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Vor der Rückrunde: Steht Thomas Tuchel beim BVB am Scheideweg?

Thomas Tuchel stößt in seinem zweiten Trainerjahr bei Borussia Dortmund an seine Grenzen, der Umbau der Mannschaft stockt. Von einem Mann, der vielen im Verein ein Rätsel bleibt.

BVB Thomas Tuchel

Wie geht es beim BVB unter Thomas Tuchel in der Rückrunde weiter?

Dieser Artikel erschien am 19. Januar 2017 in der stern-Ausgabe 04/2017 vor dem ersten Bundesliga-Spieltag des Jahres, an dem Borussia Dortmund mit 2:1 bei Werder Bremen gewann.

Der Mann, den sie in Dortmund auch nach eineinhalb Jahren nicht zu fassen bekommen, trägt wie immer seinen Segeltuchanzug, als er an einem zugigen Samstagnachmittag im Januar über den Rasen des Estadio Municipal zu seiner Trainerbank schlurft. In La Linea de la Concepción, einem Vorposten Gibraltars, bereiten sich Thomas Tuchel und Borussia Dortmund mit einem Freundschaftsspiel gegen PSV Eindhoven auf die Rückrunde der Bundesliga vor.

Mächtige Tanker ruhen hinter dem Stadion im strahlenden Mittelmeer. Der Affenfelsen Gibraltars ragt hinter der Haupttribüne in den Himmel. Sollte tatsächlich das letzte Kapitel zwischen Dortmund und seinem Trainer hier beginnen, so wäre zumindest der Rahmen ein würdevoller.

Schon die zweite Frage erregt Tuchels Argwohn

Tuchel nimmt auf einer weißen Trainerbank Platz. 90 Minuten sitzt er zumeist ruhig dort. 4 : 1 – ein gelungener Auftakt. Doch es ist für ihn noch nicht ausgestanden. Der erste Journalisten-Kontakt des Jahres steht bevor, allzu oft ein freudloser Moment für ihn. Schnell verkomplizieren sich die Dinge. Schon die zweite Frage aus dem rund zehn Personen starken Pulk erregt Tuchels Argwohn. Klingt da Kritik durch? Wo er den Hebel ansetzen wolle, um weniger Gegentore zu kassieren, will ein Reporter wissen. "Wir hatten im letzten Jahr mehr Gegentore zu diesem Zeitpunkt", antwortet Tuchel gefasst, doch die Lust auf Erhellendes scheint ihn bereits zu verlassen. "Man muss aufpassen, dass man nicht einen Aspekt herausnimmt aus dem ganzen Spiel und darauf die Energie legt. Es gibt jetzt nicht den einen Schwerpunkt, von dem wir sagen, der muss besser werden" , fährt er kurz darauf fort. Dann verschwindet er eiligen Schrittes durch einen Seitenausgang.

Ein paar Tage später sagt er zum gleichen Thema in einem Interview mit dem WDR-Radio: "In der Defensive müssen wir auf jeden Fall eine neue Achtsamkeit und eine neue Wertschätzung für das Zweikampfverhalten, für Kopfballduelle, für eine defensive Zweikampfführung finden, sonst werden wir die gleichen Probleme wie bisher haben." Mal so, mal so. Als sei ihm egal, was die Leute denken.

Wer sich Thomas Tuchel nähert, kann schnell verwirrt werden. Was meint er ernst? Wann kommt er nur seinen Pflichten nach? Er ist ein Mensch mit vielen Gesichtern, mal sanft, reflektiert und selbstironisch, dann wieder eigensinnig, ungeduldig. Vor allem aber ein Getriebener, so viel haben sie im eigenen Klub festgestellt.

Nach sieben Jahren unter der alles dominierenden Trainerfigur Jürgen Klopp kam Tuchel 2015 und erfrischte diese auf Überfallfußball gebimste BVB-Elf mit seinem ballbesitzorientierten Ansatz und allerlei Neuerungen in der Mannschaftsführung. Am Ende der ersten Saison landete er zwar hinter den Bayern, aber mit 78 Punkten; so viele hatte noch nie ein Saison-Zweiter geholt.

