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Fehlstart für Bayern München: Gefangen in der Van-Gaal-Falle

Die Bayern sind die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga los. Seit der Winterpause läuft es nicht mehr in der Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes. Eine Problemanalyse.

Von Klaus Bellstedt

Aus der Führungstroika war nach dem ernüchternden 1:1 der Bayern beim HSV nur einer zu einer Stellungnahme bereit. Während die Herren Hoeneß und Rummenigge die Arena kommentarlos und mit dampfenden Köpfen durch einen Hinterausgang verließen, legte Manager Christian Nerlinger den Finger in die Wunde und strengte ein Rechenbeispiel an: "Wir sind mit drei Punkten Vorsprung in die Rückrunde gegangen. Jetzt haben wir zwei Punkte Rückstand. Das sagt alles." Eine klare Niederlage zum Auftakt bei Borussia Mönchengladbach, ein biederer Arbeitssieg gegen einen an Harmlosigkeit kaum zu überbietenden VfL Wolfsburg und nun lediglich ein Remis gegen den Hamburger SV, den man im Hinspiel im eigenen Stadion noch so glanzvoll mit 5:0 besiegt hatte: Das ist zu wenig für die Ansprüche des Rekordmeisters, der weit von der Form der Hinserie entfernt ist. Was aber sind die Probleme der Münchener?

1. Keine Variabilität im Spielsystem

Der HSV ist in dieser Saison nicht gerade dafür bekannt, seinen Gegnern spielerisch die Grenzen aufzuzeigen. Neu-Trainer Thorsten Fink hat der Mannschaft lediglich die Grundtugenden des Fußballs neu eingebimst. Gegen die Bayern verdienten sich die Hamburger den Punkt durch viel Leidenschaft und taktische Disziplin. Darunter fiel auch der simple (und nicht mehr ganz neue) Schachzug, die Außen Robben und Ribéry zu doppeln. Mittlerweile hat wohl auch die letzte Mannschaft in der Bundesliga kapiert, dass den Bayern so beizukommen ist.

Das Erstaunliche daran: Trainer Jupp Heynckes versteht es im Moment nicht, auf die taktische Vorgabe des Gegners mit dem richtigen Schachzug zu reagieren - womit wir bei Bayerns Ex-Coach Louis van Gaal angelangt wären. Unter dem Zepter des Niederländers war das Spiel auf Ballbesitz, Zirkulation und Breite ausgelegt. In der Vorrunde schien der Geist von Heynckes' Vorgänger eigentlich schon vertrieben. Jetzt ist er wieder da. Das Spiel der Bayern ist viel zu statisch und von Einzelaktionen abhängig. Werden die Offensivsäulen aber an die Kette gelegt, fällt dem Rekordmeister nichts mehr ein.

Ein Vergleich: Dortmund hatte beim 2:0-Erfolg in Nürnberg nur elf Torschüsse in 90 Minuten, Bayern in Hamburg doppelt so viele. Richtig zwingend waren die Abschlusssituationen aber nicht. Bezeichnend ist auch, dass das Ausgleichstor von Olic nach einer Standardsituation fiel - so wie die restlichen drei Bayern-Treffer in der Rückrunde. Der BVB erzielte im gleichen Zeitraum übrigens zehn Tore, von denen neun aus dem Spiel heraus fielen. All das zeigt: Bei den Bayern muss eine Systemveränderung her, um endlich der Berechenbarkeit entgegenzuwirken.

2. Das Aufstellungsdilemma um Toni Kroos

Mit Toni Kroos als Zehner lief es in der Hinrunde blendend. Zuletzt bekleidete der 22-Jährige, der im vergangenen Jahr vielleicht die beste Entwicklung aller Bayern-Akteure genommen hat, zweimal hintereinander die Sechser-Position. Gegen Mönchengladbach musste Kroos gar für Ribéry auf der linken Außenbahn ran. Richtig wohl fühlt sich Kroos aber nur hinter der einzigen Spitze Mario Gomez. "Für mich ist diese Position idealer", so der Nationalspieler nach dem Spiel in Hamburg. Das Kuriose daran: Sogar Jupp Heynckes sieht Kroos dort besser aufgehoben. "Tonis Qualitäten kommen in der offensiven Rolle besser zum Tragen", sagt der Bayern-Trainer - und steckt diesbezüglich doch in einem Dilemma. Denn stellt er den Mittelfeldspieler auf seine Lieblingsposition, dann müsste sich Heynckes in der offensiven Dreierreihe zwischen Müller und Robben für den rechten Flügel entscheiden. Mut zur Veränderung ist jetzt gefragt. Kreativspieler Kroos, mit Schweinsteiger der einzige Stratege im derzeit formschwachen Bayern-Kader, ist im defensiven Mittelfeld verschenkt. Robben oder Müller, einer von beiden muss für die Umbauaktion dann eben auf die Bank.

