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Fernando Alonso: Der König der Formel Ego

Verrat, Erpressung, Nötigung - er tut alles, um alle bei McLaren-Mercedes gegen sich aufzubringen. Weltmeister Fernando Alonso will den Rennstall unbedingt verlassen. In seiner Selbstsucht ist er dabei, ein ganzes Team zu zerstören.

Von Elmar Brümmer

Klong. Klong. Klong. Jeder Schritt von Fernando Alonso ist ein Statement. Er geht die steile Feuertreppe zum Fahrerlager in Spa-Francorchamps nicht einfach bloß hoch, er stampft sie hoch. Es scheint, als ob er jede der 60 Metallstufen einzeln besiegen wollte. Den Kragen seines silbernen Overalls hat er hochgeschlagen, die schwarze Sonnenbrille erinnert an das Visier eines Jetpiloten. Bestens gerüstet für seinen ganz privaten Krieg der Sterne. Alle zwei Wochen eine neue Episode aus dem endlosen Film: Alonso - allein gegen alle.

Verraten und verkauft haben soll er seinen eigenen Rennstall in der Spionage- Affäre, bei der ein Ferrari-Mechaniker geheimes Material an einen McLaren- Ingenieur weitergegeben hat. McLaren- Mercedes wurde dafür mit einem Rekordstrafzettel von 100 Millionen Dollar und der Aberkennung aller Punkte in der Konstrukteurs- WM bestraft. Der Mann, der als Eroberer gekommen war und als Weltmeister gehen will, wirkt vor allem als Zerstörer. Kein Rennen mehr ohne Knatsch mit seinem Teamkollegen Lewis Hamilton oder Teamchef Ron Dennis. Zwei Rennen vor Saisonende und vor dem Grand Prix an diesem Sonntag im chinesischen Shanghai liegt Fernando Alonso, 26, zwölf Punkte hinter seinem schärfsten Konkurrenten Lewis Hamilton, 22. Der Fahrertitel ist das Einzige, was die Silberpfeile noch gewinnen können. Jeder kämpft für sich, aber keiner kann ohne den anderen. Obwohl sie längst alle die Schnauze voll haben.

Die Atmosphäre ist hitzig, die Forderung eiskalt

Jede Kleinigkeit kann in dieser Formel Ego alles explodieren lassen. Er oder ich! Hamilton oder Alonso! Immer wieder geht es um dieses Duell. Am Morgen vor dem Großen Preis von Ungarn Anfang August stürmt der Spanier ins Büro von Ron Dennis. Die Atmosphäre ist hitzig, aber die Forderung eiskalt. "Ich habe Informationen auf meinem Laptop, die dem Team schaden können", zischt Alonso. Dennis wird bleich. Alonso weiß, wie sehr sein Wissen in der damals noch schwebenden Spionageaffäre dem McLaren-Team schaden kann. Daraus lässt sich Kapital schlagen. Alonso will die unumschränkte Nummer eins sein. Aber Ron Dennis will sich nicht erpressen lassen. Er informiert Max Mosley, den Präsidenten des Automobilweltverbandes FIA. Der sichert Alonso bei Aussage Immunität zu. Die E-Mails und Alonsos Aussagen sind später die Grundlage für die Verurteilung, sie ruinieren den Ruf des Rennstalls. Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Aber so einfach ist nichts im Drama um McLaren-Mercedes.

Die Lieblingsfarbe von Ron Dennis ist Anthrazit. Imageberater hatten den steifen Briten vor dieser Saison dazu überredet, das Team der Silberpfeile etwas greller erscheinen zu lassen und sich Weltmeister Alonso ins Haus zu holen. Mehr Farbe, mehr Emotionen. Mehr Showdown. Im August bekommt Alonso in Istanbul zu seinem 100. Grand Prix ein Replikat des Silberpfeils vom legendären Mercedes- Fahrer Juan Manuel Fangio überreicht. Ein massives Teil, macht sich gut vor den Kameras, signalisiert heile Familie. Wenn nur der Ton nicht mitlaufen würde. "Wir wollten, dass du was Schweres bekommst, das du nach uns werfen kannst", sagt Gratulant Dennis. Alonso muss sich beherrschen, das nicht gleich zu tun. Istanbul, das war auch die Stadt, in der sich Alonso und Hamilton nach vielen Eifersüchteleien zum Wohle des Teams hätten versöhnen sollen. Acht Stunden dauert der Krisengipfel. Die Hände reichen sich die beiden aber nicht. Der Spanier fühlt sich mal wieder in seinem Stolz verletzt.