Ein halbes Jahr später ist Tuchels Kredit beträchtlich geschwunden. Sein erster Stresstest steht an: Denn der einzige nichtbayerische deutsche Verein von internationaler Strahlkraft nimmt als Tabellen-Sechster die Geschäfte zum Start des neuen Jahres in Bremen auf. Eine Enttäuschung angesichts eines mit Nationalspielern bestückten Kaders, allen Verletzungssorgen zum Trotz.

Denn nicht hinter nationalen Größen wie Schalke oder Leverkusen sortiert sich Dortmund ein – die eher biederen Frankfurter und Berliner rangieren vor dem BVB. Deren Personalstand lässt fantasievolles Spiel eher nicht zu. Aufsteiger Leipzig und Tabellenführer Bayern München sind an der Spitze bereits enteilt.
Entsprechend deutlich fallen neuerdings die Ansagen aus der Chefetage aus. "Ich erwarte nicht mehr und nicht weniger von allen Beteiligten, als dass wir uns direkt für die Champions League qualifizieren" , fordert der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Champions League, das heißt mindestens Platz drei. Ein Muss für einen Kader, dessen spielerisches Potenzial das der Konkurrenz weit übertrifft.

BVB: Watzkes Verhältnis zu Tuchel "total intakt"

Watzke trägt einen schwarz-weißen Trainingsanzug mit den Initialen HJW und hat an einem sonnigen Sonntag an der Strandpromenade Marbellas Platz genommen, der Stätte des Wintertrainingslagers. Sein Verhältnis zu Tuchel beschreibt er als "total intakt" . Von einer Freundschaft wie zu Klopp könne man aber nicht sprechen. Schnell wird deutlich, dass Tuchels Schonfrist nun langsam endet: "Wir hatten genug Zeit, um an der Integration der neuen Spieler zu arbeiten. Ein halbes Jahr muss dafür reichen."

Man kann das als nur leicht verklausulierten Rat an Tuchel werten: Er solle bitte die Dauerrotation seines Personals aus der Vorrunde beenden. Und die junge Elf nicht mit ständig wechselnden Vorgaben überfordern. Dieser Dortmunder Kader, angefüllt mit exzellenten Technikern wie Dembélé, Guerreiro, Reus, Aubameyang, Weigl und Götze, mag höchsten Ansprüchen genügen – doch der Elf fehlt das Gerüst des Vorjahres. Versessen tüftelt Tuchel deshalb weiter.

Gleich drei Akteure von internationalem Rang verlor der BVB im Sommer: Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan. Vor allem, dass der Verein seinen Lieblingsspieler Mkhitaryan nicht zu halten vermochte, traf Tuchel, einer der besten Tor-Vorbereiter der Liga zog nach Manchester. Der Verein hatte dem Trainer anderes versprochen.

Wohl auch deshalb stellt Watzke heute fest, es sei ausdrücklich Mkhitaryans Wunsch gewesen, den Klub zu verlassen. Soll niemand glauben, die Geschäftsführung habe ihn nur der 42 Millionen wegen verscherbelt, ohne Rücksicht auf den eigenen Coach.
Zu Tuchels Verdruss verkauften seine Chefs aber nicht nur seinen Lieblingsspieler, sie erfüllten offenbar viele seiner Transferwünsche nicht. Weder Ömer Toprak und Karim Bellarabi von Bayer Leverkusen noch Mahmoud Dahoud von Mönchengladbach spielen heute unter seiner Regie in Dortmund.

Tuchel hätte sich mehr Einfluss auf die Kaderplanung gewünscht. Doch kein Spieler sei "gegen den Trainer" verpflichtet worden, erklärt Watzke dazu. "Wir haben keinen realisierbaren Wunsch, den wir auch für sinnvoll erachtet haben, ausgeschlagen. Aber Borussia Dortmund stößt an Grenzen, wenn ein Spieler nun einmal zu teuer ist oder der andere Verein nicht verkaufen will." Vor allem in der Abwehr mangelt es Tuchel nun an Auswahlmöglichkeiten. Kantige Recken wie Sven Bender, zuletzt lange verletzt, sehnt er deshalb wie Heilsbringer herbei. Bender wirft sich als Innenverteidiger in jeden Zweikampf – fast ein Alleinstellungsmerkmal im BVB-Kader. Doch er ist schon wieder angeschlagen, wie auch der Grieche Sokratis.