3. Die Formschwäche der Schlüsselspieler Wir erwähnten ihn gerade: Thomas Müller. Der Shootingstar der WM ist der erste Kandidat für eine Auszeit. Müller wartet seit September 2011 auf ein Tor. Ja, seine Laufleistung ist wie immer enorm, aber die Effektivität hat fast schon erschreckende Ausmaße angenommen. Der Nationalspieler hat seine Leichtigkeit verloren und wirkt verunsichert. Was allerdings auch daran liegen könnte, dass er unter Heynckes mehr und mehr zu einer Art Verschiebemasse mutiert. Müller ist ein Weltklasserechtsaußen. Das hat er zum Beispiel beim glanzvollen 3:0-Sieg der Nationalmannschaft im November gegen Holland bewiesen.

Bei den Bayern wird er hin und her geschoben und spielt gerade da, wo es hapert. Derzeit läuft Müller zentral hinter Gomez auf. Seinen Instinkt findet er dort aber auch nicht wieder. Wenig Impulse für die Offensive gehen neuerdings auch von Philipp Lahm aus. Der Kapitän spielt seinen Stiefel in der Viererkette meist souverän herunter, mehr nicht. Gegen den HSV bemängelte der Führungsspieler das "Durchsetzungsvermögen im letzten Drittel" des Spielfeldes. Damit lag Lahm nicht falsch, nur hätte er sich bei der Manöverkritik selbst mit einbeziehen müssen.

Die Viererkette der Bayern tritt außen (siehe Lahm) uninspiriert auf, innen wackelt sie neuerdings. Mitverantwortlich hierfür: Jerome Boateng. Die Entwicklung des Verteidigers nimmt mittlerweile bedenkliche Züge an. Übersicht und Ruhe sind in seinem Spiel komplett verloren gegangen. Boateng war sowohl gegen Gladbach, als auch in Hamburg der Unsicherheitsfaktor mit einem Stellungsspiel, das an die Dynamik einer Schildkröte erinnerte.

4. Die Bank

Im vermeintlichen Luxuskader der Bayern fehlen die personellen Alternativen. Die Personaldecke ist zu dünn. "Es ist ein großes Problem für uns, wenn zwei, drei Spieler verletzt sind. Wir haben ein Problem auf der Bank, wir haben einfach keine gute zweite Mannschaft", moserte Franck Ribéry vergangene Woche nach dem Training in München. Der Franzose hat Recht. Gegen den HSV bildeten mit Pranjic, Alaba, Petersen, Luiz Gustavo, Olic und Usami sechs Feldspieler die Reserve. Keiner davon ist gelernter Verteidiger. Weil van Buyten und Rafinha ausfielen, lief Tymoshchuk hinten rechts auf. Auch der Ukrainer fühlt sich im defensiven Mittelfeld viel wohler - wovon man sich in Hamburg eindrucksvoll überzeugen konnte. Jupp Heynckes sprach sich in der Winterpause klar und deutlich gegen einen "Schnellschuss" aus. Jetzt muss der Trainer mit dem vorhandenen Material auskommen. Das ist riskant. Auch und gerade im Abwehrbereich.

Die Tabellenführung haben die Bayern nach dem 20. Spieltag zunächst an Borussia Dormund verloren. Und momentan spricht wenig dafür, dass sie sie schon in naher Zukunft zurückerobern werden. Schon in dieser Woche steht für den Rekordmeister ein erstes kleines Endspiel an, das erheblichen Einfluss auf die Saisonbilanz haben könnte. "Im DFB-Pokal ist es nur ein Spiel. Wenn man das verliert, hat man schon einen Titel verloren", mahnt Arjen Robben vor der Viertelfinalpartie an diesem Mittwoch beim VfB Stuttgart. "Es wird ein hartes Spiel für uns", betont auch Philipp Lahm. Ausscheiden verboten, möchte man dem Kapitän noch hinterher rufen.

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