Formel 1 Es leben die Feindbilder!


Wenn Kimi Räikkönen und Co sich wie friedliebende Messdiener verhalten, müssen halt Ozzy Osbourne und "Kiss" die harten Männer spielen. Doch eventuell wird am Sonntag in Melbourne die Rivalität zwischen den Piloten wieder aufleben - und auch der "Iceman" endlich wieder heiß auf die Titel-Jagd.
Von Elmar Brümmer

Traut denn keiner mehr dieser Formel 1? Um die Typenfrage zu klären, gehen die Veranstalter des Großen Preises von Australien auf Nummer sicher. Weil sich Kimi Räikkönen, Lewis Hamilton und Fernando Alonso abseits der Rennstrecke eher wie Messdiener benehmen, müssen skandalerprobte Recken an: Die Altrocker Ozzy Osbourne und Gene Simmons von der Gruppe "Kiss". Aber so hart und laut kann die Formel 1 allemal sein, heiß verspricht der Auftakt in der Nacht zum Sonntag in jedem Fall zu werden: Die Temperaturen in Melbourne reichen seit Tagen an die 40 Grad heran, auf dem Asphalt können locker zehn, im Cockpit 20 Grad hinzu addiert werden. Wer da sein Mütchen kühlen will, muss schon extrem cool bleiben.

Die Erwartungshaltung nach dem turbulentesten Jahr der jüngeren Renngeschichte ist enorm. Es ist gut, dass da ein paar alte Rechnungen offen sind, denn das bringt nach einem Testfahrten-Winter voller widersprüchlicher Ergebnisse zusätzliche Spannung. Einigermaßen sicher scheint von der Prognose her nur der Zweikampf Ferrari gegen McLaren-Mercedes an der Spitze. Ob Fernando Alonso seinen Renault zwischen die gesetzten Rivalen Räikkönen und Hamilton schieben kann, und damit das alte Trio infernale wieder in Kraft setzt, ist eher ungewiss.

"Das Beste kommt noch..."

Am ersten Trainingstag machten Rot und Silber jedenfalls die Spitze unter sich aus, in der korrekten Reihenfolge von Weltmeister und Vize, dahinter die jeweiligen Zweitbesetzungen Felipe Massa und Heikki Kovalainen. Danach kam, jedenfalls was die Ernst zu nehmenden Konkurrenten angeht, lange nichts. Etwa zwei Sekunden lang... Das zu erwartende Gedränge im Mittelfeld, wo Fernando Alonso als Neunter der Tagesgesamtwertung dümpelte, erinnert an die Platzverhältnisse in der Economy-Klasse - zwölf Autos innerhalb einer Sekunde.

Dabei auch alle fünf Deutschen: Nico Rosberg im Williams als Achter, Timo Glock (Toyota) Zwölfter, Nick Heidfeld (BMW) auf Rang 14, Sebastian Vettel (Toro Rosso/16.) und Adrian Sutil mit Force India auf dem 18. Platz. Rosberg stellvertretend: "Das Beste kommt noch..." Ohne richtige Feindbilder ist das Leben am Limit aber auch zum Saisonstart einfach nicht denkbar, weshalb es sogar ein schillernder Mehrkampf ist, der über den Frühaufsteher-Grand-Prix hinaus für dieses Rennjahr erwartet werden kann. Das lässt sich rundenlang verfolgen:

Erste Runde: Kimi Räikkönen gegen sich selbst

Hat er eigentlich noch Puls? Keine Sorge, der Champ ist grundsätzlich blass, aber mit Angst hat das wenig zu tun. Koskenkorva, sein Lieblingswodka, ist ja auch farblos, und der hat es trotzdem ganz schön in sich. Der Finne hat in verschnörkelten Buchstaben den Ehrentitel "Iceman" auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Er weiß, dass er mit dem überlegenen Auto nur dann in Schwierigkeiten kommen kann, wenn er sich in sportliches oder politisches Geplänkel verwickeln lässt. Momentan sieht es nicht nach Balanceproblemen aus: "Ich bin gelassener geworden".

Zweite Runde: Lewis Hamilton gegen Fernando Alonso

Das Haltbarkeitsdatum dieses Feindbildes ist noch lange nicht abgelaufen, wie der Freudsche Versprecher Hamiltons beim verbalen Warm-Up beweist. Gefragt, wie enttäuscht er sei, dass Fernando Alonso nicht mehr sein Teamkollege ist, versucht Hamilton die Falle höflich zu umgehen: "Der Unterschied ist nicht so groß. Aber wenn dein Teamkollege ein zweimaliger Weltmeister war, zu dem du lange Zeit aufgeschaut hast, und dann gegen ihn, äh, mit ihm arbeitest, dann ist das schon ein Privileg. Daher ist es schade, dass Fernando nicht mehr da ist." Alonso schießt den Giftpfeil ebenso perfide zurück: "Als ich zu McLaren-Mercedes kam, konnte ich viel von ihm lernen." Bei nächster Gelegenheit kann der Hass auf offener Strecke ausbrechen.