Zwar gehören zu den Neuen Supertalente wie Ousmane Dembélé und Raphaël Guerreiro, aber eben auch der Verteidiger Marc Bartra aus Barcelona und Sebastian Rode aus München, die in ihren Klubs zum Ersatz zählten und nicht mit dem Selbstverständnis von etablierten Weltklassespielern gesegnet sind.

Schürrle und Götze stimmen Tuchel nicht glücklich

Tuchels Wunschkandidat aus gemeinsamen Mainzer Tagen, André Schürrle, sowie Mario Götze konnten den Trainer bislang ebenfalls nicht glücklich stimmen. Vor allem Götze droht schon wieder zum Wanderer zwischen allen möglichen Positionen zu werden. Verzagt kehrte er nach drei Jahren aus München nach Dortmund zurück. Nun wollte er sich wieder einmal unumstritten fühlen, nachdem er sich vom damaligen Bayern-Trainer Pep Guardiola gewogen und für zu leicht befunden gesehen hatte.

Doch auch unter Tuchel findet Götze nicht zur Form aus frühen Dortmunder Tagen zurück. Die taktischen Variationen des Trainers scheinen ihn eher zu hemmen als zu beflügeln. Auch im defensiven Mittelfeld musste er ran. In Marbella sagte er dem stern: "Jeder weiß, wo meine Stärke ist." Er meinte: das offensive Mittelfeld. Aber alles sei natürlich vom Trainer und dessen System abhängig. "Da habe ich nicht so viel Einfluss drauf." So wie Götze geht es auch anderen Spielern: Tuchel wählt sein Personal entsprechend der jeweiligen Taktik, nie umgekehrt. So findet sich mancher selbst nach ordentlichen Leistungen wieder auf der Einwechselbank wieder.

Der Trainer Tuchel traut sich zu, dass eine Mannschaft dank seiner Coaching-Kompetenz einen nominell prominenteren Gegner aus der Balance zu bringen versteht. Er teilt diesen Glauben mit den ganz Großen: Guardiola, das ist seine Bezugsgröße. Tatsächlich besiegte Dortmund in der Hinrunde die Bayern und ließ Real Madrid in der Gruppenphase der Champions League hinter sich. Tuchel will sich und seiner Elf kein Limit setzen. Dieser Anspruch ist eine seiner größten Stärken. Und derzeit eines seiner Probleme.

Denn etablierte Kräfte mögen sein schneidendes und zupackendes Coaching am Seitenrand aushalten, doch noch sind viele seiner Schützlinge nicht ausgehärtet; mancher verlor sein Selbstvertrauen. Vielleicht legt der Trainer deshalb zuletzt mehr Empathie an den Tag – was bedeutsam ist im emotionalen Dortmund. Mit viel Verständnis sprach Tuchel öffentlich über die Nöte von André Schürrle bei der Wohnungssuche. Auch darüber, dass Götze sich erst wieder akklimatisieren müsse. Es scheint, als öffnete er sich etwas, um die leicht gedrückte Stimmung rund um seine Elf zu drehen. Er spürt, dass etwas kippen könnte, wenn der Start ins neue Jahr misslingt. Am Ende des Trainingslagers hatte sich auch die Haltung der Presse gegenüber gelockert: Fast schon sanftmütig beantwortete Tuchel die Fragen der Journalisten. Als wolle er manchen aus dem Tross für sich zurückgewinnen.

Er lernt ja selbst noch, mit gerade einmal 43 Jahren. Kein Alter für einen Trainer. Dortmund ist sein erster großer Klub. Er trägt noch die Emotion eines Mannes in sich, der die eigenen Grenzen nur schwer akzeptieren kann. Als Dortmund im November in Frankfurt 1 : 2 unterlag, geißelte er in einer Philippika die Mentalität seiner Elf. Seine Worte klangen nach Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Es war ein authentischer Auftritt; geholfen hat er ihm nicht. Tuchel wirkte, als müsse er sich von seiner Elf distanzieren, um nicht vom eigenen Frust aufgefressen zu werden.

Seine bisherige Karriere hat hohe Erwartungen geweckt. Er steht kurz davor, in die Riege der internationalen Toptrainer hineinzuwachsen. Die ersten Großklubs haben bereits vorgefühlt. Ein fulminanter Aufstieg ist das für einen Mann, dessen Spielerkarriere nach kargen acht Zweitligaspielen endete: Knorpelschaden im Knie. Er hat dann seinen Ehrgeiz auf die Laufbahn am Spielfeldrand übertragen: Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, Deutscher Meister mit der A-Jugend des FSV Mainz 2009. Ein paar Wochen später übernahm er die Mainzer Bundesligamannschaft, er war noch keine 36. Bald schon konnte er sich seine Jobs aussuchen: Er wählte Dortmund.

Dort respektieren sie ihn für sein zwanghaftes Streben. Aber er bleibt für den Klub und die Fans immer auch ein bisschen unheimlich in seiner Obsession. Er hat das mit dem Katalanen Pep Guardiola gemein, einem Fußball-Nerd vergleichbaren Ausmaßes. Beide verstehen sich gut, nicht allein, weil sie der gleichen Denkschule anhängen: Ballbesitzfußball, situative Anpassung an den Gegner, detailversessene Arbeit.

Guardiola und Tuchel: Die Parallelen verblüffen

Die Parallelen verblüffen: Guardiola überwarf sich in München mit der eigenen medizinischen Abteilung und tat wenig, um das Verhältnis zu kitten. Tuchel liegt seit einem Jahr mit dem eben erst vom Chefscout zum Kaderplaner beförderten Sven Mislintat über Kreuz.

Guardiola und Tuchel bemühen sich um eine weiche Rhetorik, zeigen aber im Konfliktfall eine sehr scharfe Kante. Beide wollen sich nicht vereinnahmen lassen, nicht einmal innerhalb der eigenen Klubmauern. Einen unsichtbaren Kokon hat Tuchel um sich und sein Trainerteam gesponnen. Nur hier vertraut er wirklich. Die zweite Burg, das ist das Haus, in dem er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Dortmund lebt. Manchmal scheint es, als sei Tuchel in einer geheimen Trainermanufaktur nach dem gleichen Bauplan erschaffen worden wie sein Vorbild aus Katalonien. Oder eifert er ihm nach?

Thomas Tuchel hat sich nie als jedermanns Kumpel gesehen. Ruhig erfüllt er nach dem Training die Fanwünsche. Er begreift das als seine Pflicht. Lachen sieht man ihn auf den Handy-Bildern nicht. Nie wollte er mehr sein als nur ein Trainer. Den leutseligen Ruhrpottlern müssen so viel Bedacht und Misstrauen verdächtig sein. Tuchel hat gerade auch darauf reagiert und Fragen zu seinen nächtlichen Gelüsten beantwortet ("Chips, Schokolade, Erdnüsse – aber nur nach Siegen"). Die Botschaft: Seht her, ich bin ein Mensch mit den gleichen Schwächen wie ihr.

Man hätte gern mit Tuchel auch über das Thema Distanz zur Basis in Ruhe gesprochen. Als man ihn nach einer Trainingseinheit um ein Interview bittet, windet er sich fast schüchtern, um sich schließlich geschickt zu entziehen. Er bleibt schwer zu fassen und immer auch ein wenig unberechenbar.

Tuchel hat registriert, dass die Vereinsführung in der Winterpause nicht über eine vorzeitige Vertragsverlängerung verhandeln wollte; sein Kontrakt läuft bis 2018. Er trainiert ab sofort auf Bewährung. Hans-Joachim Watzke sagt, alles werde von Resultaten dominiert. Sollte Tuchel deutlich an der Champions League vorbeirauschen, ist eine Trennung im Sommer nicht völlig ausgeschlossen.

Watzke strebt wohl auch deshalb "eher im zweiten Teil der Rückrunde" Gespräche an. "Anschließend werden wir das Gefühl entwickeln, ob das für beide Seiten über die drei Jahre hinaus Sinn ergibt." Man müsse eruieren, ob Verein wie Trainer weiter die Bereitschaft hätten, diese Sisyphos-Arbeit zu leisten. Er meint: Jahr für Jahr die besten Spieler zu verlieren und wieder von vorn anzufangen. Watzke kann sich auch vorstellen, den Vertrag schlicht auslaufen zu lassen. "Das wäre überhaupt kein Problem." Menschen, die Thomas Tuchel nahestehen, sagen, er wolle drei Jahre bleiben. Er wisse um die Größe der Chance, sich bei einem Klub wie Dortmund beweisen zu dürfen.
Er sei – dankbar.

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