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Formel1: Revolte vertagt?

Im engsten Finale der Formel 1 seit 1986 wollen die Herausforderer Michael Schumacher mit seinen eigenen Waffen besiegen - aber der Champion schlägt kühl zurück.

Es ist ein interessantes Lächeln, das Michael Schumacher vor sich her trägt, so ein relaxtes Ihr-könnt-mir-doch-gar-nix-Lächeln. Das setzt er jedes Mal auf, wenn Juan Pablo Montoya in seiner Nähe ist; oder wenn ihn einer auf seinen kolumbianischen Rivalen im Kampf um die Formel-1-Weltmeisterschaft anspricht. Schumacher lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: "Ich war schon so oft in solchen Situationen." Der Subtext dabei lautet: Und ich habe immer gewonnen. Er ist zu alt, um sich auf verbale Duelle mit seinen Herausforderern einzulassen. Er lächelt sie nieder.

Die spannendste Saison

seit 1986, seit dem legendären Finish zwischen Alain Prost, Nigel Mansell und Nelson Piquet, biegt auf die Zielgerade, und Schumacher hat sich einen hübschen Vorsprung auf seine renitenten Thronfolger herausgefahren: drei Punkte auf Montoya, sieben auf Kimi Räikkönen. In dieser Saison ist er selbst in finstersten Momenten erstaunlich souverän mit Niederlagen umgegangen. Nun, zwei Rennen vor Schluss, ist Deutschlands bester Autofahrer entspannt wie nie. Die Revolte schlägt er nieder. Auch wenn er diesmal richtig arbeiten muss fürs Geld.

Schumacher war der erste Fahrer einer neuen Generation: frech, unbekümmert, keine falsche Bescheidenheit und frei von Geschichtsbewusstsein im Motorsport. Für ihn ist die Formel 1 kein Mythos, sondern Arbeitswelt. Statt auf der Rennstrecke ehrfürchtig den Legenden Platz zu machen, hat er sich sofort mit Helden wie Alain Prost oder Ayrton Senna angelegt. Montoya, Räikkönen und Shootingstar Fernando Alonso ticken genauso. Auch für sie gibt es keine Vorbilder, und sie werden den Teufel tun, für den Champion zu bremsen.

So unterschiedlich sie sein mögen

, diese Mischung aus Talent, Zielstrebigkeit und professioneller Einstellung verbindet sie. Auch darin sind sie Erben Schumachers. Sie haben als Zwerge im Kart begonnen, sind seit früher Kindheit an Wettkampf gewöhnt. Und jetzt sind die Hochbegabten zu Meisterfahrern gereift.

Im Motorhome von Hewlett-Packard, Hauptsponsor von BMW-Williams, singt Jennifer Lopez: I'm Glad. Und hier kommt Senor Montoya, 28, der gar nicht glücklich aussieht an diesem Tag. Er trägt eine oliv-grüne Cargohose und ein Schlabberhemd, fläzt sich aufs blaue Ledersofa und dreht vorher die Klimaanlage auf 20 Grad runter. Zum Auftakt also eine Gute-Laune-Frage: Sie haben die Formel 3000 gewonnen und in Amerika die ChampCar-Serie, jetzt die Formel 1? "Abwarten", sagt Montoya. "Wenn ich gewinne, gewinne ich. Wenn nicht, dann eben nicht. Soll ich mich hinstellen und sagen: Hey, ich bin der nächste Weltmeister? Das ist doch Bullshit."

Hätte man eigentlich erwartet, dass er sich hinstellt und so was sagt. Montoya gilt als ultimativer Latino-Macho und fälschlicherweise auch ein wenig als Großmaul. Er hat die prestigereichsten Autorennen der Welt gewonnen, die Indy 500, den Grand Prix von Monaco. Trotzdem gibt es eine Menge Leute, die bezweifeln, dass er das Zeug zum Weltmeister hat. Es heißt, er sei unbeherrscht, immer für eine Dummheit gut. Zweimal hat er in dieser Saison Siege verschenkt. "Typisch Formel 1", sagt Montoya, "du machst ein paar Fehler, schon hast du deinen Ruf weg." Er sagt, Schumacher mache auch Fehler. Nur fielen die nicht auf, so überlegen wie der immer war.