"Ich bekomme nichts für meine Arbeit zurück"

Er trompetet nach der Aussprache in die Mikrofone: "Guckt, wo sie ohne mich waren! Aber ich bekomme nichts für meine Arbeit zurück." Okay, die geschätzten 20 Millionen Euro Jahresgehalt nicht mitgerechnet. Der selbst so Undankbare erwartet ewig Dankbarkeit. Nummer eins zu sein, das hatte der zweifache Champion Alonso nach seinem Weggang von Renault erwartet. Es ist selten, dass zwei Piloten eines Rennstalls gleich schnell sind, und in einem Topteam ist es eine absolute Rarität. Neuling Hamilton konnte niemand auf der Rechnung haben. Im Lehrling den Meister zu finden, das ist zu viel für Alonso. Aber Dennis bleibt seinem Prinzip der Gleichberechtigung treu, auch wenn er einen hohen Preis dafür bezahlen muss. Dennis sagt: "Alonso und ich reden seit dem Rennen in Ungarn nicht mehr miteinander. Unsere Beziehung ist extrem unterkühlt, und das ist noch untertrieben. Seine feste Ansicht ist es, dass unser Grundsatz der Gleichbehandlung beider Fahrer nicht seinen Status als Weltmeister widerspiegelt."

Ron Dennis hat mit dieser Haltung und seiner schneidenden Art schon einige Stars verschreckt. Auch deshalb fuhr Michael Schumacher nie im Silberpfeil. Schumacher sagt: "Es hat mehrere Gespräche gegeben, aber ich habe gemerkt, dass wir nicht wirklich zusammenpassen. Ron Dennis hat eine andere Auffassung als ich davon, wie ein Formel-1-Team funktionieren soll." Bei McLaren ist der Star immer das Team. Und das Team ist Dennis. Er will die eigentliche Nummer eins sein.

Eine ganz neue Qualität des Egoismus'

Und nun muss Dennis erleben, dass es jemanden gibt, der dieses Ziel noch extremer verfolgt als er. Es ist eine ganz neue Qualität des Egoismus', die Dennis von Alonso vorgeführt bekommt. Dennis bezeichnet Alonso als "bemerkenswerten Einsiedler", und es klingt so, als spräche er über sich selbst. Blanke Selbstsucht als gängiges Geschäftsprinzip, wie es Altmeister Niki Lauda - früher selbst mit Ron Dennis über Kreuz - bestätigt: "Ein Spitzenrennfahrer ist per Definition ein egozentrisches Arschloch innerhalb seines Berufes, sonst wäre er eben kein Spitzenfahrer." Das gilt auch für Ron Dennis. Sonst hätte er es nicht in 40 Jahren vom Mechaniker zum Klein- Konzernchef gebracht. Jetzt kann er einem fast leid tun, wie er von Alonso lächerlich gemacht wird. Das Schlimmste für den bekennenden Perfektionisten Dennis, der im Hotelzimmer als Erstes immer die Handtücher fein säuberlich ausrichtet, ist, dass er nichts mehr unter Kontrolle hat.

Fernando Alonso hat dagegen offensichtlich kein Problem, in diesem Machtkampf das große Arschloch zu sein. Wie kann er bloß diesen Druck aushalten, Mechaniker, Teamkollegen und die Chefs gegen sich aufzubringen? Alonso war drei, als er das erste Rennen fuhr, im Kartwagen. Mit Holzklötzen unter den Schuhen, damit die kurzen Beinchen an die Pedale kamen. Er schlug alle anderen. Völlig fokussiert, beinahe roboterhaft. Alle Gefühle raus aus dem Cockpit. So denkt und lenkt er noch heute. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Alonso will einfach nicht begreifen, dass die Einzeldisziplin Formel 1 auch ein Mannschaftssport ist. Ein Leader kann er deshalb nicht sein. Er hat sich als Nachtreter geoutet, zum wiederholten Mal. Der Sympathiebonus ist weg. Immer sind bei ihm die anderen schuld. Schon im Vorjahr, als Schumacher im Titelkampf dem führenden Alonso immer näher kam, beklagte der sich darüber, von seinem damaligen Renault-Team nicht genügend unterstützt zu werden. Die Schuld bei sich zu suchen kommt für Alonso nicht infrage. Bei Renault ließen sich das alle gefallen - Alonso wurde zweimal Weltmeister. Und bei McLaren?

Hamiltons Vater Anthony läuft durch die Boxengasse und erzählt jedem: "Ich hoffe, dass die Stimmung für Lewis im Team die WM entscheidet." Er weiß, wo die Sympathien liegen und dass dieser Titel auch hinter den Kulissen vergeben wird – eine Zerreißprobe für den Rennstall. Kronzeuge Alonso hat mit seiner Aussage aber auch erreicht, dass der Automobilweltverband jetzt ganz genau hinguckt, wie der Showdown abläuft. Alonso neigt ohnehin zu Verschwörungstheorien, er ist von Natur aus zutiefst misstrauisch. Er lässt nur eine kleine iberische Entourage an sich heran. Auch sein Vater ist dabei, aber José Luis Alonso spricht mit niemandem. Er kann kein Englisch. Nach jedem Rennen gibt Alonso im schmutzigen Overall seine ersten Interviews. Lewis Hamilton hat die weiße Weste übergestreift, die McLaren eigens für die Fernsehwirkung hat anfertigen lassen. Hamilton gibt derart berechnend den braven Jungen, dass es bisweilen schleimig wirkt.

