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1. Bundesliga: Fünf Fragen an den 8. Bundesliga-Spieltag

Kann man nur mit einer guten Defensivarbeit Tore gegen Bayern schießen? Wie schlecht darf man spielen, wenn man in Leverkusen gewinnen will? Und kann es sein, dass Huub Stevens Abwehrarbeit gar nicht so wichtig findet? Ja, sind wir denn verrückt? Nein, vielleicht haben wir einfach nur ein schlechtes Übersetzungsprogramm. Wir haben uns nämlich in ganz Europa bei den letzten Gegnern der Bundesligisten umgehört.

Fünf Fragen stellen wir jeden Freitag an den Bundesligaspieltag. Fünf Bundesligisten haben unter der Woche im Europapokal gespielt. Da liegt es nahe, den Ausblick aufs Wochenende mit dem Rückblick auf die internationalen Spiele zu verknüpfen. Wer müsste besser wissen, was Sache ist, als die letzten Gegner?

1) How can you score against Bayern?
(Wie kann man gegen Bayern treffen?)

Zehn Spiele ohne Gegentor - diese große Serie der Bayern hielt auch im Spiel gegen den bisher namhaftesten Gegner der Saison, Manchester City. Die englischen Medien hatten nach dem Spiel vor allem mit dem Eklat um Carlos Tévez zu tun, der sich geweigert hatte, eingewechselt zu werden. Seine und Edin Dzekos Unprofessionalität (der Bosnier hatte seinen Trainer nach seiner Auswechslung beschimpft) galten etwa Daniel Taylor im Guardian als Sinnbild für eine Mannschaft, die noch nicht professionell genug für die Champions League sei.

Nachdem man die Lobeshymnen, die zum Beispiel von Henry Winter im Telegraph über Bastian Schweinsteiger und Franck Ribéry ausgeschüttet werden, gelesen hat, kommt man zur Frage: Was hätte City tun müssen, um gegen Bayern Tore zu erzielen? Die paradoxe Antwort für Holger Stanislawski und Hoffenheim, am Samstag Gastgeber der Münchner, lautet: keine Tore kassieren. Natürlich mag man die zwei nicht gegebenen Elfmeter für City als ersten Ansatz wählen, aber in typisch britischer Fairness hielten sich die englischen Qualitätszeitungen mit derlei Erklärungen nicht lange auf.

So gut die erste halbe Stunde von City aussah, als die Gäste, faktisch mit vier Stürmern operierend, Bayern weit in die eigene Hälfte drängten - zwei Abstaubertore von Mario Gomez, beide vermeidbar, wenn die Abwehrspieler (Gael Clichy beim 1:0, Kolo Touré beim 2:0) gedankenschneller reagiert hätten, nachdem ihr Keeper Joe Hart jeweils stark pariert hatte.

Dass Roberto Mancini dann in der zweiten Halbzeit Stürmer Dzeko (der den Freistoß vor dem 2:0 verschuldet hatte) herausnahm, um mit Nigel de Jong einen defensiven Mittelfeldspieler zu bringen, war in der Tat rätselhaft. Besser, der Trainer hätte von Anfang an sein zentrales Mittelfeld stabilisiert und auf 0:0 gespielt. So hat es schließlich auch Borussia Mönchengladbach beim Sieg in München im August gemacht.

2) Est-ce que c'est possible que Borussia Dortmund sont trop jeunes pour la Champions League, mais contre Augsburg, ca va?
(Kann es sein, dass Borussia Dortmund zu jung für die Champions League ist, aber gegen Augsburg klappt es schon?)

Auch, wenn Sat.1-Kommentator Wolff-Christoph Fuss (nach einer Focus-Umfrage angeblich Deutschlands zweitbester Kommentator) das Spiel in Marseille am Ende kommentierte, als habe Dortmund trotz Weltklasseleistung unverdient verloren - die Kombination aus groben Abwehrfehlern und schwacher Chancenauswertung bedeutet in einem Auswärtsspiel in der Champions League (wenn es nicht gerade bei Otelul Galati ist) halt eine Niederlage. In diesem Fall 0:3.