Dieses Jahr hat die Konkurrenz Ferrari ans Limit getrieben. Und als die Italiener den Reifenhersteller Michelin wegen der illegalen Pneus verpetzten, standen sie auch noch als schlechte Verlierer da. Ein Team, das einst in einer anderen Liga fuhr, wirkte hilflos - gegen Rivalen, bei denen auch viel danebenging.

Zu Saisonbeginn haben noch alle über den BMW-Williams gelacht, der zum ersten Mal seit Jahren eine echte Neuentwicklung ist; die eigenen Leute verspotteten ihn als Schildkröte. McLaren-Mercedes brachte seinen MP4-18 gar nicht an den Start, weil er durch den Motorsport-TšV fiel. Wie kann Ferrari da nur so alt aussehen?

Mario Theissen ist Motorsportdirektor bei BMW. Nicht frei von Stolz spricht er darüber, dass es in der Formel 1 noch nie so eine steile Entwicklungskurve während einer Saison gegeben habe wie in diesem Jahr. Das liegt natürlich an den Reifen, aber auch daran, dass sich die beiden Teams von BMW und Williams endlich angenähert haben. Vor allem aber haben BMW-Williams und die eigene Kreation, der FW25, zueinander gefunden. Formel-1-Autos sind Wunderwerke der Ingenieurskunst, und doch kommt es vor, dass die Schöpfer ihr Kunstwerk erst verstehen lernen müssen. "Ich war mir nach dem ersten Rennen selbst nicht sicher", sagt Theissen, "ob uns das gelingen würde."

Ein paar Meter das Fahrerlager runter sitzt Norbert Haug an seinem Schreibtisch in der zweiten Etage des Glaspalastes von McLaren-Mercedes. "Natürlich würden wir lieber mit dem neuen Auto fahren", sagt er. Aber das quasi neue tut's ja auch, es ist komplett überarbeitet. Wenn Haug darüber redet, wie Kimi Räikkönen durch einen Defekt und unverschuldete Startunfälle die Punkte flöten gingen, ist die gesamte Verzweiflung des Mercedes-Motorsportchefs zu spüren - was alles möglich gewesen wäre. Haug sagt aber auch: "Abschreiben sollte den Kimi noch keiner."

Räikkönen, 23, hat eine kuriose Saison.

Sieg in Malaysia, fünfmal Zweiter. Er fährt so unspektakulär, dass man ihn kaum wahrnimmt während des Rennens; plötzlich steht er auf dem Siegerpodest. Haug ist fasziniert von dem Jungen: "Er steht ja nicht mal in dieser Position, weil er überragende technische Voraussetzungen hatte." Sondern weil er im Rennen keine Fehler macht - und so eines der ältesten Gesetze aufhebt: das vom Erfolgsfaktor Erfahrung.

Hat er schon immer gesagt, der blasse Finne. Sein Stimmchen ist über den Bistrotisch hinweg kaum zu verstehen. Er sagt: "Ich bin Außenseiter." Und dass der Titel des jüngsten Weltmeisters der Geschichte zwar ganz schick wäre, aber dass es nicht um Rekorde gehe, sondern um Siege.

Schumacher könnte am 12. Oktober in Suzuka als erster Formel-1-Pilot seinen sechsten Titel feiern. Auch ein Rekord. Er hat es selbst in der Hand. In Japan gewann er die letzten drei Mal, aber die engen Kurven in Indianapolis sollten dieses Jahr eher den Michelin-Fahrern liegen. Vermutlich. BMW-Mann Theissen sagt: "Prognosen haben in dieser Branche den Makel, dass sie meist nicht zutreffen."

Markus Götting / print

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