das hat Marc Testut, ein französischer Koch, eröffnet, der vor über einem Jahrzehnt in Krasnaja Poljana gestrandet ist und tagsüber Helikopter- Skitouren anbietet.

Putin hat hoch gepolert

Ansonsten sieht man alte Ladas, die sich durch unbefestigte und oft schlammige Seitenstraßen kämpfen. Ein Taxifahrer erzählt, wie im vergangenen Jahr, kurz vor der Inspektion durch das Internationale Olympische Komitee, noch schnell der Müll aus dem Bergbach entlang der Dorfstraße gefischt wurde. Wenn die Skisaison im November beginnt, werden sich jedes Wochenende an den fünf Liftanlagen so lange Schlangen bilden, dass man gut beraten ist, Verpflegung für die Wartezeit mitzunehmen. Wladimir Putin, der nichts mehr hasst als Niederlagen, hat hoch gepokert, als er persönlich nach Guatemala flog, wo die IOC-Mitglieder über die Vergabe der Winterspiele entschieden. Mit vielen führte er Einzelgespräche, und abschließend hielt er sogar eine zehnminütige Rede auf Englisch und Französisch, zwei Sprachen, die er eigentlich gar nicht richtig beherrscht.

Nur Versprechungen hatte er zu bieten. Denn nicht nur in Krasnaja Poljana fehlt es bislang völlig an der nötigen Olympia- Infrastruktur, in der gesamten Region um Sotschi steht nicht eine einzige Wettkampfstätte. Der japanische IOC-Vertreter gab nach der Entscheidung denn auch zu: "Es war das persönliche Engagement des Präsidenten, das den Ausschlag gab." Zehn Milliarden Euro, so versicherte Putin, sollen in den kommenden Jahren investiert werden. 60 Prozent übernimmt der Staat, 40 Prozent Unternehmen. Diverse Oligarchen wurden vom Kreml mit Nachdruck an ihre "patriotische Pflicht" erinnert. Aluminiumbaron Oleg Deripaska wird deshalb für den Ausbau des Flughafens sorgen, und Wladimir Potanin (Nickel, Platin und Finanzen) versprach, ein anständiges Skigebiet zu bauen.

95 Hektar Wald wurden bereits gerodet

"Rosa Chutor" wird es heißen, es liegt ein paar Kilometer hinter Krasnaja Poljana. An der geplanten Basisstation stehen schon Dutzende nagelneue Doppelmayr- Kabinen, quasi der Mercedes unter den Liftanlagen. Wenn das Gebiet 2009 in Betrieb geht, sollen sich mehr als 100 Kilometer Pisten durch den Kaukasus schlängeln. Größter Investor ist Gasprom. Der Energiekonzern lässt in knapp 1500 Meter Höhe Schneisen für Langlauf- und Biathlontrassen schlagen; 95 Hektar Wald wurden bereits für ein weiteres, im Westen gelegenes Skigebiet gerodet. Zudem ließ der Gasriese in Hochgeschwindigkeit eine repräsentative Unterkunft für "das erste Gesicht des Landes" aus dem Boden stampfen. "Eine Präsidentenresidenz der Sechs- Sterne-Klasse", lobte man sich. Viel Gold, viel Samt, schwere rote Teppiche und monströse Bergkristall-Lüster, dazu eine Wellnesslandschaft mit diversen Saunen und einem Riesenpool. Dumm nur, dass der Sicherheitsdienst des Präsidenten erst nach Fertigstellung zur Visite kam - und das Objekt "für völlig ungeeignet" befand. In den umliegenden Kastanienwäldern, so die Agenten, könnten sich zu leicht Attentäter verstecken. Gasprom nahm die Nachricht gelassen. Es gibt genug schwerreiche Russen, die sich mit Vergnügen dort einmieten werden.

"Es werden Spiele des Geldes", lästerte nach der IOC-Entscheidung die österreichische Delegation, die mit der Bewerbung Salzburgs durchgefallen war. Außerdem solle man sich nicht so sicher sein, dass es im Kaukasus auch schneie. Doch da muss sich niemand sorgen: Zwar misst der höchste Gipfel des bestehenden Skigebiets gerade mal 2238 Meter. Doch während man in der vergangenen Saison in den Alpen selbst an höher gelegenen Orten noch um jede Schneeflocke betete, ließ es sich in Krasnaja Poljana vortrefflich Ski laufen. Der Grund ist einfach: Vom Schwarzen Meer her weht beständig feuchte Luft heran und damit viel Niederschlag.

Eine Schönheit ist Sotschi nicht

Was die Stadt Sotschi anbelangt, könnten die Österreicher mit ihrer Befürchtung allerdings recht haben. Hier herrscht subtropisches Klima. Der kälteste Monat ist der Februar mit einer Durchschnittstemperatur von sechs Grad plus. Echten Winter gibt es hier also kaum einmal - muss es aber auch nicht, denn in Sotschi werden ausschließlich Indoor-Wettbewerbe stattfinden. Ein Zentralstadion für 40.000 Besucher ist geplant, dazu etliche kleinere Eislaufhallen und natürlich die Athletenunterkünfte. Eine Schönheit ist Sotschi nicht: 330.000 Einwohner, ein großer Hafen, hier und da ein paar hübsche historische Gebäude, ansonsten viel Sowjetflair. Anfang des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich Sotschi zum Kurort; Nach dem Zweiten Weltkrieg erholten sich dort eine halbe Million verwundete Rotarmisten. Stalin ließ sich in Sotschi seine Datscha bauen, und auch Putin verbringt jedes Jahr mehrere Wochen Urlaub auf seiner etwas außerhalb gelegenen Sommerresidenz mit Blick auf das Meer.

Entlang der Küste ragen weiße schroffe Felsen aus dem Wasser, auf deren Gipfeln dichte Wälder stehen. Hier und da wachsen sogar Palmen. Ab Mai räkeln sich Touristen an den Kiesstränden. Sotschi ist bislang Russlands einziges wirkliches Urlaubsparadies. Vier Millionen Besucher kamen vergangenes Jahr. Auch aus Berlin und Frankfurt werden inzwischen Direktflüge angeboten. Dank der Olympia- Entscheidung hoffen die "Sotschinzi" auf einen Touristenboom. Und natürlich auf Investitionen, in erster Linie für eine funktionierende Kanalisation. Die Zahl der Olympia-Gegner ist entsprechend gering. Nur eine Handvoll Umweltschützer moniert, dass der Eiskanal für die Bob- und Rodelbahn die Wander- wege der Braunbären stören würde. Doch wen interessieren in diesem Olympia-Taumel ein paar Braunbären?

"Sotschi ist ein großer Sieg für Russland"

In der Nacht der IOC-Entscheidung harrten im Stadtzentrum 15.000 Menschen bis drei Uhr morgens vor einer Großbildleinwand aus. Boney M und Thomas Anders sangen. Damit die Partylaune nicht aus dem Ruder lief, hatte die Polizei striktes Wodkaverbot verhängt. Als das Ergebnis bekannt gegeben wurde, kannte der Jubel kaum Grenzen. "Sotschi ist ein großer Sieg für Russland. Und ein großer Sieg für den Präsidenten", verkündete pathetisch Kreml- Sprecher Alexej Gromow. Die Winterspiele werden, wenn alles nach Plan läuft, das Erbe von Putins im April endender Amtszeit sein. Und wer weiß, vielleicht ist es ja doch Putin, der das Mega-Ereignis 2014 - wieder als Präsident - eröffnet. Denn bis dahin könnte er laut Verfassung erneut kandidieren. Auf die Frage, ob er daran denke, zuckte er vergangene Woche nur die Schultern: "Nun, es ist noch etwas früh, das zu planen."

Mitarbeit: Jens Hartmann print

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