Dass Dortmund auswärts 60 Prozent Ballbesitz und doppelt so viele Torschüsse hatte wie OM - schön und gut. Aber genau das Gleiche galt vergangene Woche auch für Hoffenheim in Köln. Und niemand zweifelte an der Klasse, mit der der FC sich in diesem Spiel zum Sieg gekontert hatte. Dennoch gab sich auch die Sportzeitung L'Equipe keinen Illusionen darüber hin, wie das 3:0 zustande gekommen war. Dortmund habe das Spiel im gleichen Maße verloren, in dem das "opportunistische" OM es gewonnen habe. Neben dem konsequenten Verwerten der Dortmunder Geschenke sei es aber vor allem auch Keeper und Kapitän Steve Mandanda zu verdanken, dass der Sieg so deutlich ausgefallen ist.

Le Monde hob derweil das allgemein schwache technische Niveau des Spiels hervor, mit dem Marseille noch keineswegs über den Berg sei. Das nicht, aber was sagt es über Dortmund aus? Mario Götze, der durch das permanente Fallenlassen von Robert Lewandowski und die schwache Form von Shinji Kagawa oft in der Spitze auftauchte, war allein viermal an Mandanda gescheitert. Selbst, wenn das Spiel am Samstag in Dortmund genau so läuft - Simon Jentzsch muss schon einen sehr guten Tag haben, um bei gleicher Chancenanzahl zu null gegen Dortmund zu spielen. Zudem sind Daniel Baier und Sascha Mölders auch nicht André Ayew und Loic Rémy. Mit anderen Worten: Gegen den FCA sollte Dortmund auch in der jetzigen Verfassung gewinnen.

3) Moet je goed te spelen naar Leverkusen verslaan?
(Muss man gut spielen, um Leverkusen zu schlagen?)

Nach dem abgeschenkten Spiel in München und der bitteren Derbypleite gegen Köln konnte Bayer 04 in der Champions League endlich mal wieder gewinnen. Gegen den belgischen Meister KRC Genk wusste die Mannschaft von Robin Dutt, der in vielen deutschen Medien, nicht zuletzt im Kicker, schon großen Gegenwind bekommt, nicht wirklich zu überzeugen: Die deutsche Mannschaft "maakte geen verpletterende indruuk", analysierte Het Nieuwsblad. Frei übersetzt: Leverkusen konnte auch die flämischen Journalisten nicht beeindrucken.

Den Kollegen aus Belgien war auch nicht entgangen, dass Bayer seinen Ballbesitz eher verwaltete, als das Spiel schnell zu machen. Der User Rutger van Oost kommentierte dann auch unter dem Spielbericht von Sportwereld.be: "Genk kann zu Hause sicher gegen dieses Leverkusen gewinnen". So weit ist es gekommen. Interessant aber nun, was das für Wolfsburg bedeutet, den kommenden Gegner von Bayer 04 in der Bundesliga.

Der VfL gewann seine letzten beiden Heimspiele und musste dafür jeweils nicht besonders gut spielen - weder gegen Schalke noch gegen Kaiserslautern war Wolfsburg in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft, aber es reichte zu sechs Punkten. Leverkusen wiederum verlor seine letzten Spiele zugegebenermaßen gegen Teams (Chelsea, Köln, Bayern), die genau wussten, was sie taten. Kaum kam mit Genk ein sehr limitierter Gegner, da reichte es schon zu einem, wenn auch mageren, Sieg. Gegen den VfL der letzten drei Wochen sollte es da analog zu diesen Erfahrungen eigentlich auch zu drei Punkten reichen. Es sei denn, Magaths Wolfsburg findet endlich heraus, wie es eigentlich spielen will.

4) האם זה עדיין או שוב Schalke סטיבנס?
(Ist das noch Schalke oder schon wieder Stevens?)

Sein erstes Spiel als Rückkehrer auf die Schalker Bank führte Huub Stevens mit Maccabi Haifa zusammen - eine lösbare Aufgabe, auch verglichen mit dem Spiel in Hamburg am Sonntag. Das sahen auch die israelischen Medien im Vorfeld so. Während von Maccabi Tel Aviv (gegen Dynamo Kiew) und Hapoel Tel Aviv (in Warschau) Siege erhofft wurden, wäre Haifa mit einem Punkt in Gelsenkirchen "mehr als glücklich", wie die Jerusalem Post befand.

Es sollte nicht so kommen. Klar verdient gewann Schalke mit 3:1 gegen den israelischen Meister. Unsere Frage, ob das Schalke oder Stevens war, muss man einstweilen klar mit "Schalke!" beantworten. Denn an Stelle der abgegriffenen Defensivklischees, die den neuen, alten Trainer umgeben wie Paparazzi ein Hotel, in dem Lady Gaga abgestiegen ist, waren die Knappen im Spiel nach vorne sehr ansehnlich, in der Defensive aber immer wieder anfällig.

Fast 20 Torschüsse ließ Schalke im eigenen Stadion gegen eine im europäischen Maßstab zweitklassige Mannschaft zu. Sinnbildlich für die gegen Haifa noch aufgehende "Was kümmert mich die Defensive, wenn ich vorne meine Tore mache?"-Mentalität war einmal mehr Christian Fuchs, der gleich zwei Treffer selbst markierte, den ersten nach zwei Doppelpässen, den zweiten mit einem schönen Freistoß, beim Gegentor aber dafür aber auch gleich zweimal schlecht aussah, als er erst Idan Vered den Ball auflegte und dann auch noch zusah, wie der Torschütze nach Ralf Fährmanns Parade nachsetzte und im zweiten Versuch den Ausgleich erzielte.

5) Каже перемоги в Україну що-небудь про шанси Ганновера проти Бремен?
(Sagt der Sieg in der Ukraine irgendwas über Hannovers Chancen in Bremen aus?)

Die Komsomolskaya Pravda war nicht zufrieden. Keines der vier ukrainischen Teams im Europacup hat in dieser Woche gewonnen, und das, obwohl die Gegner "alle schlagbar waren". Neben APOEL (bei Shakhtar Donetsk), Maccabi Tel Aviv (gegen Dynamo Kiew) und AZ Alkmaar (bei Metalist Kharkiv) zählte die Kiewer Tageszeitung auch Hannover (bei Vorskla Poltava) zu den schlagbaren Gegnern. Nach dem Spiel befand das Blatt, Vorskla sei absolut gleichwertig gewesen, habe aber leider trotzdem verloren.

Nun kann man der Perspektive einer Stadt, deren früheste Zeugnisse aus dem 12. Jahrhundert datieren, deren Stadtväter aber trotzdem schon 1999 den 1100. Geburtstag ihres Gemeinwesens feierten, natürlich mit Misstrauen begegnen. Doch auch aus Hannoveraner Sicht lässt sich bestätigen, dass nach einer eigentlich komfortablen Halbzeitführung in der zweiten Spielhälfte nur noch sehr wenig zusammenlief, und am Ende nur das überhastete Angriffsspiel der Ukrainer den Ausgleich verhinderte.

Im Hinblick auf das Wochenende sagt das aber wenig aus. Denn von den grünen Trikots abgesehen haben Poltava und Bremen eigentlich wenig gemein. Dass der Weg von der Vorskla an die Leine aber wesentlich länger ist als der von der Weser, dürfte sicherlich den Hanseaten in die Hände spielen. Schließllich haben Hannovers Spieler und Trainerstab rund 4.000 Reisekilometer in den Knochen, wenn sie am Sonntag in der AWD-Arena auflaufen. Durchaus denkbar, dass die drei Punkte aus der Europa League so das einzige sind, die Hannover aus dieser Woche mitnimmt. Denn anders als Vorskla hat Werder ja auch noch einen Claudio Pizarro.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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