Ein erbitterter Kampf auf der Piste

Der junge Brite weiß, dass auf Dauer nur ein Ausnahmefahrer im Team Platz hat. Und das wird vermutlich der loyalere sein - und der schnellere. Auf der Piste liefern sich die beiden einen erbitterten Kampf. Wie beim vorletzten Rennen. Rad an Rad rasen die beiden Silberpfeile durch die Senke von Eau Rouge in Francorchamps, der Mutkurve in der Formel 1. Gleich beim Start zum Großen Preis von Belgien hat Fernando Alonso seinen Gegenspieler rüde von der Ideallinie gedrängt. Aber Hamilton ist zum Äußersten bereit, zieht wieder gleich. An dieser Stelle, 300 km/h schnell, gibt es im Duell nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist vorbei - oder tot. Hamilton geht vom Gas, dieses Mal. Dennis erstarren die Hände, die er am Kommandostand vors Gesicht schlagen will, auf halber Höhe. Erst als beide silbernen Autos jenseits der Kuppe wieder zu sehen sind, öffnet er die Augen richtig. Seither gilt nur noch eine Stallorder für die beiden Favoriten: Macht, was ihr wollt. Aber seht zu, dass alle acht Räder dranbleiben. Garantieren kann das keiner, nur hoffen. Eine Kollision würde den Ferrari-Fahrer Kimi Räikkönen wieder ins Titelrennen bringen.

Norbert Haug, 54, wirkt vor den RTL-Kameras meist jovial. Er spricht nicht nur für Mercedes, er verwaltet auch die 40 Prozent, die dem Stuttgarter Automobilkonzern an McLaren gehören. Haug teilt die Welt gern in Racer und Nicht-Racer ein. Racer nach Haugschem Verständnis haben Charakter. Ehrenmänner, die sich nie gegen die Mannschaft stellen würden. Wer es versucht hat, wie Nigel Mansell oder Juan Pablo Montoya, wurde abserviert, noch während der laufenden Saison. Sein Bauchgefühl trügt ihn dabei selten. Alonso legt es ja auf den Rausschmiss an - obwohl er einen Vertrag bis Ende 2008 hat. Das ist Haug absolut bewusst. Noch sieht er das Ganze pragmatisch-kühl. Er sagt: "Wir können zumindest so zusammen arbeiten, dass wir gewinnen können." Wenn Alonso aber mit seinem Verhalten das Team weiter schwächen sollte und dadurch der WM-Titel in Gefahr geriete, dürfte es der Mercedes-Mann sein, der den Spanier rauswirft. Da ist Norbert Haug härter als Ron Dennis, da wird er zum bösen Bullen.

"Renault oder Rücktritt"

Alonso sieht sich sowieso nicht mehr bei McLaren-Mercedes. Zukunft, soll er gesagt haben, hieße für ihn "Renault oder Rücktritt". Darauf angesprochen, behauptet er: "Das habe ich nie gesagt." Das heißt, Sie bleiben bei McLaren? "Ich bleibe in der Formel 1." Auch BMW und Toyota, selbst Ferrari werden ins Spiel gebracht. Schaltet McLaren-Mercedes auf stur, müsste Alonso das restliche Vertragsjahr aussitzen - im Cockpit oder abseits der Strecke. Die Anwälte des Spaniers prüfen, ob das Urteil gegen das Team nicht für einen Ausstieg taugt.

Fahrerwechsel, Gehaltsfragen, Ablösesummen - wo immer diese Dinge geregelt werden müssen, ist Bernie Ecclestone nicht weit. Der Formel-1-Vermarkter soll auch schon früh einen Ausdruck der E-Mails besessen haben, in denen McLaren-Testpilot Pedro de La Rosa auf Spanisch Alonso seine Informationsquelle bei Ferrari offenbarte. Beim mächtigen Strippenzieher ist solches Wissen gut aufgehoben. Es könnte auch Alonsos Karriere retten. Ecclestone bildet an Grand-Prix-Wochenenden allabendlich eine Fahrgemeinschaft mit Renault-Teamchef Flavio Briatore, dem väterlichen Freund von Alonso. Nach dem Rennen in Spa, als der Spionage-Skandal zu einer Affäre Alonso wurde, durfte der Rennfahrer hinten in der von Mercedes zur Verfügung gestellten Limousine Platz nehmen. Von nun an kämpft Alonso nicht mehr allein.

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