Dritte Runde: Heikki Kovalainen gegen Lewis Hamilton

Der Finne, im Ringtausch mit Alonso von Renault zu McLaren gekommen, verspricht zwar "Mit mir wird es keine Probleme geben", aber er versucht es nach dem gleichen Muster wie sein britischer Kollege im Vorjahr. Mutlos macht ihn das nicht: Zur Vorbereitung auf den Großen Preis von Australien machte der 26-Jährige Urlaub auf Hamilton Island.

Vierte Runde: Fernando Alonso gegen Nelson Piquet jr.

Der Brasilianer fährt mehr gegen den großen Namen des Herrn Papa, der dreifacher Weltmeister war und aus den Siegprämien locker die Ausbildung des Sohnemanns zahlen konnte, als gegen Alonso. Denn der hat sich dem Vernehmen nach bei seiner Rückkehr zu Renault nicht nur eine Gehaltserhöhung, sondern auch die Nummer eins festschreiben lassen.

Fünfte Runde: Felipe Massa gegen Kimi Räikkönen

Die Südamerikaner bei Ferrari haben traditionell Adjudantenstatus. Aber Massa, der von Jean Todts Sohn Nicolas gemanagt wird, will nicht zum Nachwuchs-Barrichello werden. Er setzt im Weltmeisterteam - im Gegensatz zu Räikkönen - auf intensive Telefongespräche mit Edel-Testfahrer Michael Schumacher.

Sechste Runde: Mercedes gegen BMW

Die Münchner, die den ersten Sieg als Saisonziel ausgegeben haben, werden von Mercedes-Sportchef Norbert Haug entsprechend herzlich willkommen geheißen: "Es wird auch höchste Zeit..." Genüsslich verweist der Stuttgarter auf die Uralt-Ankündigung des Münchner Vorstands aus dem Jahre 1997, keine 60 Rennen (wie Mercedes) zu brauchen, um Weltmeister zu werden - bislang sind es 138...

Siebte Runde: Nick Heidfeld gegen Robert Kubica

Der Pole von BMW möchte nicht achteinhalb Jahre auf den ersten Sieg warten wie Platzhirsch Heidfeld. Immer wenn sich die beiden im letzten Jahr auf der Strecke nahe gekommen sind, war das ein Stimmungsmacher im Team. Analog zur radikalen Neukonstruktion des weiß-blauen Autos gilt: Jeder ist sich selbst der nächste.

Achte Runde: Ron Dennis gegen den Rest der Welt

Bis zur Landung in Australien galt der umstrittene Teamchef von McLaren-Mercedes, der nach dem Spionageskandal im eigenen Haus das widerwillig das Büßergewand überziehen musste, als Auslaufmodell. Aber die Sturheit hat gesiegt. "Ich bin hierher gekommen um zu bleiben." Das macht es für Mercedes nicht leichter, das Sagen im Silberpfeil-Rennstall zu übernehmen.

Neunte Runde: Nico Rosberg gegen Sebastian Vettel

Unter den fünf Deutschen in diesem Formel-1-Jahrgang sind der 22 Jahre alte Williams-Pilot Rosberg und Toro-Rosso-Fahrer Vettel (20) die beiden unter den Schumi-Erben mit der größten Perspektive. Beide waren schon in diesem Winter Kandidaten für den Silberpfeil. Nur einer kann Deutschlands Liebling werden, ein Rennen gegen die Erwartungshaltung. Wer findet den richtigen Zeitpunkt zum Absprung?

Zehnte Runde: Honda gegen Toyota

Die Japaner lieferten sich bislang ein totes Rennen darum, wer am meisten Geld ausgibt und am wenigsten dafür bekommt (in diesem Jahr zusammen kolportierte 900 Millionen Dollar). Toyota-Entwicklungschef Kazuo Okamoto will auf keinen Fall sein Gesicht verlieren: "Ich möchte nicht, dass die Menschen über Toyota lachen..." Honda hat aus ähnlichen Gründen das ehemalige Ferrari-Superhirn Ross Brawn als Spin-Doctor verpflichtet. Gegen die japanische Rivalität wirkt das Duell Mercedes gegen BMW wie ein Kinderspiel.

Elfte Runde: David Coulthard gegen Rubens Barrichello

Der Schotte, der in zwei Wochen 37 Jahre alt wird, ist der Senior im Fahrerfeld. Der Brasilianer ist der geduldigste, er wird in sieben Rennen die Bestmarke des Italieners Riccardo Patrese (256 Grand-Prix-Einsätze) knacken. Coulthard ist überzeugt: "Es gibt Leute mit 24, die älter sind als ich mit 37." Aber Vorsicht, "No country for old men" hat gerade den Oscar bekommen.

Zwölfte Runde: Vijay Mallya gegen das Vorurteil

Er ist der vierte Besitzer des ehemaligen Jordan-Rennstalls (mit dem beide Schumis in die Formel 1 einstiegen) in vier Jahren, und darunter der dritte Milliardär. Der Teamchef von Adrian Sutil, der Brauereien und Fluglinien besitzt, will ein echtes Indisches Nationalteam formen. Als rasende Werbekolonne für sein eigentliches Ziel: ein Rennen in Delhi.

Aber zunächst stehen die 58 Runden im Albert Park an. Lang genug für manches Duell